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Merken   Drucken   12.10.2012, 18:54 Schriftgröße: AAA

Vermögensverwalter Beck im Interview: "Was die Zentralbanken machen, muss man als Rechtsbruch bezeichnen"

Andreas Beck vom Institut für Vermögensaufbau zu Goldkäufen, Euro-Krise, warum er von italienischen Staatsanleihen mehr hält als von deutschen - und weshalb Anlageberatung immer wichtiger wird.
von Ludwig Heinz

Herr Beck, für Anleger gerät die Welt immer mehr aus den Fugen. Staatsanleihen galten mal als das sichere Investment schlechthin, jetzt als hochriskantes. Banken waren der Inbegriff von Solidität, heute werden viele von Ratingagenturen als Ramsch eingestuft. Wundert es Sie, dass die Leute Gold kaufen?

Nein, das ist unter diesem Aspekt nicht verwunderlich. Wenn ich die Problematik nicht zu Ende denke, komme ich irgendwann zu der Auffassung, Gold wäre ideal. Denke ich ein bisschen weiter, meine ich vielleicht, eine Immobilie wäre ideal. Aber das ist alles nicht zu Ende gedacht.

Dr. Andreas Beck, Vorstand Institut für Vermögensaufbau   Dr. Andreas Beck, Vorstand Institut für Vermögensaufbau

Das heißt dann, das Verhalten der Goldkäufer ist verständlich, aber nicht vernünftig?

Ich halte es sogar für ausgesprochen unvernünftig, weil die Annahme Weltuntergang grundsätzlich eine unvernünftige Annahme ist.

Man muss ja nicht gleich den Weltuntergang annehmen, aber eventuell den des Euro ...

Dann kann ich immer noch Norwegische-Krone-Anleihen kaufen. Damit habe ich einen wunderschönen Zins, einen Fälligkeitstermin - und die Rohstoffvorkommen Norwegens als Sicherheit. Da brauche ich nicht Gold zu kaufen, das nur einen spekulativen Wert hat und bei der Förderung enorme Umweltschäden verursacht. Letztlich ist es vollkommen willkürlich, ob dafür 200 oder 2000 Dollar bezahlt werden. Im Grunde braucht es niemand, alles einmal geförderte Gold ist immer noch da. Man buddelt es aus der Erde, um es dann in einem Tresor wegzusperren.

Die Flucht in Gold hat sicherlich auch damit zu tun, dass viele Menschen den Regierungen und Notenbanken inzwischen gründlich misstrauen. Ist das gerechtfertigt?

Was die Zentralbanken im Moment machen, muss man als Rechtsbruch bezeichnen, weil sie sich nicht an ihren gesetzlich vorgegebenen Auftrag halten. Und die Politiker schaffen neue Gesetze, die den Euro retten sollen. Dabei würde es völlig reichen, wenn sich Staaten und Notenbanken an die bestehenden Gesetze und Regeln halten würden, etwa den Maastricht-Vertrag.

Ist die Euro-Krise letztlich eine Krise unseres Papiergeldsystems?

Manche halten ja eine goldgedeckte ­Währung für besser als eine Papierwährung, wie wir sie heute haben. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass eine mit Gold besicherte Währung auch nur Bestand hat, solang man sich darauf verlassen kann, dass bestehendes Recht eingehalten wird. Wenn es jedoch eingehalten wird, ist auch das Papiergeldsystem mit einer unab­hängigen Zentralbank eine wunderbare, stabile Einrichtung - vielleicht eine viel intelligentere als andere Formen der ­Geldschöpfung. Treten allerdings Probleme mit der Staatsfinanzierung auf, kommt es zu Notlösungen, die letztlich immer darauf hinauslaufen, dass direkt oder indirekt ­private Eigentumsrechte verletzt werden. Wir haben heute keine Krise des Papiergelds, sondern auf Ebene der Staaten eine Krise der Vertragstreue.

Bleibt den Bürgern etwas anderes übrig, als die Notlösungen hinzunehmen?

Man kann das kritisieren, aber es gibt niemanden, der eine Alternative anbieten kann. Denn ohne handlungsfähigen Staat gibt es überhaupt kein Privateigentum.

Worauf sollten Anleger in der derzeitigen Krise besonders achten?

Erst mal gilt es, Steuern zu zahlen, damit der Staat handlungsfähig bleibt. Man muss auch darauf achten, dass es nicht zu einer Krise der Demokratie kommt. In Griechenland und Spanien gibt es angesichts der extrem hohen Arbeitslosigkeit schon gefährliche Tendenzen. Da sollte man sensibel sein, und dann kann man sich Gedanken machen, wie man sein Geld anlegt. Tue ich etwas für die Stabilität dieser Gesellschaft, wenn ich Gold kaufe? Eigentum verpflichtet, es ist viel besser, ich kaufe deutsche Aktien oder italienische Staatsanleihen.

Sie selbst würden jetzt tatsächlich italienische Staatsanleihen kaufen?

Ja, sicher. Es gibt kein Szenario, in dem Italien ausfallen und Deutschland solvent bleiben würde. Wir hängen mittlerweile viel zu eng zusammen, nicht nur über den Euro-Rettungsschirm, sondern beispielsweise auch über die Forderungen der nationalen Zentralbanken.

Dann ist es doch unvernünftig, niedrig verzinsliche Bundesanleihen zu kaufen und hochverzinsliche italienische zu meiden?

Es ist auf jeden Fall problematisch. Die ­extreme Zinsdifferenz zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen ist irrational.

Aber Italien könnte Deutschland mit in den Abgrund reißen?

Was sind denn die wahrscheinlichsten Szenarien? Als Argentinien vor zehn Jahren pleiteging, beruhte das darauf, dass das Land in Fremdwährung verschuldet war. Wir sind dagegen in eigener Währung verschuldet. Der Euro-Raum kann in Euro nicht insolvent werden, ebensowenig wie das hoch verschuldete Japan in Yen. Solang man das Geld zur Bedienung der Schulden selbst drucken kann, ist das Ganze primär eine technische Frage. Wäre die Notenbank wirklich unabhängig, könnten wir natürlich schon insolvent werden. Doch eