Verkehrsminister Peter Ramsauer weiß, was Kraftfahrer wünschen. "Kennzeichen sind für die meisten Autofahrer eine Herzensangelegenheit", sagt der CSU-Mann. Und noch inniger ist offenbar das Verhältnis zu längst verschwundenen Kennzeichen. Also will Ramsauer für ein Comeback von Buchstabenkombinationen sorgen - ein Geschenk für Lokalpatrioten, die ihrem ALS, BRV oder LWL nachtrauern.
Viele Ortskennzeichen verschwanden nach Gebietsreformen, bei denen Landkreise neu zugeschnitten wurden. Aber wer weiß schon, dass sich hinter LDK der Lahn-Dill-Kreis verbirgt und dass die Stadt Wetzlar ein Teil dieses Kreises ist. "Künftig können Fahrzeughalter durch ihr Kennzeichen wieder die Zugehörigkeit zu ihrem Herkunftsort, ihrer Gemeinde, Stadt oder Region zeigen", schwärmt Ramsauer. Das Nummernschild sei "Ausdruck von Heimatverbundenheit, Heimatliebe und Identifikation".
Was fehlt, ist die Zustimmung des Bundesrats - doch das sollte kein Problem sein. Die Reform ist populär und kostet kein Geld. Nach einer Umfrage der Fachhochschule Heilbronn wünschen sich knapp drei Viertel der Befragten die Altkennzeichen zurück. Vor allem Ostdeutsche, die sich erst kürzlich von ihren Buchstaben trennen mussten, hängen an den alten Schildern. Aber auch im Westen, wo die Gebietsreformen schon weit zurückliegen, geht die Nostalgie um.
Der neu gebildete Landkreis Vorpommern-Rügen praktiziert bereits die neue Vielfalt. Das Kürzel VR steht seit Jahresbeginn auf den neuen Nummernschildern. Daneben dürfen die Rüganer aber auch ihr angestammtes RÜG behalten. Und die Bewohner Stralsunds bekommen weiterhin das Kennzeichen HST.
Dem deutschen Landkreistag graust es vor dem Kennzeichenwirrwarr. Der nordrhein-westfälische Ableger des Kommunalverbands befürchtet Wildwuchs, wenn auch eingemeindete Orte ihre Nummernschilder zurückbekommen. So wollen die heute zu Bochum gehörenden Wattenscheider künftig wieder mit ihrem WAT herumfahren. Theoretisch könnte also auch der Kölner Stadtteil Nippes oder Berlin-Kreuzberg ein eigenes Kennzeichen beantragen.
Die Verordnung lässt auch die Vergabe von Kennzeichen an Orte zu, die früher kein eigenes Nummernschild gehabt haben. "Der Fantasie wollen wir hier keine Grenzen setzen", sagt NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD). "Aber ob es NIP für Köln-Nippes oder ROX für Münster-Roxel in Zukunft geben wird, soll vor Ort entschieden werden." Damit meint er Landkreise und Städte.
Das Interesse an den alten Kennzeichen ist jedenfalls da, wie das Beispiel Wetzlar zeigt. In der hessischen Stadt wird seit dem 1. Juli wieder das 1976 abgeschaffte WZ-Kennzeichen vergeben. Mehr als 4000 der 51.500 Einwohner haben das neue Kennzeichen oder haben es beantragt. Kosten und Gebühren schrecken sie nicht ab: Etwa 20 Euro kosten die Schilder, weitere 26 Euro verlangt die Behörde.