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Merken   Drucken   25.03.2008, 10:15 Schriftgröße: AAA

Portfolio: Bauernregeln fürs Depot

Analysten sind sich einig: Die Preise für Agrarrohstoffe steigen weiter. Ihre Argumente klingen gut. Trotzdem kann die Wette platzen. von Bernd Mikosch
Jim Rogers nimmt ein Zuckertütchen von der Untertasse und zeigt es in die Runde. "Nehmen Sie sich davon mit!", rät er. "Zucker wird sehr viel teurer werden." Rogers gilt als Guru. 1970 gründete er mit George Soros den Quantum Fund, der innerhalb von zehn Jahren fast 4000 Prozent Gewinn erzielt hat. Eigentlich hätte er es nicht mehr nötig, auf Einladung von ABN Amro in Frankfurt über Agrarrohstoffe zu sprechen. Heute, sechs Wochen später, ist Zucker fast zehn Prozent weniger wert. Doch das dürfte Rogers nicht stören: Der Guru denkt langfristig.
Zahlreiche Investoren sind auf Rogers Zug aufgesprungen. Agrarrohstoffe gelten als neuer Megatrend. Vergangene Woche stürzten die Preise von Terminkontrakten auf Sojabohnen, Mais oder Palmöl an manchen Tagen zwar um das zulässige Höchstlimit ab. Langfristig gilt aber als ausgemacht, dass die Notierungen weiter steigen werden. Die Argumente der Analysten: Die Vorräte vieler Agrarrohstoffe sind auf historische Tiefs gesunken. Land und Wasser werden knapp, während die Weltbevölkerung wächst. Stürme, Überschwemmungen und Dürren kommen immer häufiger, was schwache Ernten zur Folge hat. Mit steigendem Lebensstandard werden die Bewohner Chinas und anderer Schwellenländer mehr Fleisch essen, das treibt die Nachfrage nach Futtermitteln. Außerdem nimmt die Produktion von Biosprit zu, der aus Mais oder Zucker hergestellt wird. Tatsächlich reagieren die Preise einiger Agrarrohstoffe längst auf die Ölnotierung: Wird Rohöl billiger, sinken auch die Kurse von Sojabohnen, Raps und Palmöl.
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Preise in den letzten 30 Jahren gesunken
"Wir glauben, dass Bevölkerungswachstum, steigender Lebensstandard und erhöhte Ethanolproduktion zu einer Verdopplung der Getreidenachfrage bis 2050 führen wird", schreiben Analysten der Deutschen Bank. Sie verweisen auf eine Uno-Statistik, nach der im Jahr 2050 etwa 9,5 Milliarden Menschen auf der Welt leben werden. Heute sind es nur 6,6 Milliarden. Allerdings: In den vergangenen 30 Jahren ist die Weltbevölkerung um fast zwei Drittel gewachsen - während die Preise für Agrarrohstoffe deutlich gesunken sind. 1974 kostete der Scheffel Mais inflationsbereinigt 16,50 $, am Tiefpunkt 2005 dagegen nur 1,70 $, zeigen Zahlen des US-Datenanbieters The Chart Store. Erst vor wenigen Wochen ist der Preis wieder über 5 $ gestiegen. Bei Weizen und Soja sieht das Bild ähnlich aus.
Optimisten schließen daraus, dass Agrarrohstoffe noch viel Luft nach oben haben. Inflationsbereinigt beträgt der Abstand des Zuckerpreises zum Rekordhoch 1225 Prozent. Die Londoner Rohstoffexperten der Deutschen Bank bezeichnen Zucker daher als "sehr billig". Gerade Zucker zeigt, wie stark die Preise der Agrarrohstoffe schwanken - und daher wohl nichts für nervöse Anleger sind: Bis Anfang 2006 trieb die Biospritfantasie den Preis nach oben und die Bauern dazu, immer mehr Zucker anzubauen. Weil das ein Überangebot zur Folge hatte, sanken die Preise bis Mitte 2007 um mehr als die Hälfte.
Späte Hausse   Späte Hausse
Die erst vor Kurzem beendete Baisse der Agrarrohstoffe zeigt, dass eine effizientere Produktion die steigende Nachfrage in den vergangenen Jahrzehnten mehr als wettmachen konnte. Warum sollte das jetzt nicht mehr funktionieren? Das US-Landwirtschaftsministerium hat ausgerechnet, dass der Weizenertrag pro Hektar in den vergangenen 40 Jahren weltweit jährlich im Schnitt um fast zwei Prozent gestiegen ist, in den letzten zehn Jahren dagegen nicht mal mehr um 0,5 Prozent. Viel mehr als heute lässt sich aus deutschen und amerikanischen Äckern wohl nicht mehr herauspressen. Zumindest, wenn Zukunftsvisionen unerfüllt bleiben. "Sollte es gelingen, gentechnisch veränderte Pflanzen unter viel härteren klimatischen Bedingungen einzusetzen oder mit ihnen deutlich effizienter zu produzieren, könnte die Agrarrohstoffhausse gefährdet werden", so Deka-Bank-Volkswirtin Dora Borbély. In naher Zukunft sei das aber unwahrscheinlich.
Hohe Erwartungen an Brasilien
Ein weiteres Argument gegen die Agrarhausse liefert die Deutsche Bank in ihrer ansonsten sehr optimistischen Studie: Schätzungen der Analysten zufolge eignen sich weltweit etwa vier Milliarden Hektar für die Landwirtschaft - von denen 2005 nur 1,6 Milliarden Hektar genutzt wurden. Das größte Potenzial sehen die Experten in Brasilien, dort liegt ein Fünftel der weltweit ungenutzten Agrarfläche.
Ohne Effizienzgewinne und neue Anbaugebiete dürfte der Trend steigender Agrarpreise wohl intakt bleiben. Landwirte können zwar viel schneller auf die Nachfrage reagieren als etwa Industriemetallhersteller, räumt Deka-Volkswirtin Borbély ein. Doch weil die Flächen rar sind, bedeute diese Flexibilität lediglich "Verschiebungen in der Preisentwicklung zwischen verschiedenen Agrarrohstoffen". So haben die US-Landwirte 2007 viel mehr Mais angebaut als 2006 - hatten dafür aber weniger Platz für Sojabohnen.
Jim Rogers gab in Frankfurt nicht nur Journalisten wohlgemeinte Ratschläge, sondern auch den Investmentbankern: "Geben Sie Ihren Job auf. Werden Sie Farmer."
  • Aus der FTD vom 25.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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