Wintertauglicher war ein Ferrari noch nie. Während viele Luxushersteller PS-starke SUV bereits ins Modellprogramm aufgenommen haben oder wie Lamborghini, Bentley und Rolls-Royce zumindest angestrengt darüber nachdenken, geht man in Maranello den Weg der kleinen, schnell realisierbaren Schritte. Die Norditaliener haben verstanden, dass ohne Allradversionen auf manchen Märkten nichts mehr zu holen ist - und der Ferrari FF ist das Ergebnis dieser Erkenntnis.
Das Design als Shooting Brake ist polarisierend. Die Front stimmig, das Heck schmuck, aber wild zerklüftet. Die restlichen Dreingaben sind typisch Ferrari: lange Haube, Frontmittelmotor, langer Radstand, muskulöse Formen.
Der 4,91 Meter lange Ferrari FF bietet Platz für vier Personen, die zumindest im Fond jedoch nicht von hühnenhaftem Wuchs sein sollten. Zwei größere Kinder oder Damen von zierlicher bis mittlerer Statur können hier sitzen - mehr nicht. Zwar ist über dem Scheitel genug Platz, doch die Beinfreiheit ist dünn. Es ist mehr der 450 Liter große Laderaum, mit dem Ferrari punkten will. Wer die beiden Einzelsitze im Fond ganz oder die Durchlade in der Mitte umlegt, kann sogar eine Skiausrüstung einladen.
Die gute Nachricht für alle glühenden Ferrari-Liebhaber: der FF besitzt neben dem variablen Allradantrieb einen grandiosen Zwölfzylinder mit 6,3 Litern Hubraum und 660 PS. Die letzten Kilometer den Berg hinauf zum winterlichen Hotel oder der Skihütte sind dadurch auch mit dem gelben Pferdewappen auf den Flanken machbar - zumindest wenn es gelingt, die zwei Tonnen Leergewicht in Abstimmung mit besagten 660 PS im Zaum zu halten.
Doch es muss nicht immer Schnee sein. Bei dieser Leistung bietet der Allradantrieb, dessen Vorderachskraftfluss sich bei höheren Geschwindigkeiten spurlos verabschiedet, gerade auf Landstraßen nennenswerte Traktionsvorteile. In Verbindung mit breiten Pneus bringt der Norditaliener die 486 kW/660 PS und 683 Nm bei 6600 U/min beeindruckend souverän auf die Fahrbahn.
0 auf Tempo 100 schafft es der Italiener in 3,7 Sekunden, bis 200 Stundenkliometer braucht er gerade einmal elf - das ist beinahe so spektakulär wie die Höchstgeschwindigkeit von Tempo 335, die jeden Porsche Panamera nur traurig am Straßenrand verhungern lässt.
Beim FF geht es wie bei allen Ferraris um Leistung, Geschwindigkeit und Luxus. Niemand interessiert sich nennenswert für den in Aussicht gestellten Normverbrauch von 15,4 Litern Super, der durchaus zu realisieren ist.
Am Steuer zeigt sich schnell, dass der FF ein wahrer Ferrari ist. Die Lenkung ist messerscharf und das Fahrverhalten selbst auf schlechter Fahrbahn ein Genuss. Sein üppiges Gewicht kann der Sportler jedoch weder mit seinem grandiosen Klang, noch seinen schier unendlichen Leistungsreserven überspielen.
Das siebenstufige Doppelkupplungsgetriebe stammt vom Ferrari 458. Im FF aber begeistert es nicht. Besonders der Automatikmodus kann im Komfortbereich nicht vollends überzeugen. Hier sind die Gangwechsel in den nächst niedrigen Gang oftmals ruckelnd zu spüren.
Im manuellen Modus sieht es besser aus und der Ferrari FF präsentiert seine echten Sportwagengene. Dabei wird ein Teil der Motorleistung nur dann an die Vorderräder übertragen, wenn die Leistung nicht komplett per Hinterachse auf den Asphalt gebannt werden kann. Für zusätzliche Traktion und Agilität sorgt die elektronische Differential an der Hinterachse, das die Motorleistung bei der Kurvenfahrt flexibel auf linkes oder rechtes Rad verteilt.
Der Innenraum bietet abgesehen von den zwei zusätzlichen Einzelsitzen im Fond den bekannten Ferrari-Charme. Die Sitze sind gut, könnten jedoch noch etwas tiefer sein und noch mehr Seitenhalt bieten. Das Ferrari-Steuerrad aus Kohlefaser bekam neben den bekannten Modulen wie Starterknopf und Manettino noch weitere Dreingaben wie zwei Taster für die Blinkerbedienung und einen Schalter für die Scheibenwischer.
Billig und alles andere als überzeugend zeigt sich das Bildschirmnavigationssystem, das man sich kurzerhand von der Konzernschwester Chrysler ausgeborgt hat. In der Klasse eines 260.000-Euro-Autos würde man etwas Besseres erwarten - etwas viel besseres. Eine nette Idee hingegen ist das zusätzliche Informationsdisplay für den Beifahrer. Der Ferrari FF ist ein exzellenter Reisetourer mit echten Langstreckenqualitäten. Selten ist man mit 660 PS so lässig unterwegs gewesen.