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04.09.2010, 14:00
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Praxistest:
Seat Bocanegra - gestern und heute
Sportliche Modelle im Hause Seat tragen seit Jahrzehnten die Zusatzbezeichnung "Bocanegra". Der aktuelle Ibiza Bocanegra trifft seinen Urahn, den Seat 1200 Sport.
Der aktuelle Seat Ibiza Bocanegra ist ein schneidiger Bursche. Kurz und knapp, schnittig gezeichnet und sportlich motorisiert ist er besonders als dreitüriger Ibiza SC eine sehenswert-sportliche Alternative zu VW Polo, Ford Fiesta oder Renault Clio. Wer will, kann ihn als Cupra Bocanegra mit bis zu 180 PS bekommen, womit der kleine Spanier besonders auf
Autobahnen und Landstraßen zum feurigen Spaßmacher mutiert. Die Fahrleistungen des sportlichen Kleinwagens sind klasse. Vor 35 Jahren zeigte der Seat 1200 Sport ähnliche Gene.
Auffälligstes Designmerkmal des 3,67 Meter langen Spaniers sind nicht ungewöhnliche Schnitte und Fugen aus der Hand des Seat-Designers Luc Donckerwolke, sondern die schwarze Front. Der Ibiza Bocanegra greift eine Tradition wieder auf, die die Spanier initiierten, lange bevor sie sich im Jahre 1986 mit dem Volkswagen-Konzern anfreundeten. In den 60er- und 70er-Jahren war weder an einen Flirt mit VW noch an eine Wolfsburger
Ehe zu denken. Seat war eigenständig und regimebedingt in erster Linie für den lokalen Markt der iberischen Halbinsel gedacht. Sportlich und dynamisch liebten es die Spanier jedoch schon damals. Zumeist wurden im Stammwerk Martorell nahe Barcelona Fiat-Produkte in Lizenzbauweise auf die Räder gestellt. Hauptsache praktisch - Hauptsache günstig.
Galerie
Seat Bocanegra - gestern und heute
Das erste Seat-Modell, das auffällig und eigenständig für die spanische Marke werben durfte, war im Jahre 1975 der Seat 1200 Sport. Kein kompletter Lizenzbau wie sonst üblich, sondern ein kantiges Kompaktklasse-Coupé mit eigenständigem Design und Platz für vier
Personen. Allein die technische Basis bildeten die erfolgreichen Fiat-Modelle vom Typ 124 und 128. Die potenziellen Kunden des "Bocanegra" sollten jünger sein und sich Mitte der 70er-Jahre für ein ungewöhnliches Auto begeistern, das mehr bot als das dröge Einerlei. Seine sportlichen Ambitionen unterstrich der Spanier mit einem schwarzen Mund an der
Fahrzeugfront - spanisch "Boca Negra".
Außer dem komplett in schwarzem Hartplastik gefertigten Rahmen mit Kühlergrill und
Leuchteneinheiten gab es am 1200 Sport des Jahres 1975 jedoch nicht viel wirklich Sportliches. Unter der nach vorne kippenden Motorhaube arbeitete munter dröhnend ein Vierzylinder mit knapp 1,2 Litern Hubraum und 49 KW/67 PS. Dank des überschaubaren Leergewichts von kaum mehr als 800 Kilogramm reichte das für flottes Vorankommen
und 160 Stundenkilometer Spitzentempo. Doch 92 Nm maximales Drehmoment hieß, dass ohne ein Ausdrehen der Gänge nur wenig lief.
Mit Fausthieb bedienenSchmale 145er Pneus, eine indirekte Lenkung ohne Servogene, träge Bremsen und ein wankmütiges Fahrwerk sorgten jedoch dafür, dass Geschwindigkeiten über 130 mit einem gehörigen Schuss Übermut bewältigt werden mussten. Das immerhin mit Leder ummantelte Lenkrad war spindeldürr, und die rustikalen Schalter am Armaturenbrett ließen sich aufgrund ihrer Bauart auch mit einem Fausthieb bedienen.
Vorherrschende Außenkolorationen von 1200 S und 1430 S waren Silber, Gold, Gelb, Blau und Grün - in den 70ern liebten es bekanntlich auch die Südeuropäer farbenfroh. Im Innenraum herrschte dagegen spanische Tristesse. Liebloser brauner Flockvelours überzog die Sitze, die nach heutigen Maßstäben kaum sportliche Gefühle wecken können. Das Platzangebot vorne war für groß gewachsene Insassen überschaubar, und die Rückbank bevorzugt als zusätzliche Lademöglichkeit zu nutzen, war auch zu Zeiten von Klebeblumen und Bonanza-Rädern nicht der schlechteste Gedanke. Denn der Laderaum war nicht nur klein und durch das liegende Ersatzrad schlecht zu nutzen - auch die hohe Ladekante machte das Be- und Entladen nicht wirklich zu einem Vergnügen. Geöffnet wurde die labile Klappe nicht von außen, sondern durch einen versteckten Hebel in der B-Säule. Da kommen noch heute echte Sportwagengefühle auf.
Im Innenraum blickten die Insassen auf den zweifelhaften Plastikcharme der 70er-Jahre. Bei den Hauptuhren für Tempo und Drehzahl wurde die Verwandtschaft zum italienischen Fiat-Konzern ebenso deutlich wie am knochigen Schaltknüppel und den drei Zusatzanzeigen für Uhrzeit, Wassertemperatur und Öldruck. Immerhin die Instrumente sollten dynamischen Tatendrang vorgaukeln, denn ab Tempo 120 begann auf dem Tachometer der gelb
hinterlegte Bereich, wo der Fahrer Vorsicht walten lassen sollte.
Der Drehzahlmesser hatte zu damaligen Zeiten jede Bodenhaftung verloren. Er verfügte zwischen 5800 und 6200 U/min über einen winzigen gelben Bereich. So hoch drehte der nicht einmal 1,2 Liter große Vierzylinder jedoch gar nicht. Danach folgte der rote Drehzahlbereich,
der bis 8000 Touren lief. Wer sich trotz der schwarzen Sportschnauze nicht mit den Fahrleistungen des 1200ers zufriedengeben wollte, konnte ab 1976 eine halbe Klasse höher einsteigen. So war der Bocanegra auch als 77 PS starker Seat 1430 Sport erhältlich. Die
Fahrleistungen waren kaum besser. Doch mehr Hubraum half immerhin, die Höchstgeschwindigkeit von 165 Stundenkilometern etwas flotter zu erreichen. Überraschend, dass der Verbrauch des 1430ers mit 7,5 Litern Benzin auf 100 Kilometern über einen Liter weniger betrug, als beim kleineren Seat 1200 Sport.
Teil 2: Eine wahre Hightech-Rakete
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Pressinform, 04.09.2010
© 2010 Financial Times Deutschland,
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