Ein anständiges Pariser Mietshaus hat eine Concierge. In einigen Häusern in einzelnen bourgeoisen Vierteln hat sie tatsächlich überlebt, jene gestrenge Dame im Erdgeschoss, die Besucher, Postboten und mitunter auch die Mieter überwacht. Bewohner aller anderen Häuser müssen heute statt ihrer mit Digicode vorlieb nehmen. Digicode ist ein kleines Tastenfeld neben der Haustür, in das man eine fünfstellige Geheimkombination eingeben muss, bevor die Tür sich öffnet.
In ein ordentliches Adressbuch gehört daher nicht nur Straße, Hausnummer, Arrondissement, sondern auch der Code. Natürlich gibt man seine Kombination auch an Briefträger und Blumenboten weiter, an den Zählerableser der EDF und an den Mann, der endlich diesen verflixten Kasten zum Laufen bringen soll, aus dem Internet und Fernsehen und Telefon kommen sollen. Weil daher die halbe Welt den Code hat, kann das Gerät seine Aufgabe nicht ganz so gut erfüllen, wie eine Concierge.
Dennoch haben sich alle an das Getippe gewöhnt und die Verfügung über einen eigenen Code ist die erste Stufe der gesellschaftlichen Akzeptanz. Wenn Sie einem Handwerker am Telefon sagen, dass Ihr Haus keinen Code hat, hält er Sie für einen Studenten oder sonst bedauernswerten Schlucker und spart sich möglicherweise die Anreise.
Die Sache funktioniert also. Wenn sie funktioniert. Wenn sie nicht funktioniert, steht man abends um halb zehn im Regen auf der Straße und drückt immer wieder die gleichen fünf Knöpfe. Nach einer Viertelstunde fragt man Patrick, der früher Heilpraktiker war, jetzt aber die Weinbar unten im Haus führt, ob er eine Lösung weiß. Schließlich hat Patrick ein kleines Büro im ersten Stock, da muss er auch ab und zu rein.
Aber er weiß nichts. "Wenn es regnet, verzieht sich der Türrahmen, dann hat das Ding manchmal Aussetzer," sagt er. Man solle erst einmal hereinkommen und einen Wein trinken, vielleicht erledige sich die Sache dann von selbst.
Das erscheint mir zu riskant. Es könnte ja sein, dass ich dann jemanden verpasse, der zufällig zur Tür herauskommt und mich hereinlassen könnte. Aber es kommt niemand. Es gibt auch keinen Grund, in die kalte, regennasse Nacht herauszukommen, auf die Straße, in der ich stehe und ratlos auf den Knöpfen herumdrücke.
Ein Anruf bei Monsieur M. der im Banlieue wohnt, aber für die Beauftragung der Handwerker zuständig ist, die immer nicht kommen. Monsieur M. hat auch keine Idee, aber immerhin die Telefonnummer des Ehepaars Ma. Das wohnt gegenüber, besitzt aber eine Wohnung im Haus, die es vermietet hat. Das Ehepaar Ma. ist sehr hilfsbereit, der zurückhaltende Monsieur Ma. tritt sogar ein paar Mal verzweifelt gegen die Tür, was diese nicht beeindruckt. Patrick kommt noch einmal heraus und schlägt vor, man solle doch erst einmal auf einen Wein hereinkommen.
Aber Madame will lieber erst einmal die Bewohnerin der Wohnung im zweiten Stock anrufen. Die alte Dame, sie ist schon über siebzig, würde gern herunterkommen und helfen. Aber sie bedauert, sie ist schon im Pyjama. Was nun? Ein bisschen auf der Straße debattieren hilft gegen die Kälte.
Mit ein wenig Herumtelefonieren bekomme ich die Handynummer von G. heraus, meiner Nachbarin von gegenüber. Manchmal ist es doch auch im Alltag nützlich, wenn man einen Beruf hat, bei dem das Herausfinden von Mobilfunknummern zu den Basis-Skills zählt. G. ist sogar erreichbar, dummerweise aber nicht in der Wohnung. Wegen des Streiks übernachtet sie am Stadtrand bei einer Freundin, in der Nähe ihrer Arbeitsstelle. Aber in ihrer Wohnung, erzählt sie, befinde sich ein Bekannter, der wiederum seine Arbeitsstelle in der Innenstadt hat und wegen des Streiks bei ihr übernachtet. Dem schicke sie mal eine SMS, vielleicht könne er herunterkommen.
Nichts geschieht.
Madame Ma. reibt die Hände gegeneinander, gegen die Kälte. Monsieur Ma. wechselt sich damit ab, intensiv auf dem Gerät herumzudrücken, wie ich es auch schon eine Dreiviertelstunde getan habe und der Tür Tritte zu versetzen. Patrick kommt wieder, guckt belustigt und schlägt einen Wein vor. Wenn so etwas mal nach Mitternacht passiert, oder sonst zu einem Zeitpunkt, zu dem alle Welt schon im Pyjama ist, mahnt Madame Ma., dann dürfe man auf keinen Fall einen Schlüsseldienst holen. Alles Verbrecher. Lieber die Feuerwehr oder die Polizei anrufen, sagt Madame Ma. Ihr Mann blickt sorgenvoll nach oben und reibt sich seinen Fuß.
Da geht im Flur das Licht an, der Bekannte von G. hat doch noch die SMS gelesen und öffnet die Tür. Patrick schlüpft schnell mit hindurch in sein Büro, von Wein ist keine Rede mehr.
Am nächsten Mittag bei einer Pressekonferenz. Zwei Elektronikkonzerne haben einen neuen Chip entwickelt. Er soll in alle Handys eingebaut werden, dann kann man sein Telefon vor die Haustür halten und sie springt auf. Die Manager sagen, ihre Sesam-öffne-dich-Platine sei die Zukunft. Für einen Moment hoffe ich das auch.
Dann denke ich an den Regen, und schaue auf mein Handy, dessen Stromvorrat im Akku gerade zur Neige geht. Sie können mich ewiggestrig nennen, Technikfeind oder Nostalgiker. Aber ich hätte lieber eine Concierge.




