Ein paar mal im Jahr flammt sie auf: Die Debatte, ob Senioren in einem bestimmten Alter gezwungen sein sollten, ihren Führerschein abzugeben. Und zwar immer dann, wenn gerade wieder ein älterer Mitbürger mit voller Geschwindigkeit in eine Fußgänger-Zone oder ein Geschäft gerast ist. In Zukunft könnte diese Debatte durch die Wissenschaft gelöst werden: Das eigene Auto soll Menschen, die nicht sicher fahren können, automatisiert von A nach B bringen.
Den Grundstein für eine solche Entwicklung hat ein deutsches Forschungsteam der TU Braunschweig und des Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF) gelegt. Das Team hat weltweit zum ersten Mal erfolgreich ein vollautomatisch gesteuertes Auto im normalen Straßenverkehr fahren lassen.
Bislang hatte es ähnliche Versuche nur auf Autobahnen gegeben. Und auch die Assistenzsysteme in Autos sind bisher nicht auf den Stadtverkehr ausgerichtet. Weltweit versuchen Konzerne und Wissenschaftler automatische Systeme in Fahrzeugen zu verbessern, um das Fahren sicherer zu machen und die Unzulänglichkeiten der Fahrer auszugleichen. Selbst ein geistig und körperlich gesunder Mensch hat eine Redaktionszeit, die deutlich hinter der eines computergesteuerten Systems herhingt. Ein Großteil der rund 2,3 Millionen Verkehrunfälle auf deutschen Straßen pro Jahr könnte mit Hilfe von automatisierten Systemen verhindert werden.
Mit dem zum Forschungsfahrzeug umgebauten VW Passat "Leonie" hat das Braunschweiger Team einen weiteren Schritt in diese Richtung getan. Leonie bewältigte führerlos eine vorprogrammierte Strecke von ungefähr zehn Minuten Fahrtzeit. Die Strecke liegt auf dem viel befahrenen, zweispurigen Braunschweiger Stadtring. "Ich fahre diese Strecke jeden Morgen zur Arbeit, sie ist wirklich schwer. Eine Hauptaterie Braunschweigs, die extrem unfallträchtig und gefährlich ist", sagt Mitentwickler Markus Maurer von der TU Braunschweig. Das Forschungsfahrzeug kann bislang bei bis zu Tempo 60 selbstständig die Spur halten, Kreuzungen berücksichtigen, Hindernissen ausweichen sowie Abstände und Geschwindigkeiten dem fließenden Verkehr anpassen.
Zur Sicherheit saß bei der Testfahrt noch ein Fahrer im Auto, dieser musste aber nicht ungeplant eingreifen. Nur bei den Ampelphasen braucht das Forschungsfahrzeug noch Hilfe, weil es diese nicht selbständig erkennen kann. Daran und am automatischen Linksabbiegen an unübersichtlichen Kreuzungen wollen die Forscher als nächstes arbeiten. Langfristig wollen die Wissenschafter mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung ihres Fahrzeuges erreichen, dass Assistenzsysteme in Autos besser auf den Stadtverkehr angepasst werden. Dazu planen sie Kooperationen mit Volkswagen, Audi und Daimler.
In Zukunft soll dann das Fahrzeug eingreifen, wenn es im Stadtverkehr kritisch wird - und das mit deutlich besserer Reaktionszeit als der Fahrer. Das Forschungsauto konnte sein Potenzial schon bei einer zurückliegenden Testfahrt beweisen: Ein Fahrradfahrer tauchte ungeplant direkt vor dem Forschungsfahrzeug auf. Leonie bremste noch bevor der Sicherheitsfahrer reagierte. "Wir können uns auch vorstellen, dass Menschen in Zukunft nur noch Passagiere sind. Vor allem alte Leute könnten so länger mobil bleiben", sagt Wissenschaftler Maurer. Für das Forschungsauto sei es allerdings erst einmal ein Riesenschritt, wenn man irgendwann völlig auf den Sicherheitsfahrer verzichten könne.