Es gibt zwei Themen, die China heute bewegen: Olympische Spiele und Umweltschutz. (Weltausstellung Shanghai ist nur dann ein Thema, wenn man zufällig dort wohnt, Shanghai ist gerade das Hannover Chinas, sozusagen, leider - aber dazu ein ander Mal.) Natürlich kann man das verbinden und aus Anlass der olympischen Spiele die Umwelt retten. Goldmedaille und Friedens-Al-Gore-Preis in einem, quasi. Weil im vergangenen Jahr belegt wurde, dass man sogar mit Powerpoint-Präsentationen Oscar, Nobelpreis und die übernächsten Präsidentschaftswahlen gewinnen kann, kann China in diesem Jahr noch gewagter einsteigen. Das Zauberwort: Plastiktüten!Dass ab Juli die ganz dünnen Plastiktüten verboten sind und die anderen nicht mehr kostenlos abgegeben werden dürfen, ist also gerade das wichtigste Thema der Welt. Die Verbreitung dieser Geschichte in papiernen Zeitungen und elektrisch betriebenen Internet-Seiten plus dazu gehörigen Kommentarseiten und Weblogs (full disclosure: so auch diesem) hat bereits Wäldern von der Größe der Beijinger Ikea-Filiale das Leben gekostet und nicht weniger als ein kasachisches Ölfeld ausbluten lassen. Die Aufregung ist dringend angebracht, bedenkt man, dass in China täglich 3.000.000.000 Plastiktüten benutzt werden und dass man allein dafür pro Jahr 5.000.000 Tonnen Rohöl aufwendet. 15 Nullen in nur zwei Zahlen? Es muss etwas geschehen! Außerdem kreieren Plastiktütendiskussionen neue idiotische Geschäftsideen, die auch chinesische Besserverdiener verdient haben. (Und auch die 10 Gründe, Plastiktüten zu lieben, gäbe es ohne Plastiktüten nicht, was besser wäre.)
Mich erinnert das Stichtwort Tüte vor allem daran, dass in den letzten Jahren hier nicht nur die Qualität der Plastiktüten abgenommen hat, sondern dass sich die Beijing-Supermärkte auch zunehmend in Service-Wüsten verwandeln. Nicht nur wird man unerhörterweise immer häufiger genötigt, Zahnpasta und Eisbecher in ein und derselben Tüte nach Hause zu tragen. Seit vergangenem Jahr plastiktütet man in meinem Haus-Markt die Sachen auch nicht mehr für mich ein, sondern legt sie nur noch hin, und zwar meist auf die Tüten drauf. Dann sehen sich Kunde und Kassiererin gegenseitig an wie Henry Fonda und Charles Bronson am Ende von "Spiel mir das Lied vom Tod" und wer zuerst zuckt, muss die Tüten unter den Jiaozi-Säcken vorzerren und die Ware einpacken. Wer auch immer verloren hat, grummelt (chinesische Kunden grummeln deutlich lauter als ausländische, denn mindestens wir Deutsche sind mit solchem Kummer ja aufgewachsen).
Vielleicht wird Wal-Mart den Heiland geben, man wagt sich langsam in
die Hauptstadt vor (wir sind im Ressort "Wirtschaft" angelangt, vorher war "Panorama", falls Sie sich wundern sollten), und ich erwarte, dass die Ablösung der chinesischen
Rundum-Dienstleistung durch die verwestlichte Nachlässigkeit jetzt dann
wiederum durch chinesische Interpretationen US-amerikanischer
Service-Simulationen ersetzt werden wird. Wäre nicht das erste Mal. Eine
mögliche Konsequenz ist, dass man künftig lebende Krabben in
Öko-Papiertüten mitbekommt, die spätestens auf dem Nachhauseweg in der
U-Bahn für lustige Zerstreuung sorgen. Die Krabben.
Das Beste an der albernen Geschichte mit den Plastiktüten ist, dass es Weblogs wie das von Imagethief zu textlichen Höchstleistungen animiert. Ich kann nur empfehlen, das ganz schnell zu abonnieren, sonst verpasst man sehr lustige und auch noch einsichtige Texte von einem Werber, der denken und schreiben kann! Viele bessere Blogs zu China gibt es nicht. Meine Lieblingsstelle zum Thema Plastiktüte ist die am Ende des Postings, als sich der Autor beschwert, dass man mit den lausigen chinesischen Tüten noch nicht einmal dem eigenen Leben ein Ende bereiten könnte, wenn man dies ob der unausweichlichen Umwelt-Apokalypse für angebracht hielte.
Ein wehmütiges Hoch auf die Plastiktüte, diese verfolgte und geschundene Kreatur im Herbst ihrer Evolution!




