Viele Polen glaubten, das große Los gezogen zu haben. Auf riesigen Plakaten versprach die Danziger Firma Amber Gold mit Goldinvestments bis zu 16 Prozent Gewinn pro Jahr. Doch dann der Schock: Seit Mitte August ist Amber Gold insolvent. Der 28-jährige Gründer Marcin Plichta soll ein Pyramidensystem betrieben haben, ähnlich wie US-Investor Bernard Madoff. Neues Geld wurde dazu verwendet, alte Forderungen zu bedienen - und wohl auch, um die Taschen der Gründer zu füllen. Die Zahl der Geprellten wird auf mindestens 3000, der Schaden auf 200 Mio. Zloty (48 Mio. Euro) geschätzt. Plichta sitzt in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft wirft ihm Betrug und andere Finanzstraftaten vor. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis.
Der Fall bringt alles mit, um ein ganzes Land in Atem zu halten: ein schillerndes Unternehmen, prominente Namen, Korruption, Vetternwirtschaft, Staatsversagen, Tausende Geschädigte - und all das im Sommerloch. Da ist der Gründer Plichta: Zwischen 2005 und 2010 wurde er neunmal wegen diverser Finanzdelikte verurteilt, sechsmal davon zu Haftstrafen - aber jedes Mal nur zur Bewährung. Für polnische Zeitungen Anlass genug, Korruption zu wittern. Gegen die jeweils zuständigen Staatsanwälte laufen Disziplinarverfahren. Angesichts dieser Vorstrafen hätte Pflichta niemals Unternehmensvorstand werden und Goldgeschäfte betreiben dürfen. Doch die zuständige Behörde überprüfte sein Vorleben nicht.
Für die Danziger Staatsanwaltschaft sind die neun Plichta-Urteile nicht das einzige Problem. Die Finanzaufsicht KNF warnte bereits 2009 vor Amber Gold und forderte die Strafverfolger zum Ermitteln auf. Der KNF selbst fehlen die entsprechende Vollmacht und auch die Möglichkeit, Unternehmen zu schließen. Die Staatsanwaltschaft sah aber keinen Grund dafür und wies alle Anträge zurück. Letztlich zwang ein Berufungsgericht die Behörde zu Ermittlungen, die sie dann ebenfalls einschlafen ließ. Auch das Finanzministerium und das Verbraucherschutzministerium stehen in der Kritik, weil sie nicht früher gegen Amber vorgegangen sind.
Als wäre das nicht genug, hat der Fall noch eine politische Dimension: Mittendrin steckt Michal Tusk, der Sohn von Ministerpräsident Donald Tusk. Der Journalist arbeitete zeitweise für die Amber-Gold-Tochter OLT Express, eine Billigfluglinie, die jüngst Pleite ging. Zugleich hatte er einen Job beim staatlichen Flughafen Danzig, dessen Kunde OLT war. Donald Tusks Problem: Der Premier hatte seinen Sohn vor dem Engagement bei OLT gewarnt, womöglich aufgrund von Geheimdienstinformationen über die dubiosen Hintergründe der Amber-Gold-Connection. Jetzt fragt die Opposition: Warum warnte Tusk seinen Sohn, nicht aber alle anderen Polen? Und wie kam Michal überhaupt an die Jobs?
Da fehlt eigentlich nur noch einer: Friedensnobelpreisträger Lech Walesa. Über ihn drehte der Oscar-prämierte Regisseur Andrzej Wajda einen Film - mitfinanziert von Amber Gold. Walesa betont, er habe nicht mit der Firma zu tun. Er verwahre sich dagegen, dass sein Name beschmutzt werde.
Auf der Internetseite des Unternehmens, die inzwischen aus dem Netz genommen worden ist, hieß es bis zuletzt, alle Kunden würden ihr eingesetztes Kapital inklusive Zinsen zurückerhalten. Doch das ist mehr als zweifelhaft: Der polnische Geheimdienst ABW stellte bei Amber lediglich 57 Kilo Gold, 1 Kilo Platin und 1 Kilo Silber sicher. Alle anderen von Amber Gold offiziell angegebenen Vermögenswerte sind verschwunden.