Am Ende war es Bietergefecht par excellence: Zwei anonyme Interessenten, beide über Telefon im New Yorker Saal des Auktionshauses Sotheby's vertreten, liefern sich am Mittwochabend eine Schlacht um Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei". Bei 107 Mio. Dollar plus zwölf Prozent Aufschlag ist Schluss - und das Bild des norwegischen Malers nun das teuerste, das je bei einer Kunstauktion den Besitzer gewechselt hat.
Wenn in Auktionen solche Preise erzielt werden, schauen interessierte Investoren sofort genauer hin. Schließlich sind die Renditemöglichkeiten an den Finanzmärkten in diesen Tagen rar gesät. Hinzu kommt, dass Gemälde - wie andere Sachwertinvestments auch - Schutz vor dem Schrecken aller Sparer versprechen: der Inflation.
Einer Studie des Vermögensverwalters PMP zufolge würden allein in Deutschland ein Fünftel aller Anleger ein Kunstinvestment in Betracht ziehen. Und damit nicht genug: Im vergangenen Jahr hätten rund 50 Prozent der deutschen Privatinvestoren Sachwerten den Vorzug vor Wertpapieren gegeben. Damit wären sie zumindest in 2011 sogar gut gefahren. Während es an den Aktienmärkten ab August steil bergabging, verzeichnete das weltweite Kunstbarometer Mei Moses Fine Art Index, der auf Basis von Auktionspreisen berechnet wird, ein Plus von 10,2 Prozent.
Die Rekordsumme für das Munch-Meisterwerk könnte nach Einschätzung von Experten weitere Preisanstiege nach sich ziehen. "Geld ist in Hülle und Fülle da", sagte Robert Ketterer, Chef des gleichnamigen deutschen Auktionshauses, der Deutschen Presseagentur. Nicht nur in Europa und den USA gebe es Milliardäre, die ihr Geld in Kunst anlegten, sondern auch aus China, Indien und Russland kämen inzwischen die Kunden.
Doch die Klientel deutet darauf hin, dass Kunst vornehmlich ein Nischeninvestment ist. Und das hat seine Gründe: Wie bei vielen hochspeziellen Investments ist der Kunstmarkt und seine Preisbildung nicht besonders transparent. Auktionen sind für das Marktgeschehen zwar ein wichtiger, aber gleichwohl unvollständiger Indikator. Das zeigt sich auch bei Munchs Gemälde. "Der Schrei" mag zwar für einen Rekordpreis unter den Hammer gekommen sein, schaffte es in der Riege der teuersten Gemälde der Welt jedoch trotzdem nur auf Platz fünf. An der Spitze des Rankings finden sich ausnahmslos Gemälde, die in Privattransaktionen über den Tisch gingen.
"Wenn man kein Experte auf diesem Feld ist, sollte man besser die Finger von solchen Liebhaberstücken lassen", rät Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter Flossbach von Storch, in einem Interview. "Doch für jemanden, der etwas davon versteht, können Kunst, Uhren, Wein oder Briefmarken eine gute Sachwertanlage sein." Im Unterschied zu anderen Finanzanlagen müsse man im Kunstbereich einen Bezug zur Anlage haben, meint auch Christoph Graf Douglas, Kunstvermittler und -berater in Frankfurt.
Derzeit beobachten Experten aber auch am Kunstmarkt eine gewisse Risikoscheu bei den Käufern: "Es gibt eine Konzentration auf das, was sicher zu sein scheint und weitere Perspektiven in der Wertentwicklung bietet", sagt Klaus Gerrit Friese, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Galerien und Editionen. Gegenwartskunst hat es schwer, während sich Sammler und Investoren um Werke aus dem 16. bis 19. Jahrhundert reißen.
Wer mit einem Kunstinvestment tatsächlich rein auf die Wertentwicklung spekuliert, kommt nicht umhin, ein Risiko einzugehen. In Deutschland gelten etwa Grafiken als unterschätzt und unterbewertet. Der Nachteil dabei: "Der Markt ist im Moment tot", sagt der Münchner Galerist Fred Jahn. Dafür sind Grafiken mit Preisen ab 4000 Euro allerdings auch deutlich preiswerter als Gemälde.
Bei der Suche nach einem geeigneten Galeristen oder Auktionshaus raten Experten wie Graf Douglas dazu, auf vergangene Erfolge zu setzen. Mit alten Katalogen, etwa der von der Kunstmesse Art Basel, ließe sich erkennen, welche Händler im Rückblick richtig gelegen hätten.
Gerade wer viel Geld in ein einziges Werk steckt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es sich dabei um keine besonders liquide Anlage handelt. Sprich: Ein Anleger kann nicht darauf setzen, sie im Ernstfall sofort zu Geld machen zu können. Investoren, die dennoch vom Kunstmarkt profitieren wollen, bleibt noch der Kauf von Aktien von Auktionshäusern oder Kunsthändlern. Damit sind sie zwar wieder abhängig von den schwankenden Finanzmärkten. Doch Sotheby's, das Auktionshaus von "Der Schrei", hat 2011 immerhin das zweitbeste Ergebnis der Firmengeschichte erzielt.
| Viel Geschrei |
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| Das Bild Laut Umfragen ist "Der Schrei" das zweitbekannteste Gemälde nach der "Mona Lisa". Von dem Bild gibt es gleich vier Versionen, von denen drei in norwegischen Museen hängen und damit praktisch unverkäuflich sind. |
| Die Auktion Verkäufer war der norwegische Kaufmann Petter Olsen, dessen Vater Edvard Munchs Nachbar gewesen war. Der Käufer soll unbestätigten Informationen zufolge aus Katar kommen.DPA |