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FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
14. März 2010 18:58 Uhr

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Die Grammatik des gebrochenen Herzens

Nicholls | 08. Oktober 2009 14:55 Uhr

Diese Woche hat mich das folgende Problem beschäftigt, und es liegt mir sehr am Herzen. Ich habe diese zwei Sätze verglichen:

1)Die Mannschaft hat uns das Herz gebrochen.

2) The team broke our hearts.


Bei dem deutschen Satz stelle ich mir ein einzelnes Herz vor, das für sein Volk schlägt und das über dem ganzen Land aufplatzt. Das englische Bild ist für mich wie tausende lebende Herzen, die gleichzeitig brechen, als ob in einem Film bei einem Erdbeben alles aus Glas in einem einzigen Moment kaputt geht. Spricht das große deutsche Herz für alle, empfinden alle dasselbe Gefühl? Bilden die englischen Herzen gemeinsam wie Wassertropfen eine große Welle?

Es gibt eine schöne Erklärung, die um das Possessiv geht. Hüpft Ihnen schon das Herz vor Freude? Mir zumindest lacht das Herz im Leibe. Im Deutschen gibt es einen Pertinenzdativ, der durch den Genitiv oder ein Possessivpronomen ersetzbar ist. Die Verbindung zwischen dem Dativ und dem Verb weist darauf hin, dass das Objekt nicht nur dazugehört, sondern auch unabdingbar ist. Wenn es deutlich ist, dass das Herz und der Mensch nicht voneinander getrennt sein können, dann braucht man auch kein possessives Pronomen vor dem Objekt, weil der Besitzer schon erwähnt wurde. Um den Pertinenzdativ verwenden zu können, muss ein Körperteil genannt werden oder ein "Zugehörigkeitsverhältnis" bestehen. Mein Herz kann nur mir gehören (im wortwörtlichen Sinne), ein Handy dagegen besitze ich, zum Beispiel. Wenn mir natürlich das Herz gestohlen wird, haben wir wieder ein Problem (und auch wieder einen Pertinenzdativ).

Im Englischen wird dieser Unterschied nicht deutlich. Das trifft mich bis ins Herz! Weiterhin gibt es seit dem Mittelalter keinen hervorgehobenen Dativ. Da Altenglisch eine germanische Sprache ist, wurden Wörter im 10. Jahrhundert noch gebeugt. Jedoch gab es im Altenglischen einen systematischen Verlust der Kasusendungen, weil die unbetonten Silben am Ende eines Wortes durch eine Synchronisierung der Dialekte verloren gingen. Vielleicht waren die Inselbewohner nur mit halben Herzen dabei. Dieser Prozess wurde durch die Invasionen beschleunigt, denn die Ausländer mussten erstmal kommunizieren können, bevor sie die Grammatik der Sprache bzw. den Dialekt lernten. Tja, anscheinend haben sie die alte Grammatik nicht ins Herz geschlossen. Der Akkusativ und der Dativ wurden zu einem Fall fusioniert, der immer noch in der Sprache vorhanden ist. (Es gibt wenige Ausnahmen, aber die interessieren uns hier nicht.)

Jetzt kommen wir wieder zurück zu Herz und Seele der Sache: Da es keinen Dativ und in diesem Fall keinen Pertinenzdativ im Englischen gibt, muss die Zugehörigkeit anders angezeigt werden. Der englische Satzbau überwindet dieses Problem mit possessiven Pronomen, die zu den Nomen passen müssen. Deshalb gibt es nicht nur "our", sondern auch eine Pluralform des Nomens: our hearts.

Den Unterschied zwischen dem deutschen und dem englischen Beispiel habe ich recherchiert und weiß im Grunde meines Herzens, dass trotz einer Unstimmigkeit in der Grammatik der beiden Sprachen die Übersetzung tatsächlich stimmt und genau dasselbe bedeutet. Das Herz wird mir schwer: Ich mochte die Vorstellung, dass es verschiedene Arten gibt, mitzuleiden. Zum Glück jedoch gewinnen einige Mannschaften auch, dann kann es mir mal wieder warm ums Herz werden.

Kommentare

Hmm...

..darüber lest sich echt senieren. Schöner Artikel und ein gut gewähltes Thema.

s.holstens | 22. Oktober 2009 08:05 Uhr




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