Ach es ist so herrlich in der modernen Welt, dass man immer so viele Möglichkeiten hat! Was man alles machen kann, um zu verhindern, dass aus einer etwas kniffligen Situation eine tragische wird! Zum Beispiel wenn man am Mittwoch feststellt, dass jener Pass, den man für eine wichtige Reise braucht, die Sonntag von Paris aus startet, dass dieser Pass nicht in Paris, sondern in Berlin ist.
Da kann man einem Freund für 40 Euro einen Easyjet-Flug buchen, man bekäme den Pass und den Freund gleich mit. Man kann schnell jemanden herüberzulaufen bitten zum Berliner Haubtbahnhof, der überredet einen der Fahrgäste des Nachtzugs nach Paris, das gute Stück mitzunehmen.
Oder man tut das, was am allerzuverlässigsten erscheint und vertraut der Firma DHL. Denn das ist jene Marke der Deutschen Post, die "weltweit als Synonym für Zuverlässigkeit, Schnelligkeit und globalen Service" steht. Das hat die Deutsche Post selbst gesagt.
Schon macht die Schalterbeamtin der Postfiliale am Berliner Ostbahnhof weitere Versprechungen: Kein Problem mit dem Pass, auch der normale Einschreibversand würde genügen, aber besser man nehme den Expressdienst, da sei die Zustellung innerhalb 48 Stunden garantiert. Und wenn es heute nicht mehr herausgehe, kein Problem, dann werde eben Samstag zugestellt. Sollte es dabei Probleme geben, nehme man die Mobiltelefonnummer des Empfängers auf, der werde dann vom Zusteller in jedem Fall kontaktiert. Wer würde da nicht DHL mit Freuden 42,20 Euro für den Expressdienst geben?
Freitag nichts. Kein Problem, es wird ja auch Samstag zugestellt.
Samstag auch nichts. Vielleicht doch ein Problem?
DHL-Hotline, Callcenter in Frankfurt: "In Frankreich ist am Samstag niemand, das können Sie vergessen, da kann man auch nicht anrufen. Da können wir gar nichts machen."
Wenn man selber ein bisschen recherchiert und in Paris den Brandnotdienst für abgefackelte DHL-Fahrzeuge ausfindig macht, erfährt man von diesem, dass die Auskunft aus Frankfurt natürlich falsch war und es in Frankreich doch eine DHL-Hotline gibt, die auch samstags besetzt ist. "Wir haben am Freitag versucht, die Sendung zuzustellen" Ach? "Der Fahrer hat gemeldet, die Tür war zu." Aber es ist doch normal, dass die Türen zu sind?! 90 Prozent aller Häuser in Paris haben einen Code?! "Für so etwas hat der Fahrer keine Zeit, außerdem hatte er die Codenummer nicht." Aber er hatte zwei Mobilfunknummern, niemand hat angerufen. "Unsere Fahrer rufen nie an, die haben nicht mal ein Telefon" Bitte was? "Außerdem liefern wir fast nur an Geschäftskunden, da sind unsere Fahrer so etwas nicht gewohnt." Gut, und was machen wir jetzt, wie komme ich an meine Sendung? "Samstags liefern wir gar nicht. In manchen Fällen doch, aber dann muss das vorher angegeben werden." Aber uns wurde doch eine Zustellung am Samstag versprochen? "Darüber habe ich nichts vorliegen, dann müssen Sie mit Deutschland sprechen."
Anruf bei der Hotline in Frankfurt. "Das tut uns leid, dass Sie falsch informiert worden sind, aber jetzt können wir nichts tun." Aber was ist mit der Garantie? "Das war die alte DHL-Philosophie, dass der Service bereitsteht und ständig erreichbar ist, seit die Deutsche Post DHL übernommen hat, hat sich das geändert." Sagt, wohlgemerkt, der Mann von der DHL-Hotline. "Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung".
Weitere Anrufe hin und her.
Muss man erwähnen, dass sich niemand in Frankfurt dafür zuständig fühlt, all diese Recherchen anzustellen, nach dem Ort wo die Sendung in Paris liegt, nach den Zuständigen in Paris? Muss man erwähnen, dass sich niemand dafür zuständig fühlt, einfach nach einer Lösung zu suchen?
Dabei kann man dem Ziel verführerisch nahe kommen: Weitere Anrufe. Man kann die DHL-Agenturen in Paris nacheinander abklappern. Im achten Arrondissement ist eine geöffnet. "Ich kann Ihre Sendung verorten," sagt der Schaltermann. "Sie liegt in der Agentur Opéra." Also nicht am Flughafen, wie die Hotline in Frankfurt erzählt hat? "Nein, ganz eindeutig. Wissen Sie, an der Hotline, da sitzen irgendwelche Studenten. Da kann Ihnen niemand was sagen" (stand hier schon irgendwo, dass die Auskünfte an der Hotline natürlich kostenpflichtig sind? Ungefragt sagt der Hotlinemann einem dafür gleich, dass man mit Schadenersatzforderungen, etwa für den gecancelten Flug, gar nicht erst kommen brauche. Allenfalls die 42,20 Euro würden ersetzt. Wenn überhaupt.) Gut, Aufregen hilft jetzt nicht weiter: Wer ist der Verantwortiche für die Agentur Opéra? Gibt es jemanden mit einem Schlüssel dafür? Mobiltelefonnummern? "Vor Montag um neun Uhr kann man da nichts machen."
Hinter grauen Scheiben liegt, zwanzig Schritte vom FTD-Büro entfernt, die Agentur Opéra. Hinter den Scheiben das Büro des Agenturleiters. Überall Papier. Überall hängen Zettel mit Telefonnummern. Ein neuer Rechercheansatz!
Doch alle Telefonnummern sind tot.
Auf dem Rückweg kommt man an einer hellerleuchteten Filiale des Postdienstes Fedex vorbei. Hier wird das ganze Wochenende gearbeitet. Dann überholt einen ein emsiger Bote von Chronopost, der Expressfiliale der französischen Post. Ach, es ist so herrlich in der modernen Welt, dass man immer so viele Möglichkeiten hat!
Foto 1: Unordnung in der DHL-Agentur Opéra, Paris, 2.12.2007. Irgendwo hier liegt die gesuchte Postsendung
Foto 2: Einbruchspuren an der Fensterscheibe der DHL-Agentur Opéra, Paris. Gibt es noch mehr verzweifelte Kunden?
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