Womöglich ist es kein Zufall, dass die vielleicht schonungsloseste Analyse der Ursachen für die soziale Krise in Frankreich und die jüngsten Krawalle in Villiers-le-Bel in einer internationalen Zeitung stand. Der französische Autor Guy Sorman veröffentlichte sie vergangene Woche im "Wall Street Journal" unter dem Titel "Apartheid à la Française". Die Abrechnung ist umso bemerkenswerter, als Sorman ein überzeugter Anhänger von Nicolas Sarkozy ist, ein glühender Liberaler und Anti-Etatist, der in seinem Blog und in zahlreichen Büchern unter anderem gern mit der Öko-Bewegung abrechnet, der er schlicht vorwirft, sich zu viele Sorgen zu machen.
Im Falle der benachteiligten Viertel macht sich aber Sorman selbst Sorgen. Und anders als Präsident Sarkozy, der durchblicken lässt, dass er die gesamte Diskussion über gesellschaftliche Ursachen der Gewalt für Mumpitz hält, sucht Sorman nach diesen. Er macht als Quelle für die Krise ohne jede Ironie die soziale Rassentrennung im Land aus. Im folgenden ein Ausschnitt aus dem Text (im Ganzen hier nachzulesen ):
"Die Franzosen würden schockiert sein, wenn man sie mit dem Südafrika der Vergangenheit vergleicht, aber unsere Vorstädte haben sozial mehr mit Soweto gemein, als mit Paris. Wir leben in einer diskriminierenden Gesellschaft, in der eine unsichtbare Linie diejenigen, die dazugehören von denen trennt, die außen vor bleiben. Diejenigen, die dazugehören, hat der Zufall zu Franzosen gemacht. Sie haben eine französische Familiengeschichte, die viele Generationen zurückreicht. Sie sind wohlgebildet und einigermaßen wohlhabend.
Diejenigen die außen vor bleiben, kommen aus Afrika, in erster, zweiter oder dritter Generation. Sie sind schlecht gebildet, arbeitslos und sie gehören einer Nicht-Mainstream-Kultur und -Religion an. Nach der französischen republikanischen Ideologie sind sie alle französisch und mit den gleichen Rechten ausgestattet wie alle anderen Franzosen. Doch die Wirklichkeit ist anders. Unsere Wirtschaftspolitik hat einen starken öffentlichen Sektor geschaffen sowie einen Arbeitsmarkt, der durch die hohen Mauern strenger Regulierung geschützt ist. Wenn man genügend gebildet ist, besteht man die Eingangsprüfung für den Staatsdienst und bekommt eine einkömmliche Stellung fürs Leben. Wenn man die richtigen Verbindungen und das entsprechende Talent hat, wird man auch im Privatsektor wie ein Quasi-Staatsdiener behandelt. (...) Wem die richtigen Verbindungen und die entsprechende Bildung fehlen, der bleibt außen vor.
Die meisten derjenigen, die dazugehören, lehnen mehr Flexibilität im Arbeitsmarkt ab. Sie halten das für eine brutale amerikanische Art und Weise, Arbeitnehmer schlecht zu behandeln. Selbst Präsident Nicolas Sarkozy muss sehr vorsichtig sein, weil seine konservative Mehrheit zu denjenigen zählt, die dazugehören.
Die französische Wohnungspolitik ist ebenso diskriminierend. Aus ideologischen Gründen die auf die 40er Jahre zurückgehen, als Gaullisten und Kommunisten verbündet waren, haben Frankreichs Regierungen stets die Miete dem Wohnungseigentum vorgezogen. Der Staat hält für die Ärmsten gerade so viele Subventionen bereit, dass sie mieten können, aber nicht kaufen. Billige subventionierte Projekte ballen sich in den Vororten. Ethnische Ghettos sind das Nebenprodukt dieser Wohnungspolitik (...) Arme Einwandererfamilien finden sich natürlich in diesen Wohnanlagen wieder. Die ethnische Konzentration und zusätzlich das Fehlen von Arbeitsplätzen schafft eine lokale Subkultur, die weder afrikanisch noch französisch ist, sondern irgendwo dazwischen. (...)
