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Achtung! Alter Sack!
Schimpf | 08. Oktober 2006 21:06 Uhr
Ich werde alt. Dafür kann ich natürlich nichts und seit ich drei bin, weiß ich an sich auch, dass ich jedes Jahr eine Kerze mehr auf dem Geburtstagkuchen auspusten muss. Wie gesagt, an sich weiß ich das. Rein rational ist mir meine eigene Vergänglichkeit absolut klar. Aber die meiste Zeit verdränge ich erfolgreich die banale Erkenntnis, dass auch mein Leben endlich ist. Bis sie einen dann brutalstmöglich einholt und mir gerade volljährig gewordene Schülerinnen gnadenlos offen bescheinigen, ein Leben weit jenseits des Verfallsdatums zu fristen. Letzte Woche kam es jedenfalls knüppeldick.
Die 50%ige FTD-Mutter Gruner + Jahr sucht gerade Azubis für den Beruf des Medienkaufmannes. Genauer gesagt den der Medienkauffrau, weil die schriftlichen Bewerbungen der wenigen männlichen Bewerber oft auch noch so spektakulär schlecht sind, dass sich eine Einladung zum Assessment Center verbietet. Meistens sind es also junge Frauen, die kurz vor dem Abitur stehen, die in die letzte Runde kommen.
Dort müssen die Kandidatinnen eine Aufgabe lösen, in der sie die Zielgruppe einer fiktiven Zeitschrift herausfinden sollen. Eine aufgeweckte 19-jährige erklärt mit sanfter Stimme, die Zeitschrift richte sich "an ältere Leser." Ein masochistischer Trieb lässt mich nachfragen: "Wie alt sind denn ältere Leser?" Die 19-jährige strahlt und erwidert: "Na, ab 30 Jahre würde ich sagen."
Toll! Vielen Dank! Seit mehr als 7 Jahren also gehöre ich schon zu den Älteren. Ich bin nicht nur schon älter, sondern schon Asbach. Kurz vor der Gruft. 30 oder 60 - egal, dieselbe Generation. Vielleicht aber war ich besonders empfindlich, weil mir nur einen Tag zuvor von den Angestellten eines Fitnessstudios ähnlich feinfühlig klar gemacht worden war, dass ich nicht mehr jung bin.
Jeden Donnerstagabend kicken die Schreibtischtäter und Bürohengste der FTD beim Betriebssport gegen den Ball - und nachdem meine Mannschaft drei Mal hintereinander wegen meiner miserablen Kondition verloren hatte, beschloss ich, nun doch endlich Mitglied eines Fitnessstudios zu werden."Hallo, ich bin die Andrea." begrüßte mich die Mitarbeiterin der Hamburger KaiFu-Lodge."Hi, ich bin Adrian." duzte ich sofort total locker und flippig zurück. Keine 120 Sekunden später allerdings hatte Andrea instinktiv zum "Sie" gewechselt. "Waren Sie schon mal im Fitnessstudio?" wollte sie in einem fürsorglichen Tonfall wissen, der deutlich machte, dass Andrea das für ziemlich ausgeschlossen hielt - und blieb fortan beim Sie. Ich komme offenbar bereits so gesetzt rüber, dass selbst die Firmenphilosophie der KaiFu-Lodge, jeden Kunden zwangszuduzen, bei mir intuitiv über Bord geworfen wird. Als hätte ich einen Stempel "Achtung! Alter Sack!" auf der Stirn.
Ich tröste mich damit, dass es für einen Justitiar und Personalchef wie mich nicht das schlechteste ist, wenn die Leute einen für alt und steif halten. In beiden Funktionen sieht man tatsächlich besser nicht so aus, als sei man gerade zum BRAVO-Boy des Monats gewählt worden. Außerdem fange ich an, mich subtil zu rächen.
Wenn die jungen Leute mich schon für einen zauseligen Opa halten, darf ich mich wenigstens auch wie einer benehmen. Der über 80-jährige Queen-Gemahl Prinz Philip macht es einem vor - jeder noch so unverschämte Unsinn, den er verzapft, geht als Altersweisheit durch. Legendär ist seine Warnung bei einem Staatsbesuch in China an einen britischen Studenten: "Wenn Du noch länger hier bleibst, bekommst Du Schlitzaugen!" Oder sein Dialog mit einem Bauarbeiter, den er nach dessen Karrierechancen befragte: "Ach, da muss schon mein Chef sterben, bevor ich dessen Posten bekomme." antwortete der Arbeiter. "Genau wie bei mir." entgegnete der Prinz. Respektlosigkeiten dieser Art kann man sich eben eher leisten, wenn man schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Immerhin etwas.
