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Merken   Drucken   25.06.2009, 12:13 Schriftgröße: AAA

Die wahre Krise: Zugemüllt in Sausalito

Der Fondsdatenanbieter Trimtabs wettert per Rundmail gegen Plastikabfall. Und ist nicht allein: Viele Vertreter der Finanzbranche plagt ihr Gewissen. Sie entdecken öffentlich ihr Herz für Mensch und Umwelt. von Tim Bartz und Elisabeth Atzler
Conrad Gann hat den vielleicht schönsten Arbeitsplatz der Welt. Der Chief Operating Officer des Fondsdatenanbieters Trimtabs residiert am Bridgeway im Küstenstädtchen Sausalito, nördlich von San Francisco gelegen und auch europäischen Touristen bekannt wegen seiner putzigen Hausbootgemeinde. Die lebt dort seit den bewegten Tagen der Studentenrevolte Ende der 60er-Jahre und lässt es sich gut gehen auf ihren schwimmenden Holzvillen mit Blick auf die Skyline von San Francisco.
Echte Hippies gibt es zwar nicht mehr, aber kalifornisch-entspannt geht es noch immer zu. Selbst die nahe Gefängnisinsel Alcatraz, auf der einst Al Capone seine letzten Tage fristete, kann daran nichts ändern - zumal sie seit der Schließung 1963 ihren ursprünglichen Schrecken eingebüßt hat.
Doch das Idyll an der Pazifikküste ist akut bedroht - fürchtet jedenfalls Trimtabs-Manager Gann. Nicht durch die Finanzkrise, die auch in der einst vor Wirtschaftskraft strotzenden Bay Area und um die Ecke im Silicon Valley Tausende Arbeitsplätze vernichtet hat. Sondern durch Müll. Plastikmüll.
Brandmail an Journalisten
In einer weltweiten Brandmail an Journalisten, die regelmäßig über Trimtabs und die Fondsbranche berichten, schlägt Gann jetzt Alarm. Massen an Plastikmüll verschmutzten den Pazifik. Brandgefährlich für das ökologische Gleichgewicht des Ozeans sei das - und der Kampf dagegen ein Projekt, dem er sich persönlich verschrieben habe. Daher freue er sich, wenn all jene doch die Plastikkrise des Pazifiks in ihre Berichterstattung aufnehmen könnten, die sonst über Aktienmarkt, Anlagenotstand und Anleiheboom recherchieren.
Ein Containerschiff unterquert die Golden Gate Bridge bei Sausalito   Ein Containerschiff unterquert die Golden Gate Bridge bei Sausalito
Hoffnung, dass noch nicht alles zu spät ist, macht Gann aber auch: Das Ocean Voyages Institute lasse in Kürze das Forschungsschiff "Kaisei" von den Leinen, um sich dem Problem und seiner Lösung auf hoher See zu nähern. Und selbst die Vereinten Nationen weiß Gann auf seiner Seite: Deren Umweltprogramm habe das "Project Kaisei" erst neulich mit Blick auf die Klimaschutzkonferenz in Kopenhagen Ende 2009 zum "Klimahelden" ernannt.
Sicher: Trimtabs und Gann gehören als Anbieter von Fondsdaten nicht gerade zu den Verursachern der größten Krise seit, sagen wir, der Bronzezeit. Und doch scheint es, als ob immer mehr Vertreter der Finanzbranche allmählich das schlechte Gewissen plagt und sie öffentlichkeitswirksam ihr Herz für Mensch und Umwelt entdecken. Da ist zum Beispiel der frühere Lehman-Brothers-Banker Rudolf Wötzel, der in "Bild am Sonntag" und bei "Beckmann" von seiner Sinnkrise erzählt und davon, wie er über die Alpen von Salzburg nach Nizza gewandert ist. Um den Kopf freizukriegen. "Projekt Hannibal" hat er das genannt. Und eine Wohltätigkeitsorganisation hat der Wötzelrudi gleich auch noch gegründet.
Da sind die Geschichten vieler Investmentbanker, die ihren Job und ihr erstes Leben verloren und ein zweites gefunden haben - als Kindergärtner, Lehrer oder Hanfpflanzer.
Deutsche Bank misst CO2 in Echtzeit
Und da ist, natürlich, die Deutsche Bank, die auf Öko macht und fast im Alleingang die CO2-Katastrophe aufhalten will. Erst vergangene Woche hatte das Institut den nach eigenen Angaben weltweit ersten wissenschaftlich anerkannten "Echtzeitzähler" gestartet, der CO2-Emissionen misst. Die 21 Meter hohe Anzeigetafel zeigt an, wie hoch die weltweite Konzentration langlebiger Treibhausgase in der Atmosphäre ist - und das mitten im Herzen der Finanzkapitale New York, nahe Madison Square Garden und Penn Station.
"Treibhausgase kann man nicht sehen, deshalb vergisst man leicht, dass sie sich schnell ansammeln", wusste Kevin Parker, der Chef der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank, bei der Einweihung in Manhattan fachkundig zu berichten.
Ihre markanten "Zwillingstürme" im Frankfurter Bankenviertel trimmt die Bank ohnehin gerade auf Grün. Ab 2013 will der gesamte Konzern sogar weltweit völlig klimaneutral arbeiten - passend zum Ende der Laufzeit des Vertrages von Josef Ackermann, der spätestens dann wohl endlich in Rente darf.
Womöglich gründen die honorigen Initiativen auf echter Sorge um Natur und Gesellschaft. Vielleicht sind die Finanzmanager - nachdem das Gröbste dank Staatshilfe überstanden scheint - aber auch einfach nur froh, überhaupt noch da zu sein. Dankbarkeit - das wäre tatsächlich einmal eine Lehre dieser Krise.
  • Aus der FTD vom 25.06.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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