Als letzter verließ der "Mann auf dem Euro" das Protestcamp vor der Europäischen Zentralbank (EZB). Thomas Drillich hatte sich kamerawirksam mit einem winzigen Zelt auf der Euro-Skulptur vor der Notenbank niedergelassen. Um 3 Uhr nachts kletterte er hinauf, erst gegen 11.20 Uhr stieg er wieder herab – nachdem die Polizei die Sitzblockade seiner Mitstreiter unten auf dem Boden aufgelöst hatte.
Insgesamt hatten sich gut 300 Menschen in der Grünanlage versammelt, in der die Kapitalismuskritiker von der Occupy-Bewegung am 15. Oktober 2011 ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Für den 47-jährigen Drillich war das damals die erste Demonstration seines Lebens, aus Empörung über "die Banken, die zum zweiten Mal vom Steuerzahler gerettet" worden seien in der Euro-Krise.
Aus Sicht des 47-Jährigen, der von seinem symbolträchtigen Sitzplatz aus einen guten Überblick über das Camp hatte, verlief die Räumung friedlich. "Ich finde, dass beide Seiten friedlich miteinander umgegangen sind." Auch die Polizei zeigte sich insgesamt zufrieden: Über Verletzungen sei nichts bekannt, sagte ein Sprecher.
Zu kleineren Rangeleien kam es bei der Auflösung der Sitzblockade allerdings schon, weil sich einige Demonstranten fest ineinander verhakt hatten. Sogar ein knutschendes Pärchen mussten die Beamten auseinanderreißen. 13 Personen wurden vorübergehend festgenommen, weil sie sich nicht widerstandslos wegtragen ließen oder Beamte mit Farbe bespritzten.
Die Farbe – wasserlöslich, wie die Occupy-Aktivisten betonen – war die Waffe der Demonstranten gegen eine schnelle Räumung. Zu beiden Seiten der Sitzblockade standen zwei Planschbecken voller bunter Soße, von der fast jeder etwas abbekam – Polizisten, Teilnehmer und Beobachter. Die Einsatzleitung schickte schließlich Beamte in weißen Schutzanzügen los, um die Planschbecken und einige von Kopf bis Fuß mit Farbe beschmierte Demonstranten wegzutragen. Insgesamt brauchten mehrere hundert Polizistinnen und Polizisten gut eine Stunde, um das Zeltlager zu räumen.
Mit dem Protestruf "Wir sind die Vertriebenen" zog eine kleinere Gruppe von Demonstranten anschließend durch das Bahnhofsviertel. Die Räumung des Camps trieb auch Menschen auf die Straße, die dort nur sporadisch zu Besuch sind. Zum Beispiel Christel Wesenberg-Löw. Das Zeltlager "rüttelt wach, es macht die Leute aufmerksam, weckt ein Bewusstsein dafür, darüber nachzudenken, was schiefläuft", meint die Mutter von drei Kindern, die regelmäßig an Demonstrationen der Occupy-Bewegung teilnimmt.
Die Zelte ließ die Polizei vor Ort, nach Angaben der Stadtverwaltung dürfen sie am Samstag wieder bezogen werden – wenn die unter dem Stichwort Blockupy angekündigten Protestkundgebungen vorbei sind. Zu Blockupy gehören neben Occupy-Aktivisten auch Mitglieder des globalisierungskritischen Netzwerks Attac und verschiedener Gewerkschaften. Während der von Blockupy ausgerufenen Aktionstage hätte das Camp nur bewohnt bleiben dürfen, wenn die Organisatoren jeden einzelnen Besucher kontrolliert hätten. Denn die Stadt Frankfurt befürchtet, dass zu den Demonstrationen Randalierer anreisen - bis zu 2000 „gewaltbereite Personen“ sind nach Angaben von Polizeipräsident Gerhard Bereswill zu erwarten.
Eine ursprünglich für Freitag angekündigte Blockade der EZB und des gesamten Frankfurter Finanzviertels hat die Stadt Frankfurt bereits verboten. Zulässig ist nach einem Urteil des hessischen Verwaltungsgerichtshofs lediglich eine Demonstration am Samstag.
Die Occupy-Aktivisten werfen der Polizei Panikmache vor. Allerdings war es am Rande einer Demonstration von Kapitalismuskritikern am 31. März tatsächlich zu Ausschreitungen gekommen, 15 Beamte wurden damals verletzt.
Euro-Kletterer Drillich räumt ein: "Das sich immer alle 100-prozentig verhalten, da kann man nirgends von ausgehen." Die Frankfurter Occupy-Bewegung aber sei friedlich. So wie er selbst. Vom Euro-Symbol stieg der gelernte Systemprogrammierer letztlich freiwillig herunter: "Das wäre viel zu gefährlich, wenn da Beamte hochgeklettert wären, um mich runter zu holen. Ich will niemanden gefährden."