Kommentare
Lieber Herr Schimpf,
so tragisch ist das mit dem Aelterwerden dann doch nicht. Der "jugendliche" Chef der britischen Konservativen, David Cameron, wurde gestern beispielsweise 40. Und zum Geburtstag bekam er zwar nach Presseberichten keine Karte von Margaret Thatcher, dafuer aber Glueckwuensche aus anderen Parteien, zum Beispiel von Ming Campbell, dem 65-jaehrigen Chef der Liberaldemokraten (der aber aelter aussieht). Der Daily Telegraph schrieb:
But Sir Menzies Campbell did offer congratulations. The Liberal Democrat leader, 65, said although Mr Cameron "is probably not pleased to be 40, it's only a temporary problem – he'll soon be 41".
(http://www.telegraph.co.uk/news/main.jhtml?xml=/news/2006/10/09/ncameron09.xml)
In diesem Sinne: Kopf hoch!
Viele Gruesse,
OMH (31)
Lieber Herr Hartwich,
vielen Dank für die aufmunternden Worte. Mit 55 darf man ja bereits in die Seniorenunion der CDU eintreten - und bei der demografischen Entwicklung und der Neigung der Leute, im Alter vernünftig zu werden und konservativ zu wählen, wird es im Jahr 2024 keinen Kanzler mehr an der SU vorbei geben.
Mit 55 werde ich also politisch in der SU aktiv (im Vorruhestand habe ich dann ja auch endlich Zeit), habe die breite Mehrheit der ältlichen Massen auf meiner Seite und werde dann dafür sorgen, dass die junge Generation, die ihren Wohlstand ja nur meiner Aufbauarbeit verdankt, mit einer Abgabenquote von wenigstens 95 % meine üppige Rente finanziert.
Darauf ein Eierlikörchen!
Beste Grüße
Adrian Schimpf
Lieber Herr Schimpf,
das klingt ja nach einer wirklich optimistischen Lebensplanung. Wenn es dann soweit ist, haetten Sie dann noch einen Platz in Ihrem Kabinett fuer einen liberalen Juniorpartner? Ich waere dabei.
Likoerchen? Aber immer ... dazu noch etwas Klosterfrau Melissengeist, Asbach Uralt und Samtkragen - unsere Fahne verbergen wir dann hinter einer Wolke aus 4711 und Knoblauchpastillen.
Viele Gruesse,
Oliver Marc Hartwich
in die SU eintreten? Das wär dann glaub das Zeichen, richtig alt zu sein, bzw. sich zu machen ;-)
Hab hier aber noch ne Alternative gefunden. Damit meine Generation nicht 95 % abgeben muss, sondern vielleicht nur noch 85 %
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/nachrichten/tuerkei-medizin-leute/76787.asp
Lieber Frau Schweizer,
Mutter mit 64? Wenn man sich gerade so schön in seinem Häuschen in der Toskana eingerichtet hat und den Lebensabend bei einem Glas guten Rotweins verbringen möchte? Dann plötzlich ein Baby? Nur damit Ihre Generation nur noch 85 % Abgabenlast hat? Also das können Sie nun wirklich nicht verlangen! Die soziale Kälte, die einem bei so einem Vorschlag entgegenschlägt, lässt mich erschaudern!
Beste Grüße
Adrian Schimpf
die Erkenntnis hat doch schon mal was Gutes an sich, lieber Herr schimpf. Wer nicht in Würde und mit Stolz alt werden kann, das Alter geniesen kann, ist nie" weise" geworden. Nur ein Narr glaubt , sich mit zunehmenden Alter zunehmend pseudo-jung zu gebärden zu müssen. sich zu benehmen und zu leben wie einer mit 30. , einen auf "Jung" machen - lächerlich.
Alle Alten, kopf hoch, lebt das reale Alter, ein anderes habt ihr nicht, dazu Einsicht Humor und Gesundheit auch im Kopf.
For those of us who are in our senior years, we can say now, these are the best of times. We no longer have to deal with a "Lebensplanung" and that sort of thing. In fact we no longer have to persue goals or success, because we are already there and enjoying life and reflect with "Genugtuung" upon our years in business and whatever else we did. We were the Command Generation, and I enjoyed almost every moment of it.
Regrets? We had a few, but now some of us can sit back and tell those who want to listen how to run the world. Furtunately there seem to be few who are keen to profit from our perspective.
That's life.
In the meantime, Memo to Seniors:
"Let the Good times roll" or "Laissez rouler les bon temps"
Cheers All