Die einzige Möglichkeit, der Armut und Gewalt der Ghettos zu entkommen, ist das Ghetto zu verlassen. Das gelingt eher jungen Frauen als Männern. Mädchen, die aus der Gruppe derjenigen kommen, die außen vor bleiben, sind oft gut in der Schule und sie zeigen größeren Willen, der patriarchalischen Herrschaft ihrer Väter und Brüder zu entfliehen.
Bildung könnte der Schlüssel zum Weg aus dem Ghetto sein, aber das kommt selten vor. Nicht allein, dass die Ghettoschulen nicht eben die besten Lehrer anlocken. Der Inhalt der Bildung selbst ist diskriminierend. Die Geschichte der Kolonien wird unterrichtet, als sei sie eine glanzvolle Epoche der französischen Geschichte. Im Senegal, auf seinem ersten Staatsbesuch in Afrika, bedauerte Sarkozy die Gewalt der Kolonisation. Gleichzeitig aber bestand er darauf, dass die französischen Kolonisatoren gute Absichten gehabt hätten und gekommen seien, um die Zivilisation 'dem afrikanischen Mann' zu bringen, 'der noch nicht in die Geschichte eingetreten war'.
Diese Sichtweise, die sich in Schulbüchern ebenso wiederfindet wie in der generellen Haltung derjenigen, die dazugehören, verstärkt die Hassgefühle bei denjenigen, die außen vor bleiben, deren Familienerinnerungen eine andere Geschichte erzählen. An allen Ecken neigen die Franzosen dazu, zu ignorieren, wie sehr ihre nationale Kultur in ihrem Wesen jede Idee von Vielfalt negiert. Die dominierende so genannte republikanische Ideologie verlangt von Einwanderern, sich anzupassen. Sarkozy hatte zum ersten Mal in unserer Geschichte den Mut, arabische Frauen in wichtige Regierungspositionen zu holen. Rachida Dati, unsere neue Justizministerin, wird auf diese Weise zu einem Vorbild für alle französischen Araber erhoben. Aber sie ist 'integriert', sie geht nicht in die Moschee, trägt haute couture statt eines Kopftuchs.
Sozialistische und konservative Politiker gleichermaßen haben immer noch nicht kapiert, dass ihre 'Goodwill'-Politik - mehr Subventionen - zu mehr Apartheid führt. Dabei sollten sie sich fragen, warum nach mehr als dreißig Jahren solcher Maßnahmen die Vororte sich immer weiter von dem Mainstream der selbstzufriedenen Dazugehörer wegbewegen."
Natürlich bleibt Sorman, wenn es um Lösungsvorschläge geht, seinen Überzeugungen treu. Er verlangt nicht nur, dass sich Frankreich von seiner verlogenen Gesellschaftsideologie verabschieden muss. Er greift dann in die übliche Werkzeugkiste der Wirtschaftsliberalen: Mehr Freiheit - etwa im Arbeitsmarkt - könnte mehr Rechte für die Benachteiligten bringen.
Dieser Schluss ist natürlich nicht so zwingend, wie es der Autor vorgibt. Gewiss, es ist heute mit Händen zu greifen, dass das französische Konzept von staatlich gesteuerter Egalität keine Gleicheit, sondern Abschottung gebracht hat: Diejenigen, die dazugehören, schotten sich ab von denjenigen, die außen vor bleiben. Aber ist es damit auch schlüssig, dass weniger Regulierung unbedingt zu mehr Gleichheit führt?
Unabhängig von solchen Zweifeln liest sich aber Sormans Beschreibung sehr schön, derzufolge "nicht zu sein wie die USA heute die letzgültige Entschuldigung in Frankreich ist, um das Land aus der wirklichen Welt herauszuhalten". Und das Frankreich in Sachen Akzeptanz von Vielfalt von den USA lernen kann, das haben ja auch schon andere festgestellt.




