Der finnische Notenbankpräsident Erkki Liikanen ist dabei, Namensgeber für eine neue Anleiheklasse zu werden. Als "Liikanen-Bonds" könnte der Markt einmal Bankanleihen bezeichnen, bei denen Investoren an Verlusten von großen europäischen Geldinstituten im Investmentbanking beteiligt werden. Die Blaupause dafür stammt aber nicht aus Finnland, sondern aus der Schweiz.
Die Reformvorschläge der von der EU-Kommission eingesetzten Liikanen-Gruppe sind eine Reaktion auf die Finanzkrise, als zahlreiche Banken Staatshilfe benötigten, darunter die Commerzbank und mehrere Landesbanken. "Die politische Richtung ist klar: Anstelle des Steuerzahlers und der Eigenkapitalgeber sollen künftig auch Fremdkapital-Gläubiger an den Verlusten einer Bank beteiligt werden", erläutert Tilman Wink, Wirtschaftsanwalt bei der Kanzlei Baker & McKenzie.
Dafür gibt es zwei Wege: der zwangsweise Wandel von Anleihen in Aktien oder Abschläge auf den Nennwert der Anleihen. Die Liikanen-Gruppe hat sich nicht festgelegt. "Die Macht, Ansprüche von vorrangig unbesicherten Gläubigern abzuschreiben oder die Fremdkapitalforderungen in Eigenkapital umzuwandeln, ist entscheidend, um sicherzustellen, dass Investoren an den Kosten der Rekapitalisierung und/oder Entschädigung von Sparern beteiligt werden", heißt es im Bericht.
Betroffen wäre in jedem Fall das Investmentbanking großer Geldinstitute wie der Deutschen Bank . Dieses möchte die Expertengruppe um Liikanen künftig in eigenen Einheit geführt sehen. "Die Refinanzierung des Investmentbankings wird merklich teurer", erwartet Matthias Melms, Anleiheexperte der Nord/LB. "Der Risikogehalt einer vorrangig unbesicherten Anleihe einer reinen Investmentbank ist höher als der einer Bank mit verschiedenen Geschäftsbereichen."
Allerdings bedeutet die teurere Refinanzierung der Investmentsparte nicht, dass die Gesamtbank höhere Zinsen am Markt berappen muss. Das Geschäft mit Privat- und Firmenkunden gilt als weniger schwankungsanfällig als etwa der Eigenhandel. "Jede große Bank wird sich fragen müssen, welche Geschäftsfelder sie weiterführen wird oder ob sie so weit schrumpfen will, dass die neuen Regeln für sie nicht gelten." Kleinere Banken sollen, so die Liikanen-Expertengruppe, künftig ihr Investmentbanking wie bisher unter einem Dach mit dem Privat- und Firmenkundengeschäft führen.
Bei der Umsetzung der Liikanen-Vorschläge müssen sich Aufseher und Politik entscheiden, ob sie eher dem Modell der Credit Suisse oder dem des Schweizer Konkurrenten UBS folgen. Während die eine eidgenössische Bank auf den Tausch in Aktien setzt, würde die andere im Fall einer Schieflage ihre Anleihegläubiger direkt in die Haftung nehmen.
| Vorbild Schweiz |
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| Credit Suisse Die Großbank hatte 2011 Pflichtwandelanleihen (Contingent Convertibles, Cocos) emittiert und damit die strengen Eigenkapitalvorschriften erfüllt. Sie werden in Aktien umgewandelt, falls die Eigenkapitalquote unter eine bestimmte Schwelle fällt. |
| UBS Der größere Konkurrent hat 2012 zwei Anleihen von jeweils 2 Mrd. Dollar begeben. Die Gläubiger werden eins zu eins an Verlusten der Bank beteiligt, falls deren risikogewichtetes Eigenkapital unter fünf Prozent fällt. Die Rendite lag im Februar bei 7,25 beziehungsweise im August bei 7,625 Prozent. |
Schwieriger wird es, wenn aus der Anleihe Eigenkapital werden soll, das die Verluste absorbiert. "Es stellt sich zum Beispiel die Frage des Wandlungsverhältnisses von Anleihen in Aktien, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem der Aktienkurs ohnehin im Keller sein dürfte", sagt Jurist Wink. "Würde die nominelle Schuld aus der Anleihe auf Basis des aktuellen Aktienkurses gewandelt, entstünden wahrscheinlich so viele neue Aktien, dass die bisherigen Aktionäre stark verwässert würden."
Vor diesem Hintergrund ist es schwierig vorherzusagen, zu welchen Preisen die Liikanen-Anleihen an den Markt kämen. "Investoren haben sicherlich unterschiedliche Rendite-Erwartungen, wenn sie verschiedenen Bereichen einer Bank Geld leihen", sagt Oliver Piquardt, Experte für Bankanleihen bei der DZ Bank. "Es kann aber auch ein Trugschluss sein, dass ein Bankbereich mit Kundeneinlagen und Kreditvergabe sicherer ist als das Investmentbanking. Viele Bankenkrisen haben ihren Ausgangspunkt schließlich im Immobilienmarkt gehabt."
Die Verzinsung der Papiere wird auch davon abhängen, an welcher Reihenfolge sie im Vergleich zu anderen Anleihen im Insolvenzfall bedient werden. Fraglich ist zudem, ob ein flüssiger Markt für solche Anleihen entsteht. Ihre Ausgestaltung dürfte von Haus zu Haus anders sein, potenzielle Investoren wie Pensionskassen neigen zu langen Haltefristen.
Ohnehin ist nicht klar, wie die Nachfrage der Investoren sein wird. Mit "enormen Anlaufschwierigkeiten" rechnet ein Frankfurter Banker. Immerhin sind in Europa laut dem Datenanbieter Dealogic Zwangswandelanleihen (Coco-Bonds) für knapp 10 Mrd. Dollar (7,7 Mrd. Euro) platziert, davon rund 70 Prozent von Schweizer Instituten. Ein Investor ist der Vermögensverwalter Swisscanto, der einen Coco-Fonds aufgelegt hat. "Wir würde uns freuen, wenn mehr Banken diese Art von Anleihen begeben würden, und uns die Papiere auch für unseren Fonds ansehen", sagt Chefvolkswirt Thomas Liebi.
Allerdings hätten viele Investoren Probleme mit den Papieren. "Die Produkte sind weder Fisch noch Fleisch. Das Aktienrisiko bleibt, obwohl es eine Anleihe ist. Die Investoren betrachten diese Anlageklasse daher noch von der Warteposition aus."