Erna Stöwe hat ihre Zukunft genau geplant. Im kommenden Jahr wird sie 65. "Dann will ich in den Ruhestand gehen", sagt die Agrarunternehmerin. Seit ihrem 16. Lebensjahr hat sie auf dem Hof in Westfalen hart gearbeitet. Sie und ihr inzwischen verstorbener Mann haben Roggen, Weizen und Kartoffeln angebaut, und aus dem kleinen elterlichen Anwesen einen modernen Bauernhof gemacht.
2013 ist Schluss damit. Dann wird die Stadt Lünen Erna Stöwe rund 20 Hektar Grund abkaufen, was der Witwe einige Hunderttausend Euro einbringt. "Das Geld stecke ich zur Hälfte oder vielleicht auch ganz in eine Versicherung, die mir sofort eine Rente zahlt", sagt sie. So hat sie ein monatliches Einkommen, und das Finanzamt bekommt von den Erträgen nicht zu viel ab.
"Sofort beginnende Rentenversicherung" nennt sich im Branchenjargon die Police, die Erna Stöwe abschließen will. Gegen eine Einmalzahlung zahlt der Versicherer dem Kunden monatlich einen festgelegten Betrag. Die garantierte Mindestverzinsung gilt für die gesamte Vertragslaufzeit. Verzinst wird allerdings nur der sogenannte Sparbeitrag des Kunden. Das ist die Summe, die übrig bleibt, wenn der Versicherer alle Kosten abgezogen hat, dazu gehören die Provision für den Vermittler und die Aufwendungen für die Verwaltung.
Bei älteren Verträgen liegt die Garantieverzinsung je nach Abschlussdatum bei bis zu vier Prozent. Wer heute eine Police kauft, bekommt nur noch 1,75 Prozent - die aber garantiert. Zur garantierten Rente kommt die Überschussbeteiligung hinzu, mit der die Kunden an den Kapitalerträgen des Versicherers beteiligt werden. Insgesamt ergibt sich im Branchenschnitt eine Verzinsung von rund vier Prozent.
Anders als die Garantieverzinsung wird die Überschussbeteiligung Jahr für Jahr vom Versicherer neu festgelegt. Für eine Einmalanlage von 100.000 Euro sind derzeit ungefähr 400 Euro lebenslange Rente drin.
Im kommenden Jahr wird sich die Kalkulation für Versicherer und Versicherte dramatisch ändern: Dann nämlich kommen die neuen Unisex-Tarife auf den Markt, die einheitliche Bedingungen für Männer und Frauen vorsehen. Weil Männer statistisch gesehen eher sterben als Frauen, erhalten sie heute für den gleichen Betrag eine höhere Rente als Frauen. Vom 21. Dezember an sind die Gesellschaften verpflichtet, beiden Geschlechtern die gleiche Rente für den gleichen Betrag zu zahlen. Die Chancen stehen für Erna Stöwe also gut, dass sie mehr Rente aus der Police bekommt als heute, wenn sie mit dem Abschluss eines Vertrags noch wenige Wochen wartet.
Klingt nach einem sicheren Geschäft. Detlef Lülsdorf warnt jedoch vor zu viel Euphorie: "Bei einer Rentenversicherung handelt es sich um eine Wette", sagt der Kölner Versicherungsberater. Bei einer Rentenversicherung wettet der Kunde gegen den Anbieter: Wer lange genug lebt, bekommt mehr, als er eingezahlt hat, wer früh stirbt, hat mehr investiert, als er herausbekommen hat.
Lülsdorf kritisiert, dass die Renditen - wie bei anderen Formen der Lebensversicherung - mager seien, die Kosten hingegen hoch. "Der einzige Grund für den Abschluss einer sofort beginnenden Rentenversicherung ist die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos", sagt der Assekuranzexperte.
