Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Was soll man von einem Mann halten, der seinen Mitarbeitern und dem Rest der Welt auf 123 Seiten erklärt, nach welchen Prinzipien er sein Unternehmen lenkt? Der ihnen Lehrsätze aufdrängt wie "Helfen Sie Leuten durch den Schmerz, der entsteht, wenn ihre Schwächen erforscht werden" oder "Suchen Sie sich Ihre Gefechte nicht aus, kämpfen Sie sie alle" - und auch verlangt, dass sie sich danach richten?
Viel. Zumindest wenn es nach dem Erfolg geht, gemessen in Dollar, vielmehr in Milliarden Dollar. Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates, ist der erfolgreichste Hedge-Fonds-Manager aller Zeiten. Der 62-Jährige hat sich in der ewigen Bestenliste an Legende George Soros und Starinvestor John Paulson vorbeigeschoben.
In der jährlich veröffentlichten Rangliste der Anlagegesellschaft LCH Investments steht Dalio nach den für ihn extrem erfolgreichen Jahren 2010 und 2011 nun auf Platz eins: Sein Hauptfonds Bridgewater Pure Alpha, mit einem Vermögen von 72 Mrd. Dollar (54 Mrd. Euro) der größte Hedge-Fonds überhaupt, gewann von seiner Gründung 1975 bis Ende des vergangenen Jahres fast 36 Mrd. Dollar. Allein 2011 verdiente der Fonds knapp 14 Mrd. Dollar für seine Anleger - während die Branche im Durchschnitt fünf Prozent verlor und die Fonds des Wettbewerbers Paulson durchschnittlich sogar 20 Prozent einbüßten.
Mit Dalio rückt einer ins Rampenlicht, der bislang außerhalb der Szene weniger aufgefallen war als Stars wie Soros und Paulson. Diese waren mit erfolgreichen Wetten - gegen das britische Pfund, den US-Häusermarkt - weltbekannt geworden. Auf sie konzentrieren sich viele; wenn sie danebengreifen, so wie Paulson zuletzt, entlädt sich kübelweise Spott.
Dalio steht seltener in den Schlagzeilen. Dabei könnte eine lauten: Der Hedge-Fonds-Manager, der die Euro-Schuldenkrise kommen sah. Der Sohn italienischer Auswanderer verfolgt zwar eine in der Branche gängige Strategie: Der Großteil der insgesamt 120 Mrd. Dollar, die Bridgewater verwaltet, steckt in sogenannten Global-Macro-Fonds. Sie investieren oft in Dutzenden Märkten zugleich und versuchen, große Trends frühzeitig aufzuspüren. Anders als viele Wettbewerber erkannte Dalio aber sehr früh das Ausmaß der Schuldenkrise.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wurde er dazu jüngst deutlich: Insgesamt sei die EU am Ende ihrer Schuldenaufnahme "und vielleicht schon ein wenig darüber hinaus". Europa drohe angesichts der Restrukturierung eine zehn bis 15 Jahre dauernde Wachstumsschwäche. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stützte er: Wie sie befand Dalio, Eurobonds seien keine Lösung.
Mit der Lage in Europa hat sich der Vater von vier Kindern zeitig auseinandergesetzt: Schon 2010 hielt er die Situation in der Alten Welt für besonders prekär und investierte daher in Gold und sichere Staatsanleihen. Dass es Dalio seit Jahren gelingt, Richtungswechsel der Finanzmärkte zeitig zu erkennen, dürfte eng mit seinem Führungsstil zusammenhängen. Jenen 210 Prinzipien eben, nach denen er investiert und seine Firma führt.
Diese Leitsätze erinnern an die Riten einer Sekte. Für sich genommen klingt vieles harmlos. Aber zusammen zeichnen die Regeln das Bild eines harten, kalkulierenden und extrem von sich überzeugten Mannes. Dabei erfüllt Dalio das Klischee des Hedge-Fonds-Managers nicht ganz. Fünfmal in der Woche meditiert er. Sein Fonds gibt sich weniger geheimniskrämerisch als viele Rivalen in der immer noch kaum regulierten Branche. So ist die Internetseite von Bridgewater Associates frei zugänglich. Das Firmengebäude, lauschig im Grünen vor den Toren New Yorks, lässt sich dort erkennen. Was die Konkurrenz davon hält oder die Welt von seinen Mantras, dürfte Dalio egal sein. Sein letzter Lehrsatz lautet: "Versuchen Sie nicht, es jedem recht zu machen."