Auch diese spezielle Nacht von Villiers-le-Bel beginnt, wie wahrscheinlich viele Nächte in der Kleinstadt rund 20 Kilometer nördlich von Paris. Still liegen die Straßen mit den kleinen Häusern da, Vorhänge werden zeitig zugezogen, vereinzelt kommen ein paar Frauen von der Bahnstation am Ortsrand, auf dem Kopf große blaue Taschen von Ikea, die längst mit Lebensmitteln und Einkäufen vom Markt gefüllt scheinen, statt mit Dreißiger-Beuteln Teelichtern oder Plüsch-Elchen. Feuchtkalte Schwaden in den breiten Departementalstraßen, die die kleinteilige Struktur des Ortes zerschneiden. Über dem riesigen Aldi-Markt der beinahe volle Mond. Am Straßenrand sind kleine Bäume neu angepflanzt, die Straßenbeleuchtung kommt aus den neuesten Katalogen der Stadtmöblierer. Ein gerade gezogener Fahrradweg verschwindet im Dunkeln.
Oben im Ort das Rathaus, ein lieblicher Giebelbau, an dem schon die Buchstaben "Bonnes Fêtes" hängen. Überall ist bereits Weihnachtsbeleuchtung angebracht. Angeschaltet hat sie an diesem Abend niemand.
An diesem Abend posieren fünf breite Polizisten der Sondereinheit CRS vor dem Rathaus, die anderen sitzen in ihren Kleinbussen, einige packen mitgebrachte Brote aus. Auf dem Platz wartet ein Reporter des Fernsehsenders France 2 auf seine Liveschalte, um 20 Uhr beginnen die Abendnachrichten. Polizeikonvois und Feuerwehrwagen fahren mit eingeschaltetem Blaulicht, aber ohne Martinshorn, das stille Straßengeviert um das Rathaus ab, wie zur Vorbereitung auf den Fernseheinsatz. Der Mann vor der Kamera reibt sich die Hände.
Die Ruhe in Villiers-le-Bel verbreitet heute sichtbar Ungeduld.
Wenn man zu Fuß von der Bahnstation hochgekommen ist, scheint sie einem erst recht unwirklich, das Schauspiel von Polizei und Medien hier oben sieht umso mehr wie Theater aus. Auf der Einkaufsstraße, die herüber in den Ort führt, sind die meisten Scheiben zerschlagen. Eine Bäckerei, ein Juwelier. Eine Bankfiliale, deren Sicherheitsglas nur gesplittert ist, es war zu dick. Anderswo waren schon die Spezialfirmen da, die mit Holzverschlägen das Eigentum schützen. In der Bäckerei steht ein Mann, der eben sein Baguette geholt hat. "Heute wollen sie das Rathaus anzünden," sagt er und zeigt zum Ort, das habe er jedenfalls gehört. Er hat einen Garagenplatz für sein Auto, sonst, glaubt er, wäre es vielleicht schon angezündet. "Sie nutzen jeden Vorwand für Krawall." Was passiert sei, sei ihnen völlig egal. Geplündert hätten sie auch. Drüben beim Juwelier.
Dann sagt er das Wort, mit dem sich Nicolas Sarkozy vor zwei Jahren in den Vorstädten von Paris viele Feinde aber auch viele Freunde gemacht hat. "Racaille". Gesindel, Gesocks, Pack. Seinen Namen will der Mann natürlich nicht sagen, er lebt seit fast 20 Jahren hier. Normalerweise sei es ruhig in Villiers-le-Bel, keine Probleme mit Kriminalität, ein paar Halbstarke, die jeden Abend mit ihren Mopeds nerven, mehr nicht.
Zwei Mopedfahrer sind am Sonntagabend unter ungeklärten Umständen umgekommen, sie stießen mit einem Polizeiauto zusammen. Larami, ein 16Jähriger, der im Ort eine Lehre als Bäcker machte. Moushin, 15 Jahre, saß auf dem Sozius, er wollte heute sein Praktikum beim Klempner beginnen. Das Moped war nicht angemeldet, einer der die Jungs gekannt haben will, erzählt, sie hätten es eigentlich zu Weihnachten bekommen sollen.
Die Polizei will bei einer ersten Untersuchung des Vorfalls keine Anzeichen für ein Verschulden der Beamten gefunden haben. Die Familie des einen stamme aus Schwarzafrika, heißt es im Ort, die des anderen aus Marokko. Beide Familien wohnten aber seit Jahrzehnten hier. "Die sind von hier", sagt ein Mann, den wir nach der Herkunft fragen. "Wir alle hier sind von hier, wir sind Franzosen." Viele der Bewohner von Villiers-le-Bel sind eingewandert oder ihre Eltern sind eingewandert oder ihre Großeltern. Sie haben alle Bürgerrechte, sprechen Französisch ohne Slang oder merkbaren Akzent. Die Antwort des Mannes klingt aber, als sei man es hier gewöhnt, sich gegen Zweifel daran zu wehren, dass sie dazugehören.