| Achtung: | Mehr Rendite bedeutet immer auch mehr Risiko |
| Fondspolicen | Neben klassischen Rentenpolicen mit Garantieverzinsung bieten Versicherer auch fondsgebundene Verträge an. Hier investieren die Anbieter den Beitrag des Kunden, der nach Abzug der Kosten übrig bleibt, in Fonds, die etwa auf Aktien, Rentenpapiere oder Immobilien setzen. Im Unterschied zu den klassischen Verträgen liegt das Anlagerisiko beim Kunden. Wertverluste bei Fonds schmälern seine Rente. Heute machen fondsgebundene Produkte nach Berechnungen des Branchenverbands GDV nur noch 16 Prozent des Gesamtabsatzes neuer Lebensversicherungen aus. Grund sind Verluste durch die Finanzkrise und die doppelte Gebührenbelastung der Kunden durch Versicherungsmantel und Zielfonds. |
| Innovationen | Die Versicherer haben auf die Verlustaversion der Kunden reagiert und bieten mittlerweile fondsgebundene Varianten an, die den Erhalt der eingezahlten Beiträge garantieren. Solche Optionen kosten allerdings Rendite. Je älter der Kunde ist, desto mehr Kapital schichten die Gesellschaften von Fonds in sichere Anlagen um. In der Rentenphase unterscheiden sich die fondsgebundenen Policen kaum noch von klassischen Verträgen. "Es gibt bei Sofortrenten nur sehr wenige Angebote mit fondsgebundenen Elementen", sagt Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten. Eine Ausnahme sind variable Rentenpolicen, sogenannte Variable Annuities, die auch in der Rentenphase noch in Aktien investieren. Bei ihnen gibt es aber keine Überschussbeteiligung - und die Verlustrisiken sind höher. |
| Rürup-Rente | Wer eine Sofortrente mit staatlicher Förderung in Anspruch nehmen möchte, kann den Vertrag als Rürup-Rente (auch Basisrente genannt) abschließen. Dabei gewährt der Staat dem Kunden Steuervorteile. Er kann einen jährlich wachsenden Teil seiner Einzahlungen von der Steuer absetzen. In diesem Jahr sind es 74 Prozent, bis 2025 wird dieser Anteil auf 100 Prozent ansteigen. Im Gegenzug muss er seine Rente im Alter anteilig besteuern. Singles können jährlich bis zu 20.000 Euro steuerbegünstigt einzahlen, Verheiratete maximal 40.000 Euro. Zudem werden Beiträge zur Sozialversicherung angerechnet, sodass noch weniger Raum zur Steuerersparnis bleibt. "Ob sich eine Kombination von Rürup- und Sofortrente lohnt, kann nur ein Steuerberater beurteilen", sagt Axel Kleinlein. |
Genau dieser Grund ist es jedoch, der viele Kunden zuschlagen lässt: Die private Rentenversicherung zahlt ein Leben lang. "Das ist ein Vorteil, den keine andere Geldanlage hat", sagt Johannes Lörper, Vorstand der Ergo Lebensversicherung. Wer mit Mitte 60 eine Versicherung abschließt, kann gut und gern zwei Jahrzehnte profitieren. Männer werden im Schnitt 77 und Frauen 82 Jahre alt. Diese Statistik gilt jedoch für Neugeborene - wer das 60. Lebensjahr erreicht, hat das Gröbste bereits überstanden und eine um rund vier Jahre höhere Lebenserwartung.
Die Sofortrente eignet sich vor allem für jene, die eine eher magere gesetzliche Rente erwarten, über keine gute betriebliche Altersversorgung verfügen oder nicht auf regelmäßige Einnahmen aus Vermietungen oder einer Firmenbeteiligung setzen können.
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So ist es zum Beispiel bei Verena Sommerfeld aus Köln der Fall. "Ich hatte einen eher bunten Berufsweg", sagt die 61-Jährige. Sie war in verschiedenen Bereichen im Bildungssektor tätig, zuletzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin. In ihrem Berufsleben war sie mal in Vollzeit, mal in Teilzeit angestellt. Darüber hinaus war sie zehn Jahre lang selbstständig. Als sie über eine Sonderregelung mit 60 in den Ruhestand ging, standen ihr nur 700 Euro aus der gesetzlichen Rentenversicherung zu und 50 Euro aus einer staatlich geförderten, privaten Riester-Police.
Zeitgleich wurde ihre Kapitallebensversicherung in Höhe von 90.000 Euro fällig. Nach einer Beratung des Maklerhauses Funk investierte sie rund 50.000 Euro in eine Sofortrente gegen Einmalbeitrag. Die gesetzliche Rente aufstocken wollte sie nicht, auch der Kauf einer kleinen Immobilie zur Vermietung war ihr zu aufwendig. Sommerfeld hat ihre Entscheidung nicht bereut. "Es ist ein gutes Gefühl, jeden Monat einen festen Betrag zu bekommen und sich um nichts mehr kümmern zu müssen", sagt sie.
Zusätzlich hat sie eine sogenannte Cash-Option vereinbart. Das heißt, sie kann sich das noch nicht aufgebrauchte Kapital abzüglich eines Abschlags auszahlen lassen, falls sie zum Pflegefall werden und eine größere Summe Geld benötigen sollte.
