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FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
17. März 2010 22:11 Uhr

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Olympischer Aschermittwoch

Hart | 25. August 2008 09:09 Uhr

So, der Sport ist vorbei, wir können uns jetzt mal alle in Ruhe hinsetzen und uns darauf verlassen, dass wir nicht alle Nas' lang von Nationalhymnen zum Aufhüpfen genötigt werden. Während gestern im Nationalstadion schon allerlei Abschiedsgezwirbel gefeiert wurde, hat im letzten Wettkampf des olympischen Sommers Deutschland die vernichtenden Niederlagen im Bogenschießen und Trampolin-Hüpfen durch einen Kantersieg gegen China im Tischfußball kompensieren können. Heute ist olympischer Aschermittwoch, und jetzt sehn wir mal, was wir davon gehabt haben.

Die offizielle Zusammenfassung:

1) Zurecht kamen nur sehr wenige Gelegenheits-Touristen in eine Stadt und ein Land, das durch seltsame Visa- und Hotel-Politik ein klares Bleib-Zuhause-Signal sandte. Entsprechend blieben die "designierten Olympia-Bar-Straßen" zwar nicht leer, aber diesseits von übervölkert. Es gab nichts, was auch nur annährend an Fanmeilen oder Party-Zonen erinnerte, jeder verkrümelte sich nach den Wettkämpfen in die jeweiligen Mannschaftshotels oder deutsche-kanadische-schweizer Häuser, wo dann herumgesessen und Freibier (Österreich) oder sehr teures Bier (Schweiz) getrunken wurde. Die Zonen um die olympischen Wettkampf-Stätten herum wimmelten zwar vor Sponsor-Tischen und Merchandising-Kiosken, aber einen Besucherpark, in dem man zwischen den Veranstaltungen lungern kann oder durch den man einfach streunt, weil man ein wenig Olympia-Luft schnuppern wollte, suchte man vergebens. Alle Zuschauer und Sportler merkten das an, eine Party-Olympiade war das gewiss nicht. An vielen Orten der Stadt konnte man sogar ohne weiteres vergessen, dass gerade Olympia zu Besuch ist - mit dem netten Nebeneffekt, dass Kaiserpalast oder Himmelstempel ausnahmsweise einmal weniger voll waren als sonst im Sommer üblich. Es waren vielleicht mehr Leute als sonst in der Stadt, aber sicher weniger Touristen, die der Stadt wegen kamen. Viele der Olympia-Besucher, die ich traf, hatten sogar ein ganz explizites Desinteresse an China, Beijing und dem Leben hier. Ist in einem anderen Blog-Leben noch mal einen eigenen Eintrag wert, Titel könnte sein: "Deutsche im Ausland und die Axt im Wald".

2) Die Stimmung in den Hallen und Stadien war dann, wenn die Leute sich an die Anweisungen gehalten haben, müde, und dann, wenn man die Volunteers aus dem Weg schubste, manchmal gut. Durch die Kartenverkaufspolitik war es nämlich schwer, sich zu Fanblocks zusammenzurotten, man musste sich schon im Laufe der Veranstaltung mit Energie finden. Gelang das nicht, gab es zwanzig kleine Fan-Inseln, aber keine echte Unterstützungs- und Spaß-Zone. Leer gebliebene Funktionärs- und Sponsorenplätze taten ihr übriges. Beim Hockey-Finale gab es lustigen Fez auf der Haupttribüne, weil die Leute aus den anderen Tribünenzonen sich einfach mal eben in die Mitte drängelten und zusammen sangen und tanzten. Beim Handball-Finale dagegen haben 80 Prozent der Zuschauer keinen Finger gerührt und in der Riesenhalle war es lustig wie auf dem Zentralfriedhof. Weshalb man das Ticket-System nicht umstellt und die Sponsoren- und Bürokraten-Karten am Veranstaltungstag am Stadion abholen lässt - und sie frei verkauft, wenn sie nicht abgeholt werden . . . ein Rätsel und eine Dummheit, ganz schlecht für die Atmosphäre.

3) Zwar waren die Wettkampfstätten meist schön und technisch in Ordnung, aber leider wurde nur selten die historische Substanz Beijings genutzt, um Ambiente zu erzeugen. Die Triathlon-Strecke draußen an den Gräbern der Ming-Kaiser war diesbezüglich ziemlich spektakulär, die meisten Innenstadt-Wettbewerbe hätten aber überall sein können, mit moderner und deshalb auch einigermaßen beliebiger Kulisse - insofern aber wiederum repräsentativ für das moderne Hochhaus-Beijing: Zwar schick und (manchmal post-)modern, aber damit auch zunehmend ohne eigenen Charakter. Die Pläne Londons, sehr viel stärker die Stadt- und Sport-Historie zu integrieren (Lord's Cricket-Feld als Bogenschieß-Arena; Wimbledon als ultimatives Tennis-Stadion) sind vielversprechend, auch wenn natürlich kaum jemand mit der Olympia-Kugelstoß-Arena von 2004 konkurrieren kann.

Es gibt noch viel zu tun:

Follow-Up Nr. 1: Initiierung eines EU-China-Sport-Fanclub-Austauschprogramms. Kernpunkt wird das Übersetzen und Einstudieren internationaler Fan-Gesänge sein, um wenigstens ein bisschen Originalität in die chinesischen Anfeuerungsrufe hineinzubringen. Den ganzen Tag "Jia You" schreien ist ein ganz klein wenig doof, und es macht auch nicht wirklich Laune.

