Die wegen Lustreisen in die Schlagzeilen geratene Ergo-Versicherungsgruppe will transparenter werden und so Vertrauen zurückgewinnen. Auf einer neuen Internet-Seite will der Vorstandsvorsitzende Torsten Oletzky alle geprüften Vorfälle offenlegen. Die Seite ist seit Sonntag abrufbar. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (DPA) kündigte er weitere Änderungen im Anreizsystem für die Vertriebsmitarbeiter an. So sollen Reisen nur noch in Europa und mit Ehepartner angeboten werden.
Das Unternehmen war 2011 in die Kritik geraten, nachdem bekannt wurde, dass die Tochter Hamburg-Mannheimer Versicherungsvertreter zu einer Sex-Party nach Budapest eingeladen hatte. Die Lustreisen nach Ungarn sind unerreicht, aber bei weitem nicht die einzigen Aktivitäten der Vertreter im Rotlichtmillieau. Auf der Seite sind die pikanten Ausflüge detaillierte aufgelistet. Ein Swinger-Hotel auf Jamaika wurde gleich zweimal besucht, in einem Erotik-Club auf der Hamburger Reeperbahn feierte ein Ergo-Geschäftsstellenleiter mit seinen Seminarteilnehmern 2007. In New York belief sich die Rechnung nach einer Nacht in einem Stripclub auf 900 Euro und auch in Kitzbühel wurde mehrfach eine Tabledance-Bar angesteuert.
Bemerkenswert ist auch ein Fall auf Sardinien, der zu einem Abmahnschreiben des Versicherers führte, das ebenfalls auf der Seite veröffentlicht wurde. Der Mann zeigte ungebührliches Verhalten gegenüber einer weiblichen Begleitperson und einer Servicekraft gezeigt habe. "Besonders schwerwiegend ist aber, dass Sie unserer Mitarbeiterin Frau [A] an das Gesäß gefasst haben!", heißt es in dem Schreiben. Das Fehlverhalten hatte auch eine hierarchische Rückstufung zur Folge.
Laut Oletzky ist der Schaden für den Versicherer durch die Affäre "schwer zu quantifizieren". Die Storno-Quote - sie misst, ob Kunden den Versicherer vorzeitig verlassen - habe sich "eher noch verbessert". Bei den Kündigungen, so Oletzky, gab es nur eine "begrenzte Zahl von Kunden, die diesen Schritt mit Hinweis auf die Skandale verbunden haben".
Oletzky gestand der DPA, dass "die Stimmung im Vertrieb und im gesamten Unternehmen durchaus bedrückt" sei. Die Mitarbeiter würden auch in der Freizeit auf die Skandale angesprochen. Die Ergo habe "in der öffentlichen Diskussion nicht immer gut ausgesehen". Deshalb werde das Unternehmen "jetzt so viele Details wie möglich" veröffentlichen. Unter anderem meint der Ergo-Chef damit Untersuchungen zu den Reisen und Revisionsberichte. "Keine Toleranz bei Fehlverhalten", lautet Orletzkys Devise für die Zukunft.
Ein Opfer seiner moralischen Säuberungsaktion gibt es bereits: Der im Vorstand der Ergo Lebensversicherung für den Vertrieb zuständige Manager Ludger Griese verlässt das Unternehmen. Die Konzernrevision von Ergo soll kritisiert haben, dass Griese die Vorgänge um die Lustreise zu spät aufgeklärt habe. Die Prüfer hätten gerügt, dass er Hinweisen nicht konsequent nachgegangen sei.
Oletzky selbst steht wegen der Affäre selbst unter genauer Beobachtung. Er ist seit 2004 im Unternehmen und seit 2008 Vorstandschef.