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Merken   Drucken   14.08.2012, 16:03 Schriftgröße: AAA

Rohstoffmarkt: Wie sich die Agrarspekulanten verspekulierten

Hitze flirrt über den Mittleren Westen der USA, die Getreidefelder sind knochentrocken. Mais und Weizen verdorren, die Preise schießen nach oben. Ein Eldorado für Agrarspekulanten, könnte man meinen. Doch die meisten verpassten die Rally.
© Bild: 2012 Bloomberg/Daniel Acker
Hitze flirrt über den Mittleren Westen der USA, die Getreidefelder sind knochentrocken. Mais und Weizen verdorren, die Preise schießen nach oben. Ein Eldorado für Agrarspekulanten, könnte man meinen. Doch die meisten verpassten die Rally.
von Gregory Meyer, New York

Das heiße Geld hat wohl nicht genug geschwitzt. Denn während Ende Juni Rekordtemperaturen das Getreide in den USA verdorren ließen, haben sich viele Rohstoffinvestoren offenbar hinter verschlossenen Türen in klimatisierten Räumen verbarrikadiert: Sie verpassten den Start einer Getreide-Rally, bei der die Preise für Mais und Soja auf Rekordhöhen stiegen.

Inzwischen hat sich die Grundstimmung, dass die Preise weiter steigen, am Terminmarkt durchgesetzt. Doch dass professionelle Händler nicht schon vor Wochen vorausgesehen haben, in welche Richtung sich der Markt angesichts der Temperaturen entwickelt, weckt berechtigte Zweifel an der Prognosefähigkeit der Händler. Mitte Juni, kurz bevor sich die Thermometer im US-Bundesstaat Indiana bei 42 Grad einpendelten, erreichte das Volumen von Terminmarktwetten auf höhere Maispreise den niedrigsten Stand seit zwei Jahren.

US-Präsident Barack Obama besichtigt ein dürregeplagtes Maisfeld ...   US-Präsident Barack Obama besichtigt ein dürregeplagtes Maisfeld in Iowa

Auch die Weizenspekulanten setzen, wenn man die Wetten auf steigende und fallende Preise aufsummiert, damals überwiegend auf fallende Preise. "Das hat die meisten kalt erwischt", sagt ein amerikanischer Hedge-Fonds-Manager, der in Agrar-Futures engagiert ist. "Wir haben eine Weile gegen den Maismarkt angekämpft."

Auch besonders spezialisierte Trader, die auf Trendfolgemodellen basierende Managed-Futures handeln - und sich Berater für den Rohstoffhandel nennen - haben die Trendwende verpasst.

"Juni war ein schwieriger Monat - Juli war im Großen und Ganzen viel besser", sagt Ryan Duncan vom Futures-Broker Newedge. "Nachdem es die erste Preisspitze nach oben Mitte Juni gab, haben die meisten das erste Drittel oder erste Viertel der Entwicklung verpasst und erst den Rest mitgenommen."

Öl und Gold statt Weizen und Mais

Die Managed-Futures-Firma John W. Henry, deren gleichnamiger Gründer Eigentümer der Baseballmannschaft Boston Red Sox und des Fußballklubs Liverpool FC ist, zählt zu denen, die sich während des überraschenden Umschwungs im Juni die Finger verbrannten. In einem Schreiben an die Anleger teilte das Unternehmen mit, Mais habe sich auf einem so niedrigen Stand wie seit Jahren nicht mehr befunden, "und schnellte dann während des Monats mehr als 21 Prozent in die Höhe, da das heiße trockene Wetter die Aussichten für die Getreideernte in den USA verschlechterten". "Der Rückschlag im Juni war enttäuschend", so John W. Henry.

Indexinvestoren, typischerweise große Adressen, die Rohstoffindizes wie den Dow Jones UBS Commodity Index passiv nachbilden, haben im Juni die Gesamtgröße ihrer auf steigende Preise setzenden Positionen bei Mais, Soja und Sojaschrot reduziert. Währenddessen vergrößerten sie ihre Positionen in anderen Rohstoffen wie Rohöl und Gold. Das geht aus Daten der US-Aufsichtsbehörde für den Terminhandel CFTC hervor.

Beim 101 Mio. Dollar schweren Teucrium Corn Fund, einem börsengehandelten Agrarfonds, befanden sich die von Investoren gehaltenen Anteile am 27. Juni auf dem niedrigsten Stand seit anderthalb Jahren. Erst zwei Tage zuvor hatte das Landwirtschaftsministerium gerade einmal 56 Prozent der heimischen Maisernte als "gut" oder "hervorragend" bewertet - sieben Prozentpunkte weniger als eine Woche zuvor.

Innerhalb eines Monats legten die von Investoren gehaltenen Anteile des Fonds dann auf 64 Prozent zu, ein klares Zeichen hoher Geldzuflüsse. "Bis Ende Juni war der Maismarkt extrem pessimistisch, dann wurde den Leuten klar, dass es nicht regnet", sagt Teucriums Investmentvorstand Sal Gilbertie. "Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Es war ein großes makroökonomisches Ereignis, das einzig Feldfrüchte und in erster Linie Mais und Soja betraf. Innerhalb von Wochen drehte sich buchstäblich alles von extremem Pessimismus zu extremem Optimismus."

Warmes Frühjahr versprach gute Ernten

Der Frühling war ausgesprochen warm und trocken gewesen, sodass die Bauern frühzeitig und großflächig aussäen konnten. Dies hätte theoretisch dazu führen können, dass die Bestäubung abgeschlossen ist, bevor die heißesten Tage des Sommers kommen. Stattdessen brach die Sommerhitze früh und intensiv herein. Der Juli war der Höhepunkt des heißesten Zwölfmonatszeitraums, den die USA seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1895 erlebt haben. Das beeinträchtigte das Wachstum der Maisstängel. Die Dürre führte dazu, dass das Landwirtschaftsministerium so viele Sojafelder mindestens als "schlecht" bewertet wie nie zuvor.

Wetterprognosen sind schon für Meteorologen eine schwierige Sache. Auch die Hedge-Fonds-Manager sagen, sie hätten damit gezögert, große Posten weiter auszubauen, bis die Folgen der Hitzeperiode deutlicher würden. "Es gab gigantische Anbauflächen, und dann kommt da plötzlich diese Wettersache daher", sagt ein Händler von einem auf Rohstoffe spezialisierten Hedge-Fonds. "Die meisten Leute können das Wetter nicht vorhersagen."

Hedge-Fonds entsandten Spezialisten in Anbaugebiete, um sich die Schäden anzusehen. Ihnen war auch die Information eine Warnung, dass das Landwirtschaftsministerium die Prognose für Mais am Freitag um 15 Prozent zurückgenommen hatte.

Einige Investoren argumentieren nun, Rohstoffportfolios sollten nach festen Regeln zusammengestellt werden und nicht basierend auf der Meinung einzelner Menschen. Kurt Nelson von Summer Haven Investment Management behielt Mais den Mai über im Portfolio. Es sei "ein grausamer Monat", gewesen, sagt er heute. Diese Hartnäckigkeit habe sich dann aber im Juni bezahlt gemacht, so Nelson.

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