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FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
09. Februar 2010 16:31 Uhr

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Zahl des Tages: 2,15 Milliarden

Hart | 17. Januar 2008 03:23 Uhr

1,3 (bald 1,4) Milliarden. Wenn so viele Menschen sich in den Kopf setzen, der gleichen Mode zu folgen, dann sind das sehr viele auf einmal. 1,4 Milliarden potentielle Kunden sind der feuchte Traum jedes Marketing-Leiters. Das einzige Produkt, das es aber bisher geschafft hat, fast jeden Chinesen zu erreichen, ist der Fernseher: 99,89 Prozent der Bevölkerung haben einen zur Verfügung (und demnächst in diesem Theater: 99,89 Gründe, weshalb die Kontrolle audiovisueller Medien von höchster Priorität für die ortsansässige Regierung ist...). Normalerweise bekommt man nicht so viele Leute zusammen, denn bei all dem, was Gemeinsamkeit ausfüllen könnte (gemeinsame Wünsche, Präferenzen, Kaufkraft, etc.) ist "der" chinesische Markt alles, nur nicht homogen.


Am 7. Feburar ist aber das chinesische Neujahrsfest beziehungsweise das Frühlingsfest, und damit ist die Gelegenheit günstig, über die Ausnahme nachzudenken: den "Über-Neujahr-Nach-Hause-Fahr-Markt".

Es hat mich eine Weile gekostet, bis ich begriffen hatte, welche Bedeutung dieses jährliche "Nach Hause"-Fahren für viele chinesische Kollegen hat. Man muss es einmal live miterlebt haben, welche unglaubliche Mühsal es für viele bedeutet, tagelang in Schlangen an den Ticket-Schaltern anzustehen, ohne Erfolgsgarantie, um dann in überfüllten Zügen und Bussen wiederum stunden-, manchmal tagelang an einen Ort zu fahren, von dem sich viele längst entfremdet haben und an dem sie sich nach ein paar Tagen langweilen werden. So wie im vergangenen Jahr. Oder im Jahr davor. In diesem "Heimatdorf" oder der "Heimatstadt" kommt man an, ohne zu wissen, ob bzw. wann man eine Karte für die Rückfahrt erjagen kann. Also gleich wieder in die Schlange.

(Die Mühsahl betrifft auch die zurück gebliebenen: regelmäßig zum Neujahrsfest verschwindet der Lammspießbrater an unserer Hausecke auf Nimmerwiedersehen, die Lamm-Versorgung ist für mindestens vier Wochen wie von den Parzen abgeschnitten. Außerordentlich rücksichtslos! Auch viele Restaurants und Kioske sind erst Wochen später wieder einsatzbereit, oft unter neuem Betreiber und Konzept, weil 春节 / ChunJie immer auch eine ausgezeichnete Gelegenheit ist, das eigene Leben zu ordnen, zu kaufen und zu verkaufen, und nochmal ganz von vorne oder eben gar nicht mehr anzufangen.)

Dieses Phänomen versetzt fast das gesamte Land auf einmal in Bewegung. Und der Kleister aus familiärer Bindung, sozialem Druck und Duldsamkeit gegenüber Unpäßlichkeiten, die damit zusammen hängen, ist vielleicht eines der besten Bücher, das man über "das Wesen Chinas" lesen kann.

Dazu also die Zahl des Tages:

"China expects a record 2.15 billion bus travellers across the country over the upcoming 40-day lunar New Year period as people flood home for the traditional Spring Festival, the country's transport authorities said."

Gesellig in der Ticket-Schlange

Das Beängstigende daran ist, dass in der gleichen Meldung steht, 760.000 Busse würden zur Bewältigung dieser Flut bereitstehen.Kurz den Windows-Taschenrechner geöffnet stellt man fest, dass das ganz schön viele Personen pro Bus sind.

Gleichzeitig werden die Preise für Eintrittaskarten in Tempel und Paläste explodieren, die für Fahrer und Reiseführer ebenfalls. Über Beijing wird sich eine seltsame Stille legen, die nur an den EIngangstoren von Kaiserpalast, Himmelsaltar und renovierten Mauer-Segmenten von den Schmerzensschreien der übereinander stolpernden und sich gegenseitig durch die Attraktion schiebender Touristen unterbrochen werden wird.

Der Plan, während der Reisezeit keinen Fuß vor die Tür zu setzen, ist ein ausgezeichneter, auch wenn man sich eine sehr klare Argumentationslinie dafür zurecht legen muss, um sie den den entsetzten chinesischen Freunden und Kollegen entgegenschleudern zu können ("Ist jemand krank?" - "Ist so viel Arbeit?" - "Soll ich Dir Geld leihen?" sind typische Reaktionen).

Demnächst also: die besten Dinge, die man in Beijing während des Frühlingsfestes unternehmen kann...

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