Sommerfeld erhält momentan aus ihrer Sofortrente, die sie bei der Helvetia abgeschlossen hat, monatlich rund 200 Euro. Davon sind 151 Euro garantierte Rente, der Rest kommt aus den Überschüssen. Auch wenn das auf den ersten Blick relativ wenig erscheint - Privatleute dürften Probleme haben, sogar mit wirklich sicheren Anlagen so viel zu erwirtschaften. "Wenn der Kunde das Geld selbst anlegt und davon zehrt, ist eine ordentliche Verzinsung wichtig", sagt Thomas Schwebe vom Versicherungsmakler Martens & Prahl. "Die findet man momentan aber kaum. Versicherer kommen wenigstens auf 2,5 bis drei Prozent."
Ob eine sofort beginnende Rentenversicherung eine gute Wahl ist, hängt von der Lebenslage ab: Für junge Leute, die gerade geerbt haben, ist sie kaum interessant. Die steuerliche Belastung wäre zu hoch, und die Rente würde durch die lange Laufzeit gering ausfallen. Je älter der Kunde und je niedriger der persönliche Steuersatz, desto eher rechnet sich die Police: "Für mich ist die Versicherung steuerlich sehr günstig", sagt Erna Stöwe. Ihr Steuerberater hat ihr zum Abschluss geraten.
Ein Rechenbeispiel: Bei einem 65-Jährigen, der 500 Euro monatliche Rente erhält, beträgt der steuerpflichtige Ertragsanteil 18 Prozent oder 90 Euro. Darauf wird der persönliche Steuersatz fällig. Wer dagegen sein Vermögen zur Bank trägt und es mit einem Entnahmeplan Monat für Monat aufzehrt, muss auf die Zinsen 25 Prozent Kapitalertragsteuer zahlen. Bei Zinsen von einem Prozent, bleibt also nur noch ein Effektivzins von 0,75 Prozent übrig.
In der Praxis unterscheidet sich die garantierte monatliche Rente zwischen den Anbietern enorm. Setzt der Kunde 200.000 Euro ein, kann die Differenz bei 200 Euro im Monat liegen. Vergleichen lohnt sich deshalb immer. "Das wichtigste Kriterium ist die garantierte monatliche Rente", sagt Versicherungsberater Lülsdorf. Denn in ihr spiegeln sich die Kosten.
Neben den klassischen Assekuranzfirmen bieten auch Direktversicherer wie Cosmosdirekt, Ergo Direkt, Europa und Asstel Rentenversicherungen an. Hier wird im Gegensatz zu anderen Anbietern zwar keine Provision für Vermittler fällig. Direktversicherer jedoch sind nicht automatisch günstiger als Gesellschaften mit großen Vertriebstruppen, denn sie müssen viel Geld ins Marketing stecken. "Die Angebote, mit denen Direktversicherer werben, sehen oft sehr gut aus, doch dieser Eindruck kann täuschen", warnt Makler Schwebe. Für Kunden ist etwa eine lange Rentengarantiezeit wichtig. "Die Angebote in der Werbung sind aber oft ohne Rentengarantiezeit kalkuliert, damit sie vorteilhafter aussehen."
Interessierte müssen sich entscheiden, ob sie eine Versicherung mit einer stets gleich hohen, einer steigenden oder einer fallenden Rente haben möchten. Versicherungsberater Lülsdorf rät Kunden, beim Abschluss auf jeden Fall einen Inflationsausgleich zu vereinbaren. "Sonst ist die Rente in 20 Jahren nicht mehr viel wert", sagt er.
Wichtig ist auch, ob eine weitere Person abgesichert werden soll, etwa die Ehefrau oder ein noch studierendes Kind. In diesem Fall empfiehlt Lülsdorf einen Vertrag mit Rentengarantiezeit. Auf diese Weise fließen die vereinbarten Zahlungen für die festgelegte Zeit auch nach dem Tod des Kunden weiter an die Hinterbliebenen. Eine Alternative sind Verträge mit Todesfallleistung. Dann erhalten die Erben immerhin einen Teil dessen, was der Senior nicht aufgebraucht hat.
So will es auch Erna Stöwe: "Ich möchte, dass für meine Kinder und Enkel etwas übrig bleibt."
| 100.000 Euro bringen monatlich bis zu 406 Euro |
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| Wer mit 65 eine Summe von 100.000 Euro in eine Privatrente steckt, erhält daraus monatlich lebenslang Geld. Die Übersicht zeigt Toptarife von starken Gesellschaften, die auch einen Schutz für Erben bieten. Die Rente fließt garantiert zehn Jahre - selbst wenn der Versicherte vorher stirbt. |
| Mehr dazu in: Capital 10/2012 |