Der Mann kämpft. Noch einen Kaffee im Stehen, dann spricht Walter Riester mal wieder über die Riester-Rente. Diesmal vor Finanzleuten in Köln. "Immer mehr Rentner müssen weiter arbeiten" war am Morgen die Schlagzeile im Boulevardblatt "Express", Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) spricht von drohender Altersarmut - Steilvorlagen für den ehemaligen Sozialminister und Verfechter der privaten Zusatzvorsorge.
Doch der 68-jährige Redner hat an diesem Tag ein ganz anderes Thema. Sein eigenes Modell ist mittlerweile hoch umstritten. Der Vorwurf: Die staatlich geförderte Riester-Rente lohne sich nicht.
Riester kontert. Rentabilität? Ahhh, er reckt die Hände. Es gehe nicht um Vermögensbildung, sondern um Vorsorge. Lebenslange Leistung! Sicherheit! Wenn das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) frage: "Ab welchem Alter habe ich das eingezahlte Geld zurück?", "dann ist das falsch", sagt Riester. Der Spruch der DIW-Forscher, es sei besser sein Geld in den Sparstrumpf zu stecken? "Oh Herr, wirf Hirn runter, kann ich da nur sagen."
Das DIW hatte mit einem Papier ("Kein Grund zum Feiern") Ende 2011 zum Generalangriff geblasen, seitdem jagt eine Studie die nächste: Die Riester-Rente lohnt (Institut für Transparenz in der Altersvorsorge), sie lohnt nicht (DIW und SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung), sie lohnt (Versicherungswirtschaft). Die Assekuranz steht als Hauptprofiteur im Fokus der Kritik, sie hält zwei Drittel aller Verträge.
Wer genauer hinschaut, stellt fest: Die Zahlen von Kritikern und Versicherern unterscheiden sich kaum. Belastbare Daten gibt es ohnehin wenig, viel zu kurz laufen die Verträge, alle hantieren mit Hochrechnungen und Annahmen. Der Rest: Interpretation - und Interessenpolitik. Im Vorfeld der großen Riester-Reform bringen sich alle in Stellung. Showtime.
Wer genauer hinschaut, stellt fest: Die Rente ist besser als ihr Ruf und dank der Förderung für viele eine gute Vorsorge . Die Reform allerdings ist dringend nötig, zu viele Produkte sind mangelhaft. Gleich drei Ministerien in Berlin arbeiten seit Monaten am großen Wurf. Im Herbst sollen die ersten Entwürfe vorliegen. Alles besser, heißt es.
Die Kunden wenden sich ab. Das Riester-Geschäft erlitt jüngst einen nie gesehenen Absturz. Um 98 beziehungsweise 93 Prozent schnurrten die Verkaufszahlen bei Versicherern und Fonds von April bis Ende Juni im Vergleich zum Vorjahr zusammen. Gerade mal 2000 neue Verträge - Marginalien statt Masse. "Die Leute sind durch die aktuelle Riester-Kritik tief verunsichert", sagt Wolfram Erling von Union Investment. Im Zweifel machten sie lieber gar nichts.
Der Einbruch trifft fast alle Riester-Produkte. Im ersten Halbjahr verkauften Banken, Fonds und Versicherer zusammen knapp 67.000 Verträge - nicht mal ein Drittel vom Vorjahr. Der Wohn-Riester hielt sich immerhin wacker, mit einem Minus von nur 18.000 Verträgen.
Das Sozialministerium müht sich, die desaströsen Zahlen als "Trend zu sicherheitsorientiertem Riestern" schönzureden. Dabei ist klar: Neue Regeln müssen her. Selbst das sonst so Riester-verliebte Sozialministerium rügte bereits, es gebe auch "schlechte, kundenunfreundliche, kaum durchschaubare Angebote".
Der Reformbedarf ist groß. Vor allem bei den Produkten hapert es nach Ansicht vieler Experten: zu intransparent, zu schlecht, zu teuer. Dass Finanzdienstleister fairere Verträge entwickeln können, ist unstrittig. Warum, beispielsweise, bietet nur ein einziger Versicherer, die LV 1871, eine Riester-Police für Kranke - mit einer höheren Monatsrente als für Gesunde? Von Wettbewerb keine Spur.
| Die Regierung will die Riester-Rente besser und verständlicher machen |
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| Die Riester-Rente sei "erwachsen geworden", meint das Bundessozialministerium. Es sei an der Zeit, "die Leitplanken enger zu setzen". Die Produkte müssten attraktiver werden. Ein großer Wurf soll her. Noch im Herbst will die Koalition ein neues Gesetz auf den Weg bringen. An den Vorschlägen feilen Ministeriale seit Monaten. Die bisherigen Pläne: |
| Kostendeckel: Bei einem Anbieterwechsel sollen die Goodbye-Gebühren für Kunden auf 150 Euro gedeckelt werden. Auch der neue Anbieter soll sich den Plänen zufolge bescheiden, eventuell nur noch die halben Kosten kassieren. |
| Wechselrecht: Der Kunde soll sein Sparkapital kurz vor Rentenstart noch zu einem günstigeren Anbieter übertragen können - und zwar so, dass seine eingezahlten Beiträge garantiert erhalten bleiben. Bisher geht das faktisch kaum. Über diese Option müssten Anbieter dann auch rechtzeitig informieren. |
| Beipackzettel: Ein einheitliches Produktblatt, strikt standardisiert vom Logo bis zur Schriftgröße, soll Sparer auf zwei Seiten informieren, etwa zu Art des Produkts, Renditeerwartung, Garantien, Effektivkosten, und auch eine Risikobewertung liefern. In verständlicher Sprache. Die Übersicht soll auch ermöglichen, Produkttypen wie Sparpläne und Policen miteinander zu vergleichen. |
| Bußgeld: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht soll die Produktblätter kontrollieren - und Bußgelder erheben, wenn Anbieter patzen. Bei Fehlinformationen erhalten Sparer nach den Plänen zudem ein Rücktrittsrecht. |
| Überschussplus: Die Bundesregierung will Sparer besser an Risikoüberschüssen beteiligen. Sie entstehen, wenn Kunden früher sterben, als die Assekuranz kalkuliert. Und die rechnet gern vorsichtig. Nach aktuellem Recht erhalten Kunden mindestens 75 Prozent der Gewinne, bald sollen es 90 Prozent sein. |
Auch bei den Kosten gibt es zu wenig Konkurrenzdruck und "daher viele teure Verträge", moniert Ökonom Bert Rürup. Bei Riester-Policen gehen laut Analysehaus Morgen & Morgen von 100 Euro Beitrag schon im Schnitt 11 bis 14 für Kosten drauf, in der Spitze 30. Die Produkte sind heute für Kunden ineffizienter als noch bei einem Abschluss 2001.
Der Vorwurf, Riestern lohne nicht, trifft aber pauschal nicht zu. Als Produktrendite inklusive Überschüsse weist die Riester-skeptische Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung für 35-jährige Männer rund 3,4 Prozent aus. Die Versicherer errechnen 3,5 Prozent. Bei der Frage, welches Alter der Kunde erreichen muss, bevor er eingezahltes Geld wieder raushat, kommen die Kritiker vom DIW auf 77 und die Befürworter der Assekuranz auf 75 Jahre. Gleiche Zahlen, gegensätzliche Urteile.
Aus Sicht des Sparers, bezogen auf den selbst eingezahlten Beitrag, lassen sich durchaus Renditen von drei bis vier Prozent erzielen. Sparstrumpf ist anders.
Teil 2: Machen Sie den Renditecheck!