Die Sache mit dem Fußball treibt Nicolas Sarkozy offenbar um. Als der Präsident vergangene Woche in seinem großen TV-Interview zu den Krawallen von Villiers-le-Bel Auskunft gab zur Krise in den Vorstädten, sagte er es erneut. "Polizisten sollen nicht mit den Jugendlichen Fußballspielen, sie sollen die Verbrecher verfolgen." Der schneidige Ton, in dem Sarkozy dabei die Fernsehjournalistin Arlette Chabot anging, zeigte schon, dass er in dieser Sache keinen Widerspruch duldet. Um das Fußballspielen und so, sagte der Staatschef weiter, sollten sich Sozialarbeiter und solche Leute kümmern.
Den Gedanken hat Sarkozy bereits bei der großen Welle von Ausschreitungen vor über zwei Jahren verfolgt. Damals besuchte er als Innenminister einen Vorort, in dem sich die Polizei darum kümmerte, eine Beziehung zur örtlichen Bevölkerung aufzubauen und damit Frontstellungen zu vermeiden. Unter anderem spielten Polizisten mit den Banlieue-Jungs Fußball.
Auch damals befand der Präsident bündig, Gendarmen sollten nicht kicken sondern Untäter fangen. Dabei war allerdings der örtliche Polizeichef mit seinem Programm recht erfolgreich gewesen - die Statistiker notierten einen Rückgang der Gewalttaten und bei der Verfolgung von Verbrechen konnten die Beamten nach eigenen Angaben stärker auf die Kooperation der Bevölkerung setzen.
Es gibt auch Experten, die meinen, dass Fußball helfen könnte. In einem Interview im Magazin des Sarkozy ergebenen "Figaro" argumentiert etwa der Soziologe Sebastian Roché für eine solche Linie. Roché hat im vergangenen Jahr ein Buch über die Situation in den Vorstädten geschrieben. Hier ein Ausschnitt aus dem Interview:
Gibt es eine "richtige" Antwort der Behörden auf die Ausschreitungen?
Ja, aber die lässt sich nicht adhoc durchsetzen. Und das Unglaublichste ist: In den 25 Jahren, in denen sie sich bereits stellt, ist die Frage der Vorstädte in Frankreich niemals ernsthaft aus einem polizeilichen Blickwinkel angegangen worden; kein Verantwortlicher hat sie jemals kühlen Kopfes behandelt oder sie auf die Tagesordnung gesetzt. Es hat nach den Krawallen von 2005 keinen Parlamentsausschuss gegeben, kein Forschungsprogramm, keinen öffentlichen Bericht - ganz anders als es in den USA in den Sechziger Jahren geschehen ist oder in Großbritannien in den Achtzigern. Beide Länder haben sich damals entschieden, ihr System zu ändern, indem sie Beziehungen zwischen der Polizei und den lokalen Verantwortlichen entwickeln und ebenso Beziehungen zwischen der Polizei und der Bevölkerung. Hingegen ist in Frankreich alles zentralisiert geblieben. Und alle Berater des Präsidenten schlagen heute immer noch mehr Maßnahmen vor, die mit dem Konzept der Polizei der Nähe aufräumen. Nicolas Sarkozy, der es sonst nie an Pragmatismus fehlen lässt, hat nie versucht, die Polizei vor Ort zu verankern. Alles geht so weiter wie zuvor, weil er zwei Dinge nicht verstanden hat: Zum einen ist es nötig, dass die Polizei akzeptiert und gemocht wird - und das funktioniert tatsächlich. Überdies ist es kein Widerspruch, gleichzeitig einen ernsten Kampf gegen Übeltäter zu führen und das Vertrauen der Bevölkerung zu suchen.
Was treibt ihrer Meinung nach die Krawalle hauptsächlich an?
Ich glaube, dass Wut und Frust eine größere Rolle spielen als Armut und Diskriminierung. Das Problem ist die Kraftübertragung: Die Krawallmacher sind neidisch auf das, was sie nicht haben. Aus diesem Grund zerstören sie ihre eigenen Güter, greifen ihre Umgebung an, genauso, wie es große Primaten tun, denen man weniger gibt als ihren Artgenossen. Diese Burschen bewegen sich in einer Kriegslogik, deswegen kann man von ihnen nicht erwarten, dass sie einen Gang herunterschalten. Das geht nur, wenn man ihre Beziehung zu den Verantwortlichen verändert, indem man anfängt, die soziale, ethnische und wirtschaftliche Dimension hinter den Aufstandsbewegungen anzuerkennen. Man muss mit der Vogel-Strauß-Politik aufhören. Man muss feste Beziehungen mit jenen Leuten herstellen, die vor Ort verankert sind. Und generell das Thema stärker lokal, weniger etatistisch und bürokratisch behandeln.
Soweit das Interview. Nun kann man sich fragen, wie weit der Vergleich zwischen steinewerfenden Jugendlichen und Gorillas geht. Aber natürlich sagt es eine Menge, wenn allein die Tatsache, dass ein Polizeiauto in einen Unfall verwickelt ist, dazu führt, dass ein Großteil der lokalen Bevölkerung die Polizisten - in Villiers waren es normale Streifenpolizisten, keine martialisch gekleideten Angehörigen der CRS-Truppe - für feindliche Eindringlinge hält. Vielleicht ist Fußballspielen nicht so eine schlechte Idee, wie der Präsident glaubt.




