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FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
18. März 2010 07:21 Uhr

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Ingredienzien der Fête nationale. I Der Feuerwehrball

Meier | 16. Juli 2008 00:12 Uhr

Die Schlange die Rue Rivoli stadteinwärts ist vielleicht fünfhundert Meter lang. Sie blockiert die ganze Busspur und wenn man sich nachts um helf elf hinten anstellt, bleibt man nicht lange der Letzte. Bald sind es hinter uns auch noch über hundert Meter. Vor uns sind V. und E., Kosmetikerinnen aus Paris. "Letztes Jahr war die Schlange nur halb so lang," erzählt V. Aber nun hätten wohl immer mehr Leute gemerkt, dass der Feuerwehrball im vierten Arrondissement etwas besonderes ist.

Jedes Arrondissement hat seinen traditionellen Feuerwehrball am Vorabend des Feiertags der Republik. Manche feiern gleich am nächsten Tag weiter. Hier im Vierten herrscht schon in der Schlange aufgeräumte Stimmung. Man holt Dosenbier aus den benachbarten Läden, rückt alle zehn Minuten mit der Schlange ein paar Meter nach vorn und macht sich über jene lustig, die sich nach Pariser Sitte mit etwas zu auffälliger Unauffälligkeit in die Schlange tricksen, anstatt sich hinten anzustellen.

Normalerweise dominieren die Touristen das Viertel St. Paul zwischen Rathaus und Bastille. In der Schlange zum Bal des Pompiers stehen keine Touristen. Das ist ein Vergnügen für die Pariser. Zum Feuerwehrball kommen die Menschen, die man eher nicht in den Bars im Marais trifft, die sich vielleicht auch die Clubs im elften nicht so oft leisten mögen.

Es gibt diese Feuerwehrmythen in manchen Ländern und Städten. Die New Yorker Feuerwehrmänner hatten schon vor dem 11. September 2001 eine besondere Bedeutung, seitdem haben sie noch mehr, unter anderem ein Denkmal. Morgen werden die Pariser Feuerwehrleute ihre Bedeutung für die Verteidigung der Republik demonstrieren dürfen, indem sie mit den Generalständen beim Défilé am Präsidenten vorbeimarschieren.

Heute feiern sie. Vielmehr, sie lassen feiern. Denn auch, wenn die Pompiers beim Feuerwehrball zahlreich präsent sind, sie dürfen hier keinen Alkohol trinken - sie sind dafür zuständig palettenweise Bierdosen, kistenweise Champagnerflaschen heranzuschaffen und für kleines Geld einzuschenken.

Aber so weit sind wir noch nicht, die Schlange rückt nur zehnmeterweise voran. Was den Mythos der Pariser Feuerwehr genau ausmacht, müssen wir hier erst noch erkunden. Aber ein moderner Mythos der Pariser Feuerwehrmänner steht fest, er besteht darin, dass sich in den blauen Uniformen die bestgebauten Männer der Stadt verbergen. Verbergen ist eigentlich das falsche Wort, denn die sehr schlankgeschnittenen Uniformhosen in Verbindung mit den luftigen Hemden mit aufgebauschten Schultern wecken bei den Pariserinnen Sehnsüchte. V. zum Beispiel lockt einen jungen Feuerwehrmann heran, der einen Blumenkranz umgelegt hat, wenigstens für ein gemeinsames Foto heran. Als ob derlei ständig geschehe, absolviert er das Ritual.

Angekommen in der Rue Sévigné vor der Feuerwehrkaserne des Arrondissements nimmt dann doch die Drängelei zu. Dabei kann man sich über das Schlangestehen eigentlich nicht beklagen, zum Feiertag geht es in der Schlange sehr ausgelassen zu. Dann sechs Euro Eintritt zahlen. Ein Getränk ist inklusive.

Auf dem Feuerwehrgelände ist es eng und laut und heiß. Das erste, was zu sehen ist, sind neue Schlangen, vor den Toiletten. In einem Gebäude, das man auf dem Weg zum zweiten Innenhof durchqueren muss, geht es so gedrängt zu, dass man nicht mehr selbst bestimmen kann, wohin man geht, man wird getragen. Es fehlt nicht viel und man kann sich Situationen ausmalen, in denen Panik ausbricht. Im Alltag ist vermutlich auch in Paris die Feuerwehr dazu da, solche Situationen zu vermeiden, entsprechende Vorschriften umzusetzen. Doch heute sind solche Dinge egal, die Pompiers am Eingang werden heute Nacht die ganze Schlange, die sich die Busspur der Rue Rivoli entlangschlängelt, noch hereinlassen.

Die Veranstaltung heißt Ball, es gibt einen Wegweiser zum "Orchester" und es finden sich auch einzelne gutgekleidete Mittsechziger zwischen den Pulks von jungen Menschen mit Bierdosen. Doch irgendwann im Laufe der Jahrzehnte muss der Feuerwehrball von einer züchtig geregelten Tanzveranstaltung zu einer feuchten Massenparty geworden sein, die bei allem republikanischem Geist eher an robuste Scheunenfeten in der niedersächsichen Provinz erinnert, als dass hier urbane Eleganz oder revolutionäre Avantgarde zu finden wären. Aber es geht ja bei diesem 14. Juli auch darum, eine Revolution zu feiern, die ein Produkt der rohen Kraft von unten war. Es geht nicht um bürgerliche Distinktion.

Im zweiten Hof spielt die Partyband von U2 bis Jean-Jacques Goldmann alle Pop-Gassenhauer durch, das ist das Orchester. Tanzen auf dem Asphalt, wo sonst die Feuerwehrautos parken, die jetzt wahrscheinlich schon irgendwo glanzgeputzt auf ihren Einsatz bei der morgigen Parade warten. In das Fensterkreuz hat sich ein Pärchen gestellt, er zieht lasziv das T-Shirt bis zur Brust hoch, sie wirft gewagt ihre Beine uns zu. "Je marche seul" singt aus voller Kehle ein Partybesucher, der in einem Bogen den Platz quert, eine halbausgetrunkene Champagnerflasche in der Hand. "Ich gehe allein, durch die Straßen, die sich ergeben und die Nacht vergibt mir". Draußen fährt jetzt schon die Müllabfuhr ihren ersten Einsatz, in der Rue Sévigné steht noch immer eine kleine Schlange. Der 14. Juli hat begonnen und das Volk feiert.


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