Von Sommerflaute keine Spur: Dank Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), haben Anleger selbst im traditionell eher ruhigen August beherzt bei Unternehmensanleihen zugegriffen. Europäische Firmen sammelten im laufenden Monat nach Daten der Landesbanken aus Baden-Württemberg und Bayern bislang über 3 Mrd. Euro ein - im Vorjahresmonat waren es nicht einmal 200 Mio. Euro gewesen. "Der EZB-Chef hat eine positive Stimmungswelle losgetreten, als er klargemacht hat, dass die Notenbank durchaus zu einem stärkeren Eingreifen in der Euro-Krise bereit ist", sagt BayernLB-Kreditstratege Miraji Othman. Das habe dem Anleihemarkt einen ordentlichen Schub gegeben.
Beliebt sind Firmenanleihen jedoch nicht erst seit Draghis Bekenntnis zum Euro. Schon seit Jahresanfang treibt der Anlagenotstand Investoren verstärkt in den Markt. Angesichts der Schuldenkrise seien sie verzweifelt auf der Suche nach Alternativen, "die wenigstens noch ein bisschen Rendite bringen", sagt Jochen Korb, Anleiheanalyst bei der LBBW. Die Firmenpapiere profitierten derzeit klar von der Staatsanleihekrise, sagt auch BayernLB-Mann Othman.
Während die Verzinsung für zehnjährige deutsche Staatspapiere Ende Juli auf ein Rekordtief von 1,126 Prozent rutschte, bekommen Investoren zum Beispiel für 2017 auslaufende Papiere der Deutschen Telekom 4,7 Prozent. Im Schnitt liegt die Rendite für Anleihen mit Topbonität (fünfjährige Laufzeit) bei 2,1 Prozent. Insgesamt ist das Emissionsvolumen laut einer Statistik der LBBW seit Januar auf gut 130 Mrd. Euro angewachsen. Die Landesbank rechnet zum Jahresende mit Platzierungen von Euro-Anleihen in Höhe von 180 Mrd. Euro. 2011 waren es im gesamten Jahr nur gut 135 Mrd. Euro.
Aus Sicht von LBBW-Analyst Korb sind die Wertpapieremissionen der Unternehmen mehr als nur ein Notnagel für renditehungrige Anleger: "Die hohe Nachfrage ist auch fundamental gerechtfertigt, denn die meisten Firmen sind gut aufgestellt", sagt er. "Selbst wenn in den Quartalszahlen zuletzt einige Bremsspuren beim Gewinnwachstum auszumachen waren, sind die Unternehmen heute besser für eine Rezession gerüstet als 2008/09."
Mehr zu: Euro, Geldanlage, Unternehmensanleihen
Privatanleger, die bei Firmenanleihen zugreifen wollen, stehen allerdings vor dem Problem, dass die Kurse bereits stark gestiegen sind und neue Papiere meist in großen Stückelungen aufgelegt werden. Einen Ausweg bieten Unternehmensanleihefonds, die für die vergangenen Jahre überaus gute Performancewerte vorweisen können und sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Nach Angaben von Morningstar flossen diesen Fonds im ersten Halbjahr rund 3,3 Mrd. Euro frisches Geld zu.
In den kommenden Wochen könnten dem Anleihemarkt dennoch holprige Zeiten bevorstehen. "Es gibt einige Unsicherheitsfaktoren, die im Herbst auf uns zurollen", warnt Matthias Kreie von der Nord/LB. "Das dürfte sich auch am Markt für Unternehmensanleihen bemerkbar machen." Am 6. September kommt die EZB zu ihrer Ratssitzung zusammen - Anleger erhoffen sich hier genauere Informationen darüber, wie ein Masterplan der Zentralbank aussehen könnte. Sechs Tage später entscheidet das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe darüber, ob der dauerhafte Rettungsschirm ESM überhaupt rechtmäßig ist. Darüber hinaus wird der Bericht der Troika zu den Spar- und Reformfortschritten Griechenlands erwartet. Vom Ergebnis hängt ab, ob Athen weitere Gelder bekommt - oder kollabiert.
Trotz der warnenden Stimmen zeigen sich viele Experten dennoch überzeugt, dass der Trend zu Unternehmenspapieren bis zum Jahresende anhält. Die Renditen der Bundesanleihen dürften aufgrund der hohen Unsicherheit kurzfristig nicht nach oben schießen, sagt Othman von der BayernLB. Auch die Unternehmen sollten weiterhin ein großes Interesse daran haben, den Kapitalmarkt anzuzapfen - "schließlich können sie die Konditionen bestimmen und die Verzinsung drücken, weil ihnen die Papiere aus den Händen gerissen werden".
reuters, ftd