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Merken   Drucken   09.07.2012, 20:30 Schriftgröße: AAA

Hanseatische KfW: Herr Lüthje gründet eine Bank  

Trotz des Milliardendebakels mit der HSH gründet Hamburg ein zweites staatliches Kreditinstitut. Warum die Hansestadt das macht, kann nur einer erklären: der Rentner Bernd Lüthje.
© Bild: 2012 Patrick Lux
Premium Trotz des Milliardendebakels mit der HSH gründet Hamburg ein zweites staatliches Kreditinstitut. Warum die Hansestadt das macht, kann nur einer erklären: der Rentner Bernd Lüthje.
von Hamburg und Frankfurt

Ein Rentner ist ein Mensch, der eine Aufgabe braucht. Also zog sich Bernd Lüthje, der meist Stoffhose trägt, eine Jeans an und begann, Hamburgs Banken abzuklappern. Drei Jahre ist das her.

Nun war es nicht so, dass ihn die Banken mit offenen Armen empfangen hätten - einen alten Mann, der nach einem Förderkredit fragt. Aber darum ging es Lüthje ja auch gar nicht! Im Gegenteil: Er war inkognito unterwegs, "darum die Jeans", wie er sagt. Er wollte zeigen, dass es fast unmöglich ist, in Hamburg einen Förderkredit zu bekommen.

Das nämlich war die Voraussetzung für Lüthjes eigentliche Aufgabe, für seine große Mission: "Ich wollte meiner Vaterstadt eine Bank schenken." Eine Bank, die die Menschen mit Förderkrediten versorgen würde.

Jetzt sitzt Bernd Lüthje auf der Terrasse seines Bungalows in Ohlstedt, einem grünen Seniorenhabitat in Hamburgs äußerstem Norden. Lüthje, 73, ein knorriger Herr mit großer Brille und kurz geschorenem Haar, hätte eigentlich genug zu tun. Gerade waren er und seine Frau in Frankreich, da haben sie die Tochter besucht. Davor waren sie in New York, dort lebt der älteste Sohn. Zudem schreibt er gerade ein Finanzbuch ("Von den Teufeln und den Vergessenen"), ein weiteres ist in Vorbereitung. Und er liest viel, bei seinem letzten Umzug hat er Hunderte Bücher entsorgen müssen, weil im Ohlstedter Bungalow kein Platz für sie gewesen wäre.

Gleichwohl: Das Reisen, das Schreiben, das Lesen, die Pflege des Gartenteichs hinter der Terrasse - das ist nicht Lüthjes Leben. Sein Leben seit fast vier Jahren, das ist die Bank. Und die soll schon im kommenden Jahr an den Start gehen, auch wenn sie noch keinen Namen hat, sondern nur einen Arbeitstitel: Investitions- und Förderbank Hamburg (IFB). Ein staatliches Geldhaus, eine KfW im Kleinformat. Zurzeit ist die Bürgerschaft, das Stadtparlament der Hansestadt, mit der Gesetzgebung befasst. Um die Details wird gerungen, aber dass das neue Institut noch scheitern könnte, glaubt niemand.

Die IFB soll Projekte finanzieren, die einen gesellschaftlichen Mehrwert versprechen, aber so risikoreich sind, dass normale Banken gern die Finger davon lassen. Existenzgründungen zum Beispiel. Das klingt einerseits nach einer vernünftigen Idee. Zumal das bislang auf viele Behörden verteilte Fördergeschäft nun endlich gebündelt werde, wie Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) sagt. Andererseits: Hamburg kommt seit Jahrzehnten ohne Förderinstitut aus. Und ist trotzdem eine der erfolgreichsten Wirtschaftsmetropolen Deutschlands.

Hinzu kommt: Die Stadt hat gerade erlebt, was passieren kann, wenn eine staatliche Bank schlecht geführt wird und schließlich außer Kontrolle gerät. Milliarden Euro hat das Desaster mit der HSH Nordbank den Hamburger Steuerzahler gekostet.