Follow-Up Nr. 2: Eröffnungs- und Schlussfeiern ausbauen zu mehrtägigen Leni-Riefenstahl-Festspielen, und abwechselnd von Zhang Yimou, George Lucas and Josef Vilsmaier inszenieren lassen. (Der beste Vorschlag zum Thema kam allerdings von Mark Kermode aus der BBC 5 Kinosendung: die London-Eröffnung müsse zwingend von Ken Russell inszeniert werden, der sicher eine Handvoll betrunkener Nonnen nackt in Farbe wälzen werde. Oder so ähnlich).

Follow-Up Nr. 3: Eine spezielle Green-Black-Yellow-Card durch die Bundesregierung auflegen lassen, die das Ehelichen von und Paaren mit Jamaikaner(inne)n, die schneller als 8 Sekunden pro 100 Meter laufen können, wenn sie wollen und es entsprechende Prämien gibt, erleichtert. Und den Import von Merlene Otteys Stammzellen erleichtern.

Follow-Up Nr. 4: Schwerpunkte setzen! Das britische Beispiel zeigt, dass man durch Konzentration auf seine nationalen Tugenden Großes leisten kann. Die Briten haben ihre meisten Medaillen (allein 15 von 19 goldenen) im Sitzen gewonnen (auf dem Rad, im Boot, auf dem Pferd). Mir ist nicht klar, wie sie diese Stärke herausgefunden haben, aber es muss doch etwas geben, das Deutschland insgesamt gut kann. Viellecht alles, bei dem man sich an länglichen Objekten festhalten kann (Degen, Hockey-Schläger, Kanu-Paddel).

Follow-Up Nr. 5: Tischfußball ins olympische Programm aufnehmen und dafür alle Sportarten entfernen, die auf eine ästhetische Wertung durch Kampfrichter angewiesen sind. Außerdem alle Urlaubssportarten wie BMX und Beach Volleyball entfernen. Oder konsequent sein und auch Wet-T-Shirt und Sangria-Durch-Die-Nase-Saufen ins Programm aufnehmen.

Olympischer Gesamtsieger ist übrigens Nord-Korea, die am meisten Medaillen pro verfügbarem Haushaltseinkommen gewonnen haben (6), beziehungsweise die Bahamas, die am meisten Medaillen pro Einwohner errangen (2).


Kommentare

Handballfinale - mit Stimmung

Ich wüßte zu gerne, welchem Handballfinale Sie beigewohnt hatten - das der Männer oder das der Frauen? Wenn man diese beiden vergleicht, so mag einem das Spiel der Frauen recht leise vorgekommen zu sein - was aber auch daran liegen könnte, daß die Franzosen es doch irgendwie geschafft haben, sich Unmengen an Tickets zu besorgen und praktisch die halbe Halle zu vereinnahmen. Und dann fand ich es dort alles andere als Friedhofsstill. Leider hatten bei einer solchen Übermacht die Isländer nicht wirklich eine Chance, ein wenig die französischen Fans zu übertönen, auch die Chinesen, dich ich zum Jubeln animieren konnte, reichten dazu nicht aus. Aber beeindruckt waren sie allemal davon.
Das Chinesen sich nicht so besonders für einen Sport interessieren, der dort kaum bekannt ist (ich habe keinen getroffen, der diese Sportart überhaupt kannte...), ist irgendwie verständlich - schließlich ist z.B. das Sumoringen hier auch nur eine Randsportart und unverständlicherweise jubeln Japaner wie die Weltmeister bei einem solchen Wettkampf - hingegen ist die Stimmung beim Tischtennis vergleichbar mit dem bei hiesigen Fußballwettstreiten (außer es wird grad aufgeschlagen - da sollte man aus Rücksicht auf die Konzentration der Spieler schweigsam sein). "Jia You" mag auf Dauer etwas eintönig sein - man kann das aber lieder nicht so schön grölend langziehen wie ein "Olé"

Manny | 04. September 2008 20:00 Uhr


FTD-AutorGroße Halle, kleine Stimmung

Das ist noch ein interessanter Aspekt: man würde wohl in Europa Sumo oder Kickboxen erst einmal in einer kleineren Halle unterbringen, weil dann auch Stimmung aufkommen kann, selbst wenn es nur eine kleinere Gruppe ambitionierter Spaßmacher auf der Tribüne gibt. Das Beijing-Männer-Handball fand in einer Halle statt, die meiner Meinung nach an sich schon für die meisten Sportarten bisschen zu groß ist (aber ich bin auch der Meinung, Rockkonzerte in Fußballstadien sind Quatsch). Die vier französischen und die eine isländische Fangruppe haben untereinander ordentlich was losgemacht - schon einen Rang oberhalb kam durch die Weite der Halle aber kaum etwas davon an.
Ich kann mir vorstellen, dass eine besser angemessene Spielstättenwahl den jeweiligen Veranstaltungsregionen besser die Faszination des jeweiligen Sports zeigen kann. Die Atmosphäre bei den Wasserballspielen oder beim Handball (auch beim Fechten fiel es auf) riss keinen Chinesen mit - obwohl das doch eine der Funktionen olympischer Spiele sein sollte, lokal Enthusiasmus für bisher unbekannte Sportarten zu schüren. Kleine, enge, atmosphärische Hallen zu schaffen liegen allerdings nicht im olympischen Trend, kann man wohl nichts machen.
Und jetzt mache ich mich an die Übersetzung von "Humba Humba Täterää" ins Chinesische, ich bin sicher, das wird ein Knaller!

Thomas | 05. September 2008 02:04 Uhr




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