This page looks plain and unstyled because you're using a non-standard compliant browser. To see it in its best form, please upgrade to a browser that supports web standards. It's free and painless.

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
09. Februar 2010 17:48 Uhr

« | »

Mythos Maschinenbeherrschung

Schnoor | 05. Dezember 2006 14:54 Uhr

Als Wladimir Kramnik 1975 das Licht der Welt erblickte, steckte die Digitalisierung der Welt noch in den Kinderschuhen. Selbst in den weit fortgeschrittenen USA beherrschten 8-Bit-Systeme den übersichtlichen Computermarkt, und Taschenrechner bildeten schon eine bemerkenswerte Begegnung mit der Digitalwelt. Computer waren Extensionen des eigenen Geistes, deren Software durchschaubar war: Sie erledigten Dinge praktischerweise in weitaus schnellerer Zeit, die man aber auch selbst hätte bewerkstelligen können.

Gut drei Dekaden später muss sich nun der alleinige Schachweltmeister im Duell gegen einen Computer beweisen, und die Partie Kramnik versus Deep Fritz wird zum Duell „Mensch gegen Maschine“ stilisiert. Das verdeutlicht nicht nur das sagenhafte Tempo, mit dem sich die Technik während eines Lebensalters wandelt. Es wird geradezu ein epochaler Bruch unterstellt, nämlich die Behauptung, dass es von jetzt an mit der Herrschaft des menschlichen Geistes über die Technik ein Ende habe.

Nun bildet das Schachspiel zwar nur einen kleinen Ausschnitt menschlichen Denkens, der zugegebenermaßen wenig mit der praktischen Lebenswelt zu tun hat. Er ist aber dazu angetan, Verallgemeinerungen anzustellen. Wenn schon in diesem hochgeistigen Spiel die Besten ihre Köpfe hängen lassen müssen, was sagt das über die menschlichen neuronalen Fähigkeiten, die sich nicht nach dem Moore’schen Gesetz fortentwickeln, sondern einer sehr viel gemächlicheren Evolution unterliegen? Niemand wird ernsthaft Selbstbewusstsein daraus ziehen, dass Computer uns im Schach schlagen, wir dafür aber den Abwasch sehr viel besser erledigen können.

Der Irrtum liegt aber in der naiven Grundannahme, dass der Mensch die Technik im Vordigitalzeitalter beherrscht hätte. In Wirklichkeit hat sie ihm immer schon Grenzen gesetzt. Wer den Hammer erfand, mag für den Moment stolz gewesen sein auf seine Leistung. Wer hingegen den Hammer später vorfand, hat sich vielleicht am Gebrauch erfreut. Doch die Freiheit war gleichzeitig eingeschränkt. Wo sich der Hammer gut auf manche Werkstoffe anwenden lässt, versagt er vielleicht bei Nahrungsmitteln. Jeder weiß, dass man Hammer beispielsweise nicht auf Pudding anwendet.

Das Werkzeug schreibt uns seinen Gebrauch vor. Der Mythos von der menschlichen Beherrschung der Technik ignoriert, dass wir uns immer schon ihren Bedingungen zu unterwerfen hatten. Insofern wäre eine Niederlage Kramniks gegen Deep Fritz nichts Neues. Neu aufflammen wird hingegen die Diskussion um den Stand der künstlichen Intelligenz. Sie befindet sich trotz allem noch in den Kinderschuhen. Unter anderem, weil die Definition von Intelligenz immer noch dem Versuch gleicht, einen Pudding gegen die Wand zu nageln. Es fehlt wohl einfach das passende geistige Werkzeug.


Es sind noch keine Kommentare zu diesem Posting vorhanden



Artikel kommentieren

Name*

Email-Adresse*

Überschrift


Kommentar*




Powered by pLog