Warum in aller Welt gründet die Hansestadt also eine weitere Staatsbank?

Es ist nicht leicht, in der Stadt eine schlüssige Antwort auf diese Frage zu bekommen. Bei der Hamburger Sparkasse sieht man die Alster-KfW ebenso skeptisch wie bei der Hamburger Volksbank. Nun ließe sich einwenden, dass die Platzhirsche schlicht die neue Konkurrenz fürchten. Doch in der übrigen Hamburger Wirtschaft, die ja von der Förderbank profitieren soll, sind die Reaktionen ähnlich. "Wir sehen den Bedarf nicht. Unsere Unternehmen sind mit der Ist-Situation rundherum zufrieden", sagt Hans-Jörg Schmidt-Trenz, der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer. Er legt zwei Statistiken auf den Tisch, die die Kammer hat anfertigen lassen. Fördergeschäft gemessen an der Wirtschaftskraft: Hamburg auf Platz drei unter den 16 Bundesländern. Kreditvolumen gemessen an der Wirtschaftskraft: Hamburg sogar auf Platz eins.

Die Parteien? Die CDU ist gegen die neue Bank. Die FDP auch. Die Grünen sind nicht wirklich dafür. Einzig die SPD will das neue Institut. Doch sogar unter den Sozialdemokraten gibt es viele Skeptiker. Selbst ein Anhänger der IFB wie der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jan Balcke, sagt: "Ich bin noch nicht nachhaltig überzeugt."

Wer erfahren will, warum Hamburg trotzdem die IFB bekommt, muss sich auf den Weg nach Ohlstedt machen, auf die Terrasse von Bernd Lüthje.

Lüthje war selbst mal Banker, ein hochrangiger sogar. Den Karrierehöhepunkt erlebte er in Düsseldorf: Vorstand bei der WestLB, später Aufsichtsratschef. Zudem baute er von 2002 an die NRW-Bank auf, eine jener Landesförderbanken, die ihm nun als Vorbild für die IFB dienen. 2008, als es in Düsseldorf nichts mehr zu tun gab, zog Lüthje zurück nach Hamburg. Hier war er kurz nach Kriegsausbruch zur Welt gekommen. Hier hatte er in den 60er-Jahren Volkswirtschaft studiert, unter anderem bei Karl Schiller, dem späteren Wirtschafts- und Finanzminister. Hier hat er seine Frau kennengelernt. Dieser Stadt, so sah es Lüthje, schuldete er etwas.

Das Problem war nur: Die Stadt sah das anders. Sie wollte gar nichts von ihm. Als er begann, seine Idee von einer Förderbank zu streuen, stieß er bald auf Widerstand: "Politiker, Wirtschaftsleute, Banker - alle haben mir gesagt: Herr Lüthje, warum genießen Sie nicht einfach Ihren Ruhestand?"

Lüthje ließ sich nicht beirren. Er zog die Jeans an und lief die Banken ab. Er besuchte alle öffentlichen Stellen, die in Hamburg etwas mit Wirtschaftsförderung zu tun haben, "37 insgesamt". Er begann, Statistiken zur Lage des Finanzstandorts Hamburgs zu wälzen. "Sogar nachts habe ich gearbeitet."

Bei Michael Freytag, damals Hamburgs Finanzsenator, bekam er keinen Termin. Aber immerhin bei dessen Staatsrat Robert Heller. Als CDU-Mann stand der der Idee zwar zurückhaltend gegenüber, aber immerhin: Er wimmelte Lüthje nicht ab - sondern verwies ihn an den Abteilungsleiter Michael Heinrich. Mit dem traf sich Lüthje nun regelmäßig. "Mein erster Projektleiter" nennt er ihn. Gemeinsam erarbeitete man ein Konzeptpapier.

