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Ablenkungsmanöver Killerspiele
Albert | 21. November 2006 16:50 Uhr
Ein Amokläufer hat eine Schule überfallen, mehrere Menschen
verletzt und sich selbst getötet. Ein tragischer Zwischenfall und wir können
froh sein, dass nicht mehr passiert ist. Worüber ich gar nicht froh bin, ist
der Beißreflex der Politiker, die jetzt schon wieder „Killerspiele“ verbieten
wollen. Diese Reaktion lenkt vom eigentlichen Problem ab.Zunächst ist es nicht erwiesen, dass Ego-Shooter die
Gewaltbereitschaft erhöhen. Außerdem könnte mit der gleichen Argumentation auch
das Internet verboten werden – denn woher hat der Amokläufer seine Waffen und
die Bastelanleitungen für die Rohrbomben? Wenn wir dann auch noch das Fernsehen
verbieten leben wir in einer glücklicheren Welt…
Die Computerspiele zum Sündenbock zu machen ist fatal, denn
die Frage muss lauten: Warum produziert unsere Gesellschaft gestörte Einzelgänger,
die meinen, sich an ihrem Umfeld rächen zu müssen? Wir sollten eine Diskussion
über unser Erziehungs- und Schulsystem starten und nicht den einfachen und
bequemen Weg gehen und „Killerspiele“ verdammen.
Das große Fass
Da wird dann wieder medienwirksam der gern zitierte „Schwarze
Peter“ hin- und hergeschoben – ein Spiel übrigens mit nicht unbeträchtlichem
Aggressionspotenzial. Was gerne vergessen wird: Wir haben eine Selbstkontrolle
der Spielebranche, die auch funktioniert. Will jemand unbedingt ein indiziertes
Spiel haben, gibt es inzwischen genug Möglichkeiten im Netz – sogar ohne zu
bezahlen.
Also Schluss mit der Verbotsdiskussion, machen wir das große
Fass der Medienerziehung, der Verantwortung von Eltern und Lehrern und der
mangelnden Finanzierung des Schulwesens auf. Solange nicht erkannt wird, dass
hier das Problem liegt, doktern wir nicht an den Ursachen herum, sondern an den
Symptomen.
Kommentare
Ausgezeichnet!! Kann dem nur voll und ganz zustimmen. Es ist ja viel einfacher alles auf die Computerspiele zu schieben als eine Reform des Schulwesens durchzuführen.
Aber das Übel liegt wohl noch tiefer. Wie viel Zeit verbringen denn berufstätige Eltern noch mit Ihren Kindern?
Auch hier werden immer wieder Musterbeispiele für "tolle" Kinder herangezogen, wo beide Elternteile berufstätig sind und die Kinder "super toll" aufwachsen und damit beweisen wollen, dass es wunderbar geht. Lächerlich.
Heute muss die Entscheidung getroffen werden, entweder Kinder oder Karriere.
Wer als Arbeiter nicht in der sog. Unterschicht landen will, muss hart dafür arbeiten. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für die erforderliche Orientierungshilfe für Kinder.
Allerdings ist das Wort "Reform" schon ganz schön "ausgelutscht". Reform = sich evtl. unbeliebt machen, sich mit dem politischen Gegner oder mit Lobiiesten anlegen, bedeutet viel Arbeit und zunächst wenig Ankerkennung, also alles das, was kaum einer "erleiden" möchte. Wer also soll den Mut, das Durchhaltevermögen, die Courage aufbringen und die Unterstützung erhalten, die für eine echte Reform erforderlich ist?? Wer?? Ich sehe niemanden.
Stattdessen wird weiter an der Oberfläche herumgekratzt und gelabert, bis sich die Balken biegen!!!
Hauptsache die Zeitung ist voll mit tollen Schlagzeilen und die Medien haben viel zu berichten. Dann ist ja alles bestens.
Und nebenbei kann man sich auch mal wieder etwas gruseln und schütteln vor dieser brutalen Gewalt.
Äh? Wie oft pro Tag finden eigentlich Amokläufe in Deutschland statt? Wieviele Jugendliche spielen "Killerspiele"?
Ach ja und verbietet doch bitte Küchenmesser, falls mal jemand mit einem erstochen wurde und Autos, mit denen man jemand tot fahren kann und Flugzeuge, die Menschen umbringen und und und und .... Danke fürs Zuhören.
GM
... aber solcherlei relexhafter und
weitgehend sachverstandsfreier Aktionismus
ist ja leider auch in ernsteren Fragen
zum Standard geworden:
siehe Terror"prävention",
siehe Gesundheits"reform"
(ohne Anspruch auf Vollständigkeit).
Es ist - und zwar unabhängig von der
politischen Farbenlehre - in der Tat
bejammernswert, wie sogar eine große
Koalition sich trotz komfortabler
parlamentarischer Mehrheit zur Geisel
der Leitartikler (vorzugsweise, aber nicht
nur derer mit dem besonders schnellen
Colt) macht.
Und genau da ist der Punkt, wo sich die
geschätzte Medienzunft vielleicht einmal
an die eigene Nase fassen sollte ...
Borowiak hat recht. Medien bitte mal an die eigene Nase fassen. Wer plappert denn den „Killerspiel“-Schwachsinn nach oder lässt ihn sich auf die Titelseiten diktieren? Wer macht sich zum Handlanger für solche Ablenkungsmanöver? Wenn auch nicht vorneweg, aber eben auch die FTD.
Und im Übrigen wird es Zeit, die Märchen der Gebrüder Grimm endlich zu verbieten. Nur Mord und Totschlag (Schneewitchen, Das blaue Licht), Gewaltverherrlichung (Frau Holle, Dornröschen) und menschliche Verrohung (Hänsel und Gretel). Kein Wunder, dass die Kids mit 14 durchdrehen.
Im Märchen siegt doch das "Gute" über das "Böse". Außerdem werden diese erzählt oder gelesen und man kann mit den Kindern darüber reden, sich damit auseinandersetzen.
Im Gewaltspiel wird die "Tat" mit eigener Hand über Mausklick ausgeführt. Sieger ist der, der die meisten getötet, abgeschossen, vernichtet hat. Das ist schon eine Verdrehung der
Tatsachen. Ob ich etwas höre, oder selbst vollbringe , ist doch ein großer Unterschied. Die Reaktionen, die Absenkung der Hemmschwellen, die ablaufenden Gedanken dabei liegen doch etwas anders. Am bedenklichsten scheint mir. die Gewöhnung an die Selbstverständlichkeit, den "Anderen" zu vernichten , wenn er nicht in das Konzept paßt - in diesem Fall zwar nur in das Spielkonzept. Zwei rivalisierende Parteien vernichten sich. der Schnellere , der Clevere siegt und nicht unbedingt das "Gute". wobei "clever dabei nicht intelligenter bedeutet, sondern skrupellos abschießen. Diese Spiele sind Mord und Totschlagspiele, nicht Geschichten um "Gut und Böse", Die Erfahrung, dass am Ende das Gute siegt, macht hier keiner. Hier siegt der Stärkere, der Schnellere, der Bessere. wobei der Bessere nicht im Sinne unserer Wertordnung, Ethik und Gesetz verstanden wird. Hier kommt das Gesetz des Dschungels, das Recht des Stärkeren, die Fähigkeit zur Skrupellosigkeit , der Mut zum "Töten" und "Vernichten" zum Tragen.Das ist der sogenannte "Bessere". Was meinem Ziel- dem "Sieg", im Weg steht , wird vernichtet. Das mit Märchen zu vergleichen ist ja wohl doch "geistige Verblendung". Der Spieler ist Akteur des "Mordens.", wenn auch nur auf dem Bildschirm, dennoch handelt er und die Hemmschwelle wir beeinträchtigt. Vielleicht nicht bei allen, aber wer weiß denn, wieviele spielen, die nicht die Stabilität besitzen, die dieses Gewaltpotenzial vorraussetzt. Warum werden denn sonst Soldaten mit solchen Spielen abgehärtet, um ihre Aufgabe,Krieg zu führen, besser gerecht zu werden. Diese Spiele waren ja ursprünglich "Militärische Trainingsspiele."
Für den zivilen Bereich sind sie auf jedenfall abzulehnen. Den "Militärischen" kann ich weiter nicht beurteilen.