Selbst aber halten sie sich oft genug nicht an ihre Worte: Sie blicken in die Vergangenheit, um auf die Zukunft zu schließen. Schönstes Beispiel ist die Volatilität, die Schwankungsbreite von Aktienkursen. In den Modellen der Experten steckt die Annahme, dass eine schwankungsarme Aktie auch in Zukunft nicht abstürzen wird. Sie setzen die vergangene Schwankungsbreite mit dem künftigen Risiko gleich.
José-Carlos Jarillo, Lehrbeauftragter an der Genfer Universität und Geschäftsführer der Schweizer Anlagefirma Strategic Investment Advisors, entlarvt diese Denkweise: "Volatilität und Risiko sind zwei sehr unterschiedliche Dinge", sagt er. Ob sich ein Kurs künftig genauso entwickelt wie in der Vergangenheit, wisse niemand.
Die Kreditkrise liefert Jarillo ein schönes Beispiel: Forderungsbesicherte Anleihen (Asset-Backed Securities, ABS) brachten jahrelang Renditen, die deutlich über denen sicherer Staatsanleihen lagen - bei scheinbar kaum höherem Risiko, gemessen an der Volatilität. Im vergangenen Sommer jedoch mussten die Investoren plötzlich feststellen, dass ihr ABS-Portfolio rasant an Wert verlor, obwohl die Volatilität vorher doch so niedrig war. Der ABS-Fonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS ist nur ein Beispiel.
Zahlreiche weitere Beispiele finden sich am Aktienmarkt. Jarillo erinnert an den US-Mischkonzern General Electric (GE). Die GE-Titel kosteten Anfang der 90er-Jahre rund 3 $ und stiegen bis ins Jahr 2000 auf über 50 $. Die Gewinne legten zu, jedoch bei Weitem nicht so stark wie der Aktienkurs.
"Es gab zwar immer wieder kleinere Rückschläge, der Kursanstieg vollzog sich aber relativ stetig", sagt Jarillo. "Gemessen an der Volatilität war die GE-Aktie im Jahr 2000 also ein sicheres Investment." Weit gefehlt: Bis 2002 plumpste der Kurs um rund zwei Drittel. "Auf diesem Niveau war die GE-Aktie sehr billig, die Gewinnsituation hatte sich ja kaum verschlechtert. Doch plötzlich galten die Titel als hochvolatil, also als riskant."
Auch beim Portfolioaufbau sollten Anleger der Vergangenheit nicht zu viel Bedeutung beimessen. ABN Amro rechnete seinen Kunden im vergangenen Jahr in einer Anlegerzeitschrift vor, wie man das optimale Portfolio konstruiert.
Es flossen historische Daten von sechs Anlageklassen ein: Weltaktien, Schwellenländeraktien, Rohstoffe, Gold, Immobilienaktien und Anleihen. Das Portfolio mit dem niedrigsten Risiko bestand ABN zufolge aus 65 Prozent Anleihen, 13 Prozent Rohstoffen, 2 Prozent Gold - und 20 Prozent Immobilienaktien. Wer das Portfolio damals nachbaute, sitzt nach dem rasanten Kursverfall der Immobilientitel heute auf hohen Verlusten.