Ergo verdarb sich mit Lustreisen und Drogenpartys gründlich sein Image. Der neue Vorstandschef Torsten Oletzky will dem schlechten Ruf des Versicherers jetzt mit lückenloser Transparenz bei der Aufklärung der Vorfälle entgegentreten. Lang hat die Aktion gedauert, dafür ist sie umso gründlicher. Auf der Ergo-Website sind belegte und unbelegte Vorwürfe gegen Konzernangehörige aufgelistet und beschrieben, selbst eingereichte Spesenrechnungen von Bordellbesuchen sind einsehbar. Akribisch listet der Versicherer die heiklen Zwischenfälle in drei Kategorien auf.
Einen eigenen Abschnitt ("Budapest-Reise 2007") widmet Ergo dem berüchtigten Sexausflug nach Ungarn. Die damalige Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer Invest (HMI/heute Ergo Pro) bewarb einen Sonderwettbewerb für Führungskräfte auf einem Flyer damals mit dem Slogan "Party total - Power, Pool & Party in Budapest!". Bei der "Party des Jahres" waren neben den Teilnehmern auch 20 Prostituierte eingeladen. Die Lustreise nach Budapest war 2011 bekannt geworden.
Die magyarische Power-Party war die erste öffentlich gewordene, allerdings längst nicht die einzige skandallöse Reise, die Ergo-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren organisiert haben. Noch im selben Jahr tranken Seminarteilnehmer auf der Hamburger Reeperbahn Scotch, Weinbrand und Rum im Wert von mehr als 1000 Euro und besuchten den Erotikklub "Safari-Club", den letzten Club des Hamburger Kiezes, in dem Live-Sexshows zu sehen sind. Die Rechnungen für den hochprozentigen Sexabend wurden anschließend eingereicht und über den Ausbildungsfonds beglichen. Diesen und die folgenden heiteren Abende listet die Ergo nun in der zweiten Kategorie "Nachgewiesenes Fehlverhalten" auf.
Im Winter 2008 ließ sich ein Filialdirektor der Ergo den Besuch eines Bordells in Wien von seinem Arbeitgeber erstatten. In einer schriftlichen Stellungnahme teilte der Filialdirektor mit, er könne sich nicht erinnern, jemals eine solche Lokalität besucht, bzw. die Kosten dafür abgerechnet zu haben. Im entsprechenden Revisionsbericht heißt es, der Mitarbeiter habe den erstatteten Betrag trotzdem zurücküberwiesen - "um einen Reputationsschaden von der Ergo fern zu halten". Auch knapp 100 Euro für den Besuch in einem Strip-Club in Tallin 2009 bekam die Versicherung vom verantwortlichen Mitarbeiter zurück, er gab den Ausflug in das Etablissement zu.
Auf einer Reise nach Rio de Janeiro 2010 bezahlte die Ergo hingegen offenbar nur die Kontaktaufnahme zu Prostituierten - sprich Rechnungen für Drinks in einschlägig bekannten Rotlichtbars. "Reine Prostitutionsdienstleistungen dürften wahrscheinlich eher nicht über diese Belege abgerechnet worden sein" heißt es im Fazit des Revisionsberichtes. Dieser Ausflug wurde allerdings extern organisiert. Ebenso eine Reise nach New York im gleichen Jahr, auf der die Teilnehmer für 1124 Dollar den edlen "Penthouse-Executive Club" besuchten, obwohl der Programmpunkt wegen der Stripshows im Club im Vorfeld gestrichen wurde.
Eine Gruppe aus einer Hamburger HMI-Geschäftsstelle besuchte 2010 das gleiche Hotel. Der Organisator dieser Reise gab gegenüber der Revision an, das Internet nicht zu benutzen und daher nicht gewusst zu haben, um welche Art von Unterbringung es sich bei dem Hotel handele. Der Mitarbeiter war auch in die Reise nach Budapest verwickelt und hat den Konzern inzwischen verlassen.
Der jüngste auf der Internetseite aufgeführte belegte Vorfall ist wenige Monate alt. Auf einer Geschäftsreise nach Sardinien hat ein Mitarbeiter eine weibliche Bedienung sowie eine Kollegin wiederholt begrabscht. Diesen Vorfall bewertet die Revision als besonders schwerwiegend, der Mitarbeiter wurde abgemahnt und hirarchisch zurückgestuft. Zitat aus dem Abmahnschreiben: "Besonders schwerwiegend ist aber, dass Sie unserer Mitarbeiterin Frau [A] an das Gesäß gefasst haben! Wir lassen an dieser Stelle ausdrücklich dahinstehen, ob Sie sich durch diese Handlung strafbar gemacht haben. Auf jeden Fall handelt es sich um ein ungewöhnlich schwerwiegendes Fehlverhalten."
Die nichtbestätigten Beschuldigungen, die auf der Seite ebenfalls zusammengestellt sind, reichen bis in die 1970er Jahre zurück. Auf einem Führungskräfteseminar in Zürich sollen 1976 Prostituierte anwesend gewesen sein. Belege dafür und weitere Inanspruchnahme erotischer Dienstleistungen in Mallorca, Kuba, Asien und Osteuropa konnten in der Revision allerdings nicht gefunden werden.