Lüthje war nun drin in der Verwaltung. Aber noch nicht in der Politik. Also pirschte er sich an die SPD heran. Die war zwar in der Opposition. Aber Lüthje wusste: Wenn es einen Verbündeten für seine Mission gibt, dann die SPD. Andreas Dressel, den heutigen Fraktionschef, lernte er an einem SPD-Stand kennen. Ingo Egloff, damals Parteichef, besuchte er in dessen Büro. Joachim Seeler, Mitglied im Landesvorstand, kannte er noch von früher.

Als die SPD im August 2010 ein Positionspapier zum Finanzplatz Hamburg herausgibt, findet sich darin ein ganzer Passus zum Thema Investitionsbank. "Da habe ich sogar wörtliche Formulierungen von mir wiedererkannt", behauptet Lüthje.

Was folgt, ist bekannt. Der Rücktritt Ole von Beusts. Die Selbstdemontage der Hamburger CDU. Der Wahlerfolg der SPD, mündend in der absoluten Mehrheit. Ob sie wollen oder nicht, die Sozialdemokraten müssen die Bank nun gründen, schließlich steht es in ihrem Programm. Die Genese der IFB sei eine "drôle d'histoire", sagt Handelskammerchef Schmidt-Trenz. Eine bizarre Geschichte.

Bleibt die Frage: Wie groß ist Lüthjes Anteil an dieser Geschichte wirklich? Oder andersherum: Wäre die Investitionsbank auch ohne ihn gekommen? Lüthje selbst sagt: "Ich habe das Copyright." Schmidt-Trenz sagt: "Es ist bemerkenswert, dass es einem einzelnen Bürger gelingen konnte, eine derart weitreichende Entscheidung herbeizuführen." Finanzsenator Tschentscher dagegen betont, dass es sich bei der IFB "um ein langjähriges Konzept der SPD" handle. Zur Rolle Lüthjes teilt sein Haus mit: "Er berät das Projektteam der Finanzbehörde anlassbezogen und ehrenamtlich."

Tatsächlich steht Lüthje noch immer in regem Kontakt mit der Behörde. Herr über das Verfahren aber ist er nicht mehr. Das sind nun die Senatoren für Wirtschaft, Finanzen und Städtebau, die untereinander, aber auch mit der SPD-Fraktion um die genaue Ausgestaltung der Bank ringen.

Fest steht bis jetzt nur, dass die IFB an die bereits existierende Wohnungsbaukreditanstalt angedockt wird. Umstritten aber ist beispielsweise, wo das zusätzliche Eigenkapital herkommen soll. Das politische Geschacher ist in vollem Gange.

Lüthje sitzt auf seiner Terrasse, vor sich einen Berg Unterlagen, aus dem er ein fingerdickes Konvolut zieht, "Beschlussvorlage: Gründung der Hamburger Investitionsbank". 36 Seiten, 180 Stichpunkte, Stand 27. März 2011. Man meint, man halte ein Amtsdokument in Händen. Geschrieben aber hat es Lüthje. "Die achte Fassung", die Quintessenz seiner Mission. Auf Seite 35, unter dem Punkt "Versicherung des Verfassers", steht: "Ich habe keinen Auftraggeber, hinter mir steht kein Interessent. Als in meine Mutter- und Vaterstadt zurückgekehrter Sohn arbeite ich ehrenamtlich für dieses Projekt."

Nicht auszuschließen, dass ihm ein wenig langweilig werden wird, wenn die Bank einmal ihre Arbeit aufgenommen hat.

Förderbanken
Groß und klein Öffentliche Förderbanken gibt es mittlerweile in den meisten Bundesländern. Die größte ist die NRW-Bank mit eine Bilanzsumme von 153 Mrd. Euro, die kleinste die Saarländische Investitionskreditbank mit 1,4 Mrd. Euro.
Alt und neu Die alte Wohnungsbaukreditanstalt in Hamburg kommt zurzeit auf 5 Mrd. Euro. Nach Ansicht Lüthjes könnte die Bilanzsumme durch die Erweiterung zur neuen IFB auf zunächst 7,5 Mrd. Euro steigen. Die Finanzbehörde äußert sich nicht dazu.
  • Aus der FTD vom 10.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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