Ein paar hundert Meter weiter unten steht der zehnstöckige Wohnblock, in dem laut Nachbarjungs die Familien der beiden Getöteten wohnen. Davor ein kleinerer Wohnblock, davor ein Park. Für die Tageszeit, für den verschlafenen Ort erstaunlich viele Fußgänger. Frauen mit Kindern, die nach Hause gehen. Ein eleganter Mann mit Wollmantel, der die Kinder grüßt. Ein paar Gestalten mit Kapuzen, die herunterhuschen. Schwarze und Weiße tauchen in Grüppchen auf, selten gemischt. Aber alle scheinen einander flüchtig zu kennen. Man grüßt sich.
Von dem Polizei- und Feuerwehraufgebot ist hier nichts zu vernehmen.
Dabei sind jetzt unten am Fuße des Parks dumpfe Schüsse zu hören. Gummimunition? Eine Leuchtbombe fliegt herüber und explodiert mit einem ohrenbetäubenden Knall. Dort verläuft die Straße, die zu den beiden Wohnblocks führt. Noch eine Leuchtbombe. Noch eine. Von der Straßenkreuzung unten steigt eine schwarzdunkle Rauchwolke auf. "Sie haben Mülltonnen zusammengeschoben und angezündet," erzählt die Frau, vielleicht Ende Dreißig, die mit ihrem zehnjährigen Sohn gekommen ist. Er friert mit seinem Sweatshirt, eigentlich wollen sie nach Hause, sie wohnen in einem der kleinen Häuser. Aber ob man sich über die Kreuzung trauen soll? Außerdem wird es jetzt spannend.
Unten auf der Straße kommen immer mehr Gestalten, fahren Mülltonnen herunter. Einige fangen an, Metallbarrieren zu bringen, wie sie auch die Polizei benutzt. Hier entsteht eine Barrikade, aber gegen wen? Ist es die Polizei, die die Leuchtbomben wirft? Manchmal fahren noch einzelne Autos durch. Die Barrikadenbauer haben sich mit Steinen und anderen Gegenständen bewaffnet. Sie werfen nach vorne, flüchten nach hinten, bewaffnen sich neu. Ob es die Polizei ist, die auf der anderen Seite steht, ist nicht zu sehen. Viel ist nicht zu erkennen von den Tätern. Kapuzenpullis, Schlabberhosen. Alles Jungs, dem Körperbau nach zu urteilen sind sie 15, 16, 17, 18. Zwischen ihnen kurvt ein kleiner Junge auf seinem Akrobatikfahrrad umher, er hat eine Tröte in der Hand, später kommt er durch den Park gefahren und verschwindet im Dunkel.
Auf allen Seiten des Parks huschen Grüppchen vorbei, wo sie hinlaufen entstehen vereinzelt neue Brandherde. Da ist die Bibliothek. "Sie haben die Bibliothek angezündet," sagt die Mutter. "Warum zünden sie die Bibliothek an? Die hat ihnen nichts getan. Das ist idiotisch." Sie stammt mit ihrer Familie aus der Türkei, sie gehören der armenischen Minderheit an, sind seit achtzehn Jahren hier. Ihr Mann betreibt unten im Ort ein Restaurant. "Es läuft gut," sagt sie. "Es gibt nicht so viele Treffpunkte."
Auch an den anderen Gebäuden steigen nun Rauchwolken auf. Der Kindergarten, die Krippe, die Schule. Es sieht nicht so aus, als ob die Gebäude brennen, vielleicht sind es nur brennende Mülltonnen, die vor den Türen ausgeschüttet wurden. "Warum zünden sie die Bibliothek an?" fragt noch einmal die Frau. Als eine Gruppe anderer Zuschauer vorbeikommt, bricht sie ihre Rede ab, bringt auch ihren Sohn zum Schweigen: "Sag das nicht vor den Schwarzen, die müssen das nicht hören".
Ein gemischtfarbiges Grüppchen, ein Mann, vielleicht 35, zwei Frauen. "Der Polizei kann man nicht trauen," sagt der hagere Mann, der offenbar nicht einer Einwandererfamilie entstammt, Lederjacke trägt, einen Bart und verbindlich antwortet. "Mit der Polizei gibt es keine Gerechtigkeit." Er habe selber oft die beiden Jungs beim Mopedfahren getroffen, da drüben, jenseits des Ortes, da gebe es eine Motocross-Fläche. "Wir fahren Cross, sonst nichts," sagt er. Er sei sich sicher, dass die Polizei die Schuld am Tod der beiden trifft. Was aber ist mit der internen Untersuchung, die dafür zunächst keine Hinweise gefunden hat? "So ist es doch immer," sagt er. "Sie schützen sich gegenseitig," fährt er fort, erregt. "Wie war es denn 2005 in Clichy-sous-Bois?". Damals bildete ein ähnlicher Vorfall den Auftakt zu einer wochenlangen Gewaltwelle in den Vorstädten. Polizisten hatten mehrere Jugendliche verfolgt. Zwei flüchteten sich in eine Hochspannungsanlage und kamen dort um. Ein Untersuchungsbericht sprach die Beamten von jeder Schuld frei. "Ich habe gestern abend auch zwei Autos angezündet," sagt der Mann dann. "Ich war so wütend." Dann sei er aber lieber nach Hause gegangen. Zu gefährlich.
Seine beiden Begleiterinnen, Wollmäntel, Makeup, zurückhaltendes Auftreten, sagen, was alle hier sagen. Normalerweise sei es in Villiers-le-Bel ruhig. Keine Gewalt, Kriminalität. Die drei gehen weiter zum Wohnblock.
Später berichtet die Polizei von Schrotmunition gegen Polizisten. Auf der Straße sind die Spuren der Molotowcocktails zu sehen. 77 Polizisten sind laut Behördenangaben verletzt.
Gespenstisch, mit welcher Stille die Krawalle ablaufen. Keine Martinshörner. Keine Löschtrupps. Die Feuer brennen ohne Knistern herunter. Wer fragt, wo er am besten das Viertel verlassen kann, dem wird mit einem Flüstern geantwortet. "Nicht hier lang," heißt es. "Alles abgesperrt.". "Zurück!" drängelt ein Anderer "da kommen gleich dreihundert von ihnen angerannt.". Automatisch sucht man Deckung auf einem Platz inmitten des Gebiets. Stille. Plötzlich sind um die Ecke regelmäßige Schreie zu hören. Schmerzensschreie, hintereinander, unwillkürlich zählt man mit. Eins, zwei, drei, vier, fünf... Dazwischen dumpfe Töne, wie die präzis gesetzten Schläge eines Polizeigummiknüppels. Zu sehen ist nichts.
Die Straße, die aus Villiers-le-Bel herausfährt ist kaum mehr passierbar. Die französischen Kollegen, die uns netterweise mitnehmen, müssen Slalom um brennende Autos fahren, müssen kleineren Barrikaden ausweichen, setzen den Wagen über brennende Baumteile, die auf der Straße liegen. Hinter uns steht eine riesige Barrikade, die lichterloh brennt. Es stinkt nach brennendem Gummi, Müll, Ruß. Es wirkt fast taghell, obgleich die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet bleibt. Aber es bleibt die Stille. Die Autos, vier oder fünf, sind schon fast ganz ausgebrannt.
Dabei sieht Villiers-le-Bel nicht so aus, als sei es je ein brandheißes Problemviertel gewesen, eine Zone der Verwahrlosung oder der staatlichen Vernachlässigung. Die kleinen Häuser. Dazwischen einzelne Wohnblocks, die gepflegt aussehen, auf den Balkons Blumen, Mountainbikes, Gartenmöbel. Die Hauptstraßen, bei denen man sich unlängst um verkehrsberuhigten Rückbau gekümmert hat. Öffentliche Einrichtungen in gepflegten Flachbauten. Auf der Freifläche davor hat sich vor nicht allzu langer Zeit ein Landschaftsarchitekt ausgetobt und zahllose blaue Designerbänke und Blechpavillons in regelmäßigem Abstand über den Grund verteilt. Gegenüber gibt es eine Großbaustelle: Die französische Republik, die Region Ile-de-France und die Gemeinde bauen 88 neue Sozialwohnungen, das Bild auf dem Bauschild sieht nach einer großzügigen Anlage aus.
In der Nacht scheinen die Häuser des Ortes von der einige Kilometer entfernten Autobahn aus betrachtet fast in der flachen Ebene zu verschwinden. Heute ist Villiers-le-Bel dennoch noch von Weitem zu sehen. Höher und höher drängt die dunkle Rauchwolke nach oben. In der Ferne dahinter der Eiffelturm, der sein Leuchtfeuer in das flache, öde Pariser Umland schickt. Leise steigt Nebel im Tal der Oise auf.




