Die Wege des Herrn sind unergründlich. Ähnliches könnte man über den Schlingerkurs der GM-Bosse sagen. Anstatt eine klare Markenpositionierung vorzunehmen und somit die taumelnde Tochter Opel zu stützen, lassen die Detroiter Strategen den Expansionsgelüsten Chevrolets freien Lauf. "Wir sind ein kleiner Player mit großen Ambitionen", sagt die neue Europachefin Susan Docherty und macht aus ihren Ambitionen keinen Hehl.
Das selbstbewusste Auftreten der kanadischen Marketing-Expertin hat seine Gründe. Zum einen sind die Chevys in der Regel günstiger als die Modelle aus Rüsselsheim. Zum anderen zieht das Argument der moderneren Opel-Technik nur noch bedingt. Waren viele Euro-Chevys früher Daewoo-Derivate, teilen sich zunehmend mehr Modelle die Technik mit den Opels.
Ein Blick auf die Innenräume des Cruze und des Astra zeigt die identische DNA: Wären da nicht die Marken-Logos auf den Lenkrädern, wüsste man auf den ersten Blick nicht, um welches Fahrzeug es sich handelt. Schließlich bauen Astra und Cruze auf der Delta-II-Plattform auf. Der Erfolg bleibt nicht aus - zumindest für die amerikanisch-koreanische GM-Tochter: Der Cruze zählt mit rund 21.000 Fahrzeugen im ersten Halbjahr 2012 zu den bestverkauften Chevy-Modellen in Europa.
Die Attacke geht auch in anderen Segmenten weiter: Seit Juli hat der Opel Insignia mit dem Chevrolet Malibu ebenfalls einen koreanisch-amerikanischen Konkurrenten. Genauso bei den Kompakt-SUVs Mokka von Opel und Trax von Chevy. Beide Modelle werben weitgehend technisch identisch um die Käufergunst. Das einzige Zugeständnis ist, dass der Opel schon im Oktober erscheint, während der Chevrolet erst im nächsten Frühjahr Europa seine Aufwartung macht.
Immerhin: Der Opel Adam (ausgesprochen: Ädam) zielt weit mehr auf das Lifestyle-Publikum ab, als der ältere Chevrolet Spark, ist aber auch deutlich teurer und dürfte sich gegen Mini und Co. schwer tun. Das Astra-Cabrio soll eine ähnlich stilbewusste Käuferschaft ansprechen und Opel-Fans nächstes Jahr den Sommer versüßen. Da Ihnen wichtige Wachstums-Märkte verschlossen sind, setzen die Deutschen einige Hoffnung auf den osteuropäischen und russischen Markt.
Doch selbst die schicksten Modelle und die beste Technik hilft nichts, wenn die Anzahl der potentiellen Abnehmer begrenzt ist: Während Opel und die Schwestermarke Vauxhall lediglich in 40 Ländern vertreten sind und sich im Wesentlichen auf Europa konzentrieren müssen, tritt Chevrolet in 140 Nationen an. Der Umsatz ist dementsprechend: Opel verkaufte 2011 1,2 Millionen Autos, Chevrolet 4,7 Millionen. Die Geduld der Bosse aus Detroit mit Opel neigt sich offenbar dem Ende zu. Der Rüsselsheimer Autobauer hat in den letzen zwölf Jahren mehr als 13 Mrd. Euro Miese gemacht. Und die Rabattschlacht trifft die deutsche Tochter schwer: Laut einer Studie des "Center Automotive Research" der Uni Duisburg zahlt Opel fast 1000 Euro pro Wagen drauf.
Auch die Verkaufszahlen des ersten Halbjahres 2012 versprechen keine Besserung. Im Gegenteil: Opel verkaufte nur rund 457.000 Fahrzeuge. Das sind 15 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der Marktanteil schrumpfte von 7,6 Prozent auf 6,9 Prozent. Im Stammwerk Rüsselsheim wie auch in der Komponentenfabrik in Kaiserslautern droht Kurzarbeit, da die Werke nicht ausgelastet sind. Doch die GM-Planungen gehen noch weiter: Das Werk Bochum soll nach 2016 geschlossen und der Astra zukünftig nicht mehr in Rüsselsheim, sondern in Polen und England produziert werden. Dafür bekommt der deutsche Stammsitz im Zuge der Kooperation mit PSA die Produktion des Citroën DS5 und des Peugeot 508.
Der Chevrolet-Aufschwung geht dagegen weiter. Die GM -Tochter meldet mit über 117.500 verkauften Neuwagen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, einer Steigerung von 10,9 Prozent gegenüber 2011 und damit in West- und Zentraleuropa einen neuen Verkaufsrekord. Die Spirale dürfte sich auch in Zukunft fortsetzen. Chevy kann die Strahlkraft von solchen Automobilikonen, wie den Camaro oder der Corvette nutzen.