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Merken   Drucken   06.10.2012, 14:00 Schriftgröße: AAA

Fahrbericht: Porsche 911 Carrera Cabrio - schwäbische Evolution

Mit dem 911er Cabrio schafft Porsche erneut einen beeindruckenden Spagat zwischen Sportlichkeit und Fahrvergnügen. Die Übung gelingt sogar noch besser als beim fast perfekten Vorgänger.

Die Sitze im Porsche 911 Carrera Cabriolet sind gut. So gut, dass man selbst eine Nacht relativ bequem in ihnen verbringen könnte. Doch das gehört sicher nicht zu den Kernkompetenzen des Gestühls im schicken Zuffenhausener. Das ist der Seitenhalt. Und der ist glücklicherweise jederzeit gegeben. Denn der 911er macht natürlich erst in Kurven so richtig Spaß und da lassen einen die Sitze nicht im Stich.

Etwas anders schaut es da mit der elektromechanischen Lenkung aus. Die ist im "Normal-Modus" zu sehr auf Komfort getrimmt und wirkt etwas synthetisch. Der 911er lenkt im Großen und Ganzen immer noch sehr scharf ein. Im "Sport"- und "Sport Plus"-Modus ist das Ansprechverhalten direkter und präziser.

Galerie Porsche 911 Carrera Cabrio - schwäbische Evolution

Wer das Sportchrono-Plus-Paket ordert, kann die G-Werte der Kurvenbeschleunigung im Display betrachten. Ein spaßiges Gimmick. Bewegt man den Porsche artgerecht, hat man allerdings wenig Zeit einen Blick auf die Anzeige zu werfen.

Im Zusammenspiel mit dem 350-PS-Motor macht das Wedeln auf der Landstraße so richtig Spaß. "Sport-Plus"-Taste drücken, anvisieren, einlenken und durch Kurven zirkeln, dass es eine wahre Freude ist. Jetzt reagiert der 911er deutlich bissiger, das Siebengangdoppelkupplungsgetriebe schaltet später und der Befehle des Gaspedals werden noch unmittelbarer in Vortrieb umgesetzt.

Stellt man dann noch das Fahrwerk beziehungsweise die variablen Dämpfer auf "Sport", wird der der Porsche zur Rennmaschine, die aber dann schon sehr exakt Rückmeldung über die Straßenbeschaffenheit gibt und jede Unebenheit an das Hinterteil des Fahrers rapportiert. Bei so viel Laune am Wedeln ist es gut, dass die Bremsen bei Bedarf kräftig zupacken. Allerdings kosten die Keramikbremsen knackige 7150 Euro Aufpreis. Für den Normalfahrer tut es auch die serienmäßige Stahlvariante.

Wie gewohnt, reagiert der Hecktriebler sehr gutmütig. Vor allem die Verlängerung des Radstands um zehn Zentimeter macht sich positiv bemerkbar. Reagierte der keineswegs schlechte Vorgänger noch bei schnellen Geradeausfahrten leicht nervös, liegt der intern 991 genannte Nachfolger deutlich ruhiger. Auch bei ambitionierten Kurvenfahrten.

Schicke Stoffmütze

Der Auspuff-Knopf in der Mittelkonsole untermalt den Fahrspaß akustisch. Heiser grummelt der 3,4-Liter-Sechszylinder-Boxer-Motor vor sich hin, ehe ein Druck auf das Gaspedal ein Klangopus freisetzt, das im Zusammenspiel mit dem heruntergeklappten Dach Suchtpotential hat. Bei den Testfahrten leuchtete die Diode, die die Sportauspuffanlage anzeigt, jedenfalls dauerhaft.

Richtig Spaß macht das Ganze zwar bei offenem Dach. Doch die schicke Stoffmütze hat nicht mehr viel mit den Verdecken vergangener Tage gemein. Elemente aus leichtem Magnesium geben dem klappbaren Dach eine feste Form, die der des Coupès entspricht. Kurz: Das Cabrio ist offen, wie geschlossen ein Hingucker. Die Transformation zum Oben-ohne-Vergnügen geht im Fahren ruckzuck in gut 13 Sekunden bis zu einer Geschwindigkeit um Tempo 60 vonstatten. Im geschlossenen Zustand ist das Geräuschniveau für ein Cabrio relativ gering.

Gepäcklos glücklich

Kraft hat der neue 911er genug. Auch ohne das "S" im Namenszug. Mit dem schnell schaltenden Doppelkupplungsgetriebe ist in 4,8 Sekunden die 100-Stundenkilometermarke geknackt und in 16,4 Sekunden Tempo 200 erreicht. Drückt man die Sport-Plus-Taste, geht es sogar noch etwas schneller. Die Höchstgeschwindigkeit von Tempo 284 dürfte auch für die meisten Lebenslagen genügen. Mit einem Durchschnittsverbrauch von 12,3 Litern pro 100 km liegt das Cabrio knapp vier Liter über dem angegeben Wert, was sich in Anbetracht der Fahrleistungen aber durchaus sehen lassen kann.

Wenn stört es bei so viel Spaß, dass der Kofferraum seinen Namen kaum verdient und die Sicht nach hinten durch das kleine Fenster etwas beeinträchtigt wird. Für Gepäck gibt es immer noch die Sitze hinter dem Fahrer, die nur sehr gelenkigen Menschen oder Kindern zu empfehlen sind.

Und nun zum Finanziellen

Allerdings ist der Spaß nicht ganz billig. Der Grundpreis für das Porsche Carrera Cabriolet beträgt 84.480 Euro. Kommen dann noch ein paar Extras dazu, ist die 100.000-Euro-Grenze schnell erreicht. Keinesfalls sollte man auf die Parkpiepser verzichten. Aber die kosten nur 300 Euro. Deutlich teurer ist da schon das Navi mit 2620 Euro, das Doppelkupplungsgetriebe mit 2950 Euro oder die variablen Dämpfer für 1.400 Euro.

Was ist eigentlich mit den eingangs erwähnten Sportsitzen? Auch da holt einen der Blick auf die Aufpreisliste sofort wieder in die Realität zurück. "Sportsitze, elektrisch 14 Wege 1900 Euro" steht da. Gut dafür hätte man auch eine Nacht in einem Luxus-Hotel bekommen. Aber da hätte man sicher weniger Spaß gehabt als mit dem Porsche.

Unterm Strich ist das Carrera Cabrio ein rundum gelungenes Auto. Das gut zu bewegen ist und nur zum kompromisslosen Sportler wird, wenn der Fahrer es will. Wer auf 50-Extra-PS verzichten kann und die 30.000 Euro Mehrpreis statt in ein Carrera-S-Modell in die Ausstattung steckt, ist mit dem Carrera gut bedient.

  • Pressinform, 06.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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