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Merken   Drucken   03.05.2012, 14:02 Schriftgröße: AAA

Portfolio: Von Renditejägern und Kunstsammlern

Auktionshäuser, Händler und Galerien fristen an der Börse ein Schattendasein. Dabei bietet der Sektor für Anleger durchaus Chancen. Das zeigt nicht nur die Rekordsumme bei der Versteigerung von Munchs "Schrei".
© Bild: 2012 Reuters/TYRONE SIU
Auktionshäuser, Händler und Galerien fristen an der Börse ein Schattendasein. Dabei bietet der Sektor für Anleger durchaus Chancen. Das zeigt nicht nur die Rekordsumme bei der Versteigerung von Munchs "Schrei".
von Christian Scheid

Fast 120 Mio. Dollar: Diese Zahl fasziniert die Kunstwelt. Denn so viel zahlten ein Unbekannter für eines von vier "Schrei"-Bildern des norwegischen Malers Edvard Munch. Warhol, Richter und Hirst heißen weitere Helden des Kunstmarkts. So sorgt Gerhard Richter regelmäßig für Schlagzeilen: Sein Gemälde einer brennenden Kerze wechselte Ende 2011 für 12 Mio. Euro den Besitzer. "Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise - unverständlich, albern, unangenehm", kritisierte der Künstler. Dabei war bereits 2007 ein mit 8601 Diamanten besetzter Platinabguss eines echten Totenschädels von Damien Hirst für 75 Mio. Euro verkauft worden, die bis dato teuerste Arbeit eines lebenden Künstlers.

Rekordpreise für zeitgenössische Kunst sind an der Tagesordnung. Es gibt zu wenige Objekte von populären Künstlern, um die große Nachfrage zu bedienen. Vor allem in Boomregionen wie Asien wächst die Zahl der Vermögenden, die den Kunstmarkt für sich entdecken. Hinzu kommt die Flucht in Sachwerte, die neben Edelmetall und Immobilien auch Kunst erfasst hat.

"Der Schrei" von Edvard Munch ging bei Sotheby's ...   "Der Schrei" von Edvard Munch ging bei Sotheby's für fast 120 Mio. Dollar weg

Die führenden Auktionshäuser setzen auf diesen Trend. Das größte börsennotierte Kunstunternehmen der Welt, Sotheby's , hat im Gesamtjahr 2011 das zweitbeste Ergebnis der Firmengeschichte erzielt.

Händler und Galerien im mittleren und unteren Preissegment, die einen Großteil des Markts ausmachen, tun sich dagegen schwer. "Durch die Rekordauktionsergebnisse entsteht ein falscher Eindruck", sagt Hans Neuendorf, Gründer und Vorstandschef des Onlinekunstdienstleisters Artnet .

Ausgewählte Kunstaktien   Ausgewählte Kunstaktien

Rüdiger Weng, der Weng Fine Art  (WFA) Anfang 2012 an die Frankfurter Börse gebracht hat, ergänzt: "Insgesamt war der Markt 2011 leicht rückläufig, besonders in der zweiten Jahreshälfte." Dem hat WFA getrotzt: Der Umsatz stagnierte bei 6,5 Mio. Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um 13 Prozent auf 1,4 Mio. Euro.

Der Kunsthändler hat 936 Werke verkauft - fast alle mit Profit: "Die Gewinnmargen sind hoch, weil das Handelsgut Kunst sehr heterogen und hochgradig emotional ist", sagt Weng. WFA ist aufs mittlere Preissegment fokussiert und beliefert gewerbliche Kunden. Privatleute werden über die Tochter Weng Fine Art Editions bedient, die Druckgrafiken zeitgenössischer Künstler anbietet.

Kunstmarkt Die teuersten Kunstwerke der Welt

Seit dem Börsengang ist der Aktienkurs zwar schon kräftig geklettert. Löst Weng wie bisher seine Versprechen ein, sind aber noch deutlich höhere Kurse drin. In den kommenden Jahren sollen weitere Geschäftsfelder aufgebaut werden, ganz oben auf der Agenda steht dabei der Ausbau des E-Commerce.

Dort ist Artnet schon lange tätig. Das Unternehmen bietet seit 15 Jahren Kunstinformationen für Galerien und Händler online an. "Es ist nur eine Frage der Zeit: Der gesamte Kunsthandel wird über das Internet laufen", sagt Vorstandschef Neuendorf. Das 1998 gestartete Geschäft mit Onlineauktionen kommt aber nur mühsam voran. Trotz der Versteigerung eines Kunstwerks von Andy Warhol für gut 1 Mio. Euro wuchsen die Erlöse 2011 in diesem Segment nur um sieben Prozent. Im ersten Quartal 2012 kletterte der Auktionsumsatz immerhin um 37 Prozent. Konzernweit sank der Umsatz 2011 um 2,4 Prozent auf 13,3 Mio. Euro. Mit 31.000 Euro schaffte es Artnet nur knapp in die Gewinnzone. "Das Ergebnis ist Ausdruck der immer noch hohen Ausgaben für Entwicklung und Einführung neuer Produkte", so Neuendorf. Großes Potenzial verspricht er sich von der Einführung von Indizes, die Kunstsammlern bei Kaufentscheidungen helfen sollen. Die Aktionäre scheinen indes den Glauben an den Erfolg verloren zu haben: Das Papier notiert auf dem tiefsten Stand seit 2005.

Das krasse Gegenbeispiel dazu liefert die Artprice -Aktie, deren Kurs allein in den letzten zwölf Monaten um über 400 Prozent nach oben geschossen ist - angetrieben von reißerischen Aussagen des Vorstandschefs Thierry Ehrmann. Der Franzose glaubt, dass über seine Auktionsplattform in kürzester Zeit Milliarden umgesetzt werden. Das ist ambitioniert, wie das schleppende Geschäft bei Artnet zeigt. Überzogen scheint auch die Bewertung. Die Marktkapitalisierung entspricht dem 47-Fachen des 2011er-Umsatzes. Zudem wächst der Konzern nicht. Anleger sollten lieber einen Bogen um die Aktie machen. Früher oder später dürfte der Kurs in sich zusammenfallen - diese Prognose ist keine große Kunst.

 

  • FTD.de, 03.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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