Die britische Bank Barclays zahlt Aufsichtsbehörden in Europa und den USA eine Strafe von 450 Mio. Dollar. Damit büßt die Bank für ihre Manipulationen am Referenzzins Libor, der Wertmaßstab für weltweit gehandelte Wertpapiere im Umfang von 350.000 Mrd. Dollar ist. Der Libor bildet den Zins ab, zu dem sich Banken untereinander kurzfristig Kredit geben.
Barclays willigte am Mittwoch in die Strafzahlung ein. Sie ist das erste handfeste Ergebnis einer weltweiten Untersuchung zur Festlegung des Libor und weiterer Referenzzinssätze. Betroffen sind zahlreiche Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank.
Insgesamt ermitteln die Aufsichtsbehörden in den USA, Europa und Japan gegen 20 Banken, die allesamt an der Wertfindung des Libor beteiligt sind. Die Vorwürfe haben der Deutschen Bank und weiteren Geldhäusern auch Sammelklagen in den USA eingebrockt.
Die Höhe des Referenzzinses ist nicht nur für die Banken selbst, sondern auch für Unternehmen und Verbraucher bedeutsam. Am Libor-Satz sind beispielsweise Anleihen und Kredite mit variablen Zinsen gekoppelt, aber auch Terminkontrakte, Optionen und andere Derivate. Auch beim für die Euro-Zone maßgeblichen Referenzzinssatz Euribor sowie dem japanischen Pendant Tibor besteht Verdacht auf Manipulation.
Aufgeschlüsselt zahlt Barclays nun 59,5 Mio. Pfund (74,5 Mio. Euro) an die britische Finanzaufsicht FSA. Das US-Gegenstück CFTC bekommt 200 Mio. Dollar. 160 Mio. Dollar gehen schließlich an des US-Justizministerium, das damit alle Strafermittlungen gegen Barclays einstellt. Die Strafe gilt als hoch. Noch nie hatte die CFTC eine höhere Strafe verhängt. Auch für die FSA ist sie ein Rekord. Sie löste zudem bei Barclays-Chef Bob Diamond sowie drei seiner Topkollegen den Verzicht auf einen diesjährigen Bonus aus. Man wolle damit "die gemeinsame Verantwortung als Führungskräfte" unterstreichen. "Es tut mir leid, dass einige Leute nicht so gehandelt haben, wie es unsere Werte vorsehen", sagte Diamond.
Barclays gab insgesamt drei Vergehen zu. So meldete die Bank etwa während der Akutphase der Finanzkrise einen niedrigeren Zinssatz, als sie tatsächlich für ihre Refinanzierung zahlte, um damit am Markt stabiler auszusehen. Auch bezog die Bank unzulässig Handelspositionen eigener Händler in die Zinsbildung ein.
Alle untersuchten Zinssätze werden von Bankenvereinigungen ermittelt. Sie befragen dazu einen festgelegten Kreis großer Institute zu den aktuellen Kreditkonditionen auf dem Interbankenmarkt. Sollten sich mehrere Mitglieder dieser sogenannten Panels untereinander abgesprochen haben, hätten sie die Ergebnisse dieser Umfragen verfälschen können.
Motive für eine solche Manipulation gibt es durchaus: Wenn Banken einen der Zinssätze künstlich nach oben treiben, müssten ihre Kunden höhere Zinsen für Kredite oder andere Finanzmarktprodukte zahlen, als dies eigentlich gerechtfertigt wäre. Die Differenz könnten die Geldhäuser dann als Gewinn einstreichen.
Die japanische Finanzaufsicht ermittelt schon seit über einem Jahr gegen Banken, die Tibor ermitteln. Im Oktober leitete auch die EU-Kommission eine Untersuchung ein. EU-Wettbewerbshüter durchsuchten damals Büros der Deutschen Bank in London. Obwohl die Ermittlungen die Glaubwürdigkeit der Banken erschüttert haben, ist ein neues Verfahren zur Festlegung des Libor nicht in Sicht.