Längst hat nach der Krawallnacht im Pariser Vorort Villiers-le-Bel das große Deuten angefangen. Doch je mehr Erklärungen ich lese, desto mehr Zweifel habe ich an der Schlüssigkeit der verschiedenen Deutungsmuster.
Ich bin mir auch nicht sicher, wie weit die Folgerungen des Schriftstellers Marek Halter tragen, der sich mit der Integrationspolitik in Frankreich beschäftigt hat. Aber immerhin finde ich sie so unkonventionell und interessant, dass ich hier mal ein paar Absätze aus Halters heutigem Interview im "Parisien" zitiere.
Der Schriftsteller wurde 1936 in Warschau geboren, die Familie entkam dem Ghetto und dem Holocaust und lebte in Usbekistan, Halter selbst lebt seit 1950 in Frankreich. Er kennt sich also mit Kulturen und Identitäten aus. Und nun wirft er den Franzosen vor, den kulturellen Eigenheiten der verschiedenen religiösen und nationalen Gemeinschaften im Land zu wenig Raum zu geben - und hält ihnen die USA als Vorbild vor:
Hat Frankreich in Sachen Immigration alles falsch gemacht?
Frankreich ging fehl, indem man versucht hat, alle Besonderheiten auszuradieren, indem man die Existenz von Communities negiert hat und die Bürger in ein uniformes Schema presst. Anstatt die Unterschiede anscheinend nicht sehen zu wollen müssen wir sie annehmen, denn sie sind es, die unseren kulturellen Reichtum ausmachen, sie sind es, die unsere nationale Identität begründen können. Je mehr Dimensionen der Mensch besitzt, desto mehr kann er die der anderen wahrnehmen und desto weniger gefährlich ist er. Ich bin stolz auf meinen Akzent eines polnischen Juden und ich spreche zehn Sprachen. Aber ich schreibe auf Französisch.
Aber riskieren wir dann nicht die Entwicklung von Ghettos?
Es ist natürlich möglich, dass sich an verschiedenen Stellen ein gewisser Zusammenhalt entwickelt. Aber das existiert bereits jetzt überall. Es ist immer besser, die Dinge öffentlich zu betreiben, die auf verborgene Weise existieren. Die französiche Gesellschaft ist blockiert. Damit sie vorankommt, muss sie den Staub abschütteln und ihre Communities anerkennen. Wir müssen damit aufhören, Integration und Assimilation miteinander zu verwechseln.
Sie scheinen das amerikanische Modell zu bevorzugen?
Ich habe stets die Art und Weise bewundert, in der die verschiedenen Communities der amerikanischen Gesellschaft ihre Treue zu ihren Wurzeln pflegen und gleichzeitig die zu dem Vaterland, das sie alle zusammenbringt. Sie müssen nur das Gesetz, die Nationalhymne und die Sprache anerkennen. Diese doppelte Zugehörigkeit stört niemanden. Ich träume davon, dass eines Tages die Araber und die Schwarzen und andere über die Champs-Élysées defilieren, so wie es die Iren, die Hispanics und die Chinesen auf der 5th Avenue in New York tun.




