Volkswagen steht vor einem der riskantesten Modellwechsel der jüngeren Unternehmensgeschichte. In zwei Wochen stellt der Autobauer eine Neuauflage des Golf vor, der von November an verkauft werden soll. Und ausgerechnet mit dem Modellwechsel bei ihrem Brot-und-Butter-Auto führen die Wolfsburger auch eine völlig neue und mit hohen Investitionen verbundene Fahrzeug- und Fertigungstechnologie ein. "Das ist eine Wette mit hohem Einsatz", sagt Analyst Christoph Stürmer vom Branchenforscher IHS Automotive. "Entsprechend haben die Verantwortlichen jetzt Manschetten."
Die Produktion des neuen Autos läuft seit zwei Wochen und wird seit diesem Montag hochgefahren. Wenn es am 4. September vorgestellt wird, ist es abgesehen vom wenige Wochen alten Audi A3 das erste aus dem Konzern, das aus standardisierten Komponenten eines sogenannten modularen Querbaukastens zusammengesetzt wird.
Aus diesem sollen in den kommenden fünf Jahren gut 43 unterschiedliche Modelle konstruiert werden. Bis 2018 hängt nach IHS-Berechnungen mehr als die Hälfte der Konzernproduktion an der Technologie. Alle Fabriken sollen umgestellt werden.
Im Wolfsburger Stammwerk wird sich in den nächsten Wochen zeigen, ob die neue Technik und die neue Produktionsorganisation funktionieren. Wenn in größerem Umfang Nacharbeiten an den gefertigten Autos nötig werden, wenn es Rückrufe gibt, Probleme mit Zulieferern oder die Produktion nachträglich umgebaut werden soll, dann könnte es für den Konzern ungemütlich werden - nicht nur der Kosten wegen, sondern auch, weil das Image des Konzernbestsellers Golf auf dem Spiel steht.
Analyst Stürmer glaubt, dass die Konzernführung auch deshalb Bargeld hortet, um auf Unwägbarkeiten im Zusammenhang mit dem Baukastensystem reagieren zu können. Zu Jahresende standen trotz des Porsche-Kaufs 17 Mrd. Euro Liquidität in den Büchern der Autosparte. In der Vergangenheit hatte Volkswagen wiederholt Probleme mit dem Anlauf neuer Modelle, etwa bei Golf V und Passat. Die neue Technik hatte deshalb an volumenschwachen Modellen getestet werden sollen. Dann zog der Vorstand aber den Start des Golf VII vor.
Nach den Plänen werden fast alle Autos der Konzernmarken VW, Audi, Skoda und Seat vom Klein- bis zum Mittelklassewagen aus den gleichen Komponenten gefertigt. "Das ist die komplexeste Plattform der gesamten Industrie", sagt Stürmer. VW will mit ihr schneller und billiger produzieren, Entwicklungskosten sparen und flexibler werden. Allerdings versprechen die Prognosen keine revolutionären Einsparungen. Die Kostenreduktion um ein Fünftel im Vergleich zum Vorgänger entspricht ungefähr dem Branchenstandard bei der Einführung neuer Plattformen.
Die verhaltenen Erwartungen könnten auch damit zu tun haben, dass das Projekt zu komplex geworden ist - und die Risiken inzwischen größer eingeschätzt werden. "Wenn etwas schiefgeht, wird es kritisch", sagt Stürmer. "Der Konzern läuft bereits unter sehr hoher Anspannung."