FTD Herr Hettler, monatelang sah es so aus, als könne die Schuldenkrise dem Euro kaum etwa anhaben. Nun aber verliert er seit Anfang Mai fast ungebremst an Wert. Wieso gerade jetzt?
Sören Hettler Gerade zum Jahresanfang hat es noch eine Reihe von Schritten gegeben, die geholfen haben, die Währung zu stabilisieren. Dazu gehörten etwa der kontrollierte Schuldenschnitt in Griechenland, der Fiskalpakt, vor allem aber die Milliarden-Geldspritzen der Europäischen Zentralbank. Seit Mai zeichnet sich jedoch ab, dass eine spürbare Stabilisierung der Euro-Vertrauenskrise doch länger auf sich warten lassen wird.
Was belastet den Euro denn so?
Besonders die Neuwahl in Griechenland und die Sorgen um die spanischen Banken sowie die Solvenz des spanischen Staates bewegen die Märkte. Dass Spanien unter den Rettungsschirm flüchten muss, ist ebenso wenig auszuschließen wie der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro. Zudem könnte Portugal wieder stärker in die Krise rutschen oder eine politische Verunsicherung etwa von den Wahlen in den Niederlanden ausgehen. Es ist nicht absehbar, woher positive Nachrichten kommen sollen. Somit könnte die Gemeinschaftswährung bis zum Herbst durchaus bis auf von 1,15 Dollar fallen.
Zeigen die Kursverluste des Euro bereits, dass Anleger ihr Kapital aus dem Euro-Raum abziehen?
Bisher haben wir beobachtet, dass die Anleger Gelder aus den Anleihemärkten der Euro-Randstaaten abziehen und es in Kernländern besonders in Deutschland angelegt haben.
Das lässt die Kurse deutscher Staatsanleihen steigen, deren Verzinsung fällt und fällt.
Ja genau, doch selbst wenn derzeit die Renditen deutscher Bundesanleihen von einem Rekordtief zum nächsten fallen, muss dies nicht allein auf Kapitalzuflüsse aus den Randstaaten zurückgehen. Die Niedrigzinsen können auch daher kommen, dass Anleger etwa ihre Mittel aus Aktien in Staatsanleihen umschichten. Bisher fehlen jedenfalls noch die zuverlässigen Statistiken, die eine verstärkte Kapitalflucht belegen würden. Die aktuellsten Daten sind vom März. Auszuschließen ist sie jedoch keineswegs.
Wenn Sie damit rechnen, dass der Euro innerhalb von drei bis sechs Monaten bis auf 1,15 Dollar sinken kann: Welche Rolle spielen dabei der Wahlausgang in Griechenland und ein möglicher Ausstieg des Landes aus dem Euro-Raum?
Sicherlich ist ein Austritt Griechenlands nicht mehr auszuschließen. Wir gehen jedoch davon aus, dass es im Extremfall zu Schritten der Politik und der Zentralbanken kommen wird, um die negativen Auswirkungen auf den Rest des Währungsgebietes abzufangen. Doch selbst wenn Griechenland drin bleibt, könnte die Währung wegen der vielen Belastungsfaktoren weiter an Wert verlieren. Wenn der Vertrauensverlust der Investoren gestoppt wird, wären auf Sicht von zwölf Monaten jedoch wieder Kurse um 1,30 Dollar in Reichweite.
Interview: André Kühnlenz