Es fehlt der Mut zum großen Wurf. Mal wieder nur klein-klein. Im wahrsten Sinne des Wortes, schließlich streitet die GroKo über die richtige steuerliche Förderung der Kinderbeutreuungskosten. Konkret geht es wohl darum, ob Ausgaben erst ab 1.000 Euro oder schon ab dem ersten Cent abgesetzt werden können. „Alle zurück auf die Plätze!“ möchte man da schreien.
Sich um steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten zu streiten, geht am Thema vorbei. Setzen, sechs!
Der einzige nennenswerte Reichtum, den Deutschland hat, sind die gut ausgebildeten Arbeitskräfte. Von deren Ideen und Einfällen lebt unsere exportweltmeisternde Wirtschaft. Wir alle also, jeder einzelne. An sich müssten alle Parteien egal welcher Couleur sich in einer Frage einig sein: wir müssen uns darauf konzentrieren, unsere jungen Menschen so gut wie möglich auszubilden.
Bis aber der Nachwuchs sechs Jahre alt ist, wird so getan, als gehe es nur die Eltern an, wie sie ihr Kind fördern und bilden und ob und wie viel Geld sie dafür ausgeben wollen.
Was für eine unglaubliche Verschwendung.
Wenn ein Kind erst einmal 6 Jahre alt ist, sind die Weichen schon oft gestellt. Platt gesagt: wenn die Kleine zwischen Entbindung und erster Klasse weitgehend vor dem Fernseher geparkt wurde, wird es das Kind schwer haben, mit denen mitzuhalten, die bereits seit drei Jahren in einem Kindergarten gefördert und gefordert wurden. Von Kindern, die in Parallelgesellschaften aufwachsen, ganz zu schweigen. Was in den ersten sechs Jahren versäumt wird, kann meist nicht wieder aufgeholt werden – die Lernfenster haben sich bereits wieder geschlossen. Wer bis sechs nicht deutsch kann, weil zu Hause nur arabisch gesprochen wird, lernt es kaum noch perfekt. Der Volksmund wusste das schon immer: was Hänschen nicht lernt...
Die beste Investition in die Zukunft unseres Landes wäre es, eine Kindergartenpflicht ab 3 Jahren einzuführen. Für alle, die hier leben. Für Deutsche, Ausländer, Arme, Reiche, Dicke, Dünne. Der Aufschrei wäre natürlich gewaltig. Die Konservativen würden fürchten, dass die Kinder von kommunistischen Erziehern indoktriniert werden. Die Liberalen würden sagen, dass die Eltern doch die Freiheit haben müssten, über die Ausbildung ihres Kindes in den ersten sechs Jahren selbst zu entscheiden. Die Gutmenschen werden argwöhnen, dass schon Kleinkinder unter Leistungsdruck gesetzt werden sollen und keine Zeit mehr zum Spielen hätten. Und so weiter.
Die Gegner der Kindergartenpflicht ab 3 Jahren werden listig vorschlagen, dass es doch reiche, wenn die Eltern das Angebot hätten, die Kinder ab diesem Alter in den Kindergarten zu schicken. Keiner wolle doch Zustände wie in der DDR, oder?
Mumpitz. Wir brauchen eine Kindergartenpflicht. P-F-L-I-C-H-T. Unsere Gesellschaft hat ein überragendes Interesse daran, dass die wenigen Kinder, die bei uns noch geboren werden, bestmöglich ausgebildet werden. Egal, welchen Pass sie haben. Egal, welcher ethnischer Herkunft sie sind. Egal, aus welcher Schicht sie kommen. Bildung und Lernen beginnt nicht erst mit 6 Jahren. Beides beginnt mit der Geburt. Die beste Investition in unser Land ist es, so früh wie möglich damit zu beginnen, den Lern- und Forschungsdrang der Kinder zu lenken, zu fördern und herauszufordern. Da darf keiner zu Hause allein vor RTL2 zurückgelassen werden.
Wer soll das bezahlen, werden die Gegner scheinheilig fragen. Kein Problem: schafft Studiengebühren überall ein und erhöht sie dort, wo es sie schon gibt. Überlebenswichtig für unsere Gesellschaft ist, dass alle Kinder eine faire Chance bekommen, das Abitur zu machen und damit überhaupt die Möglichkeit haben, zu studieren. Heute haben sie diese Chance nicht. Wer als Kind „sozial und finanziell benachteiligter“ Eltern geboren wird, hatte in Deutschland noch nie so schlechte Chancen, ein Studium anzufangen. Nicht etwa wegen der Studiengebühren. Sondern weil in der frühkindlichen Ausbildung und Förderung viel zu viel versäumt wurde.
Jedes Kind ab 6 Jahren hat heute ein Recht auf kostenlosen Schulbesuch. Jedes Kind ab diesem Alter hat auch die Pflicht, die Schule zu besuchen. Das ist Konsens. Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass dies richtig ist. Wir müssen über hundert Jahre nach Einführung der Schulpflicht jetzt den nächsten Schritt machen: Jedes Kind ab 3 sollte ein Recht auf kostenlosen Kindergartenbesuch haben. Und die Pflicht, einen solchen zu besuchen. Das wäre das beste Investitionsprogramm in unsere Zukunft seit der Gründung der Bundesrepublik.
Für 25 Milliarden €, die der Bund als Konjunkturprogramm auflegen will, ließen sich schon eine Menge Kindergärtner einstellen und Kindergärtenräume anmieten. Das wäre eine Investition, die sich langfristig tausende von Malen mehr lohnen würde als irgendeine neue Autobahn in irgendeine strukturschwache Region zu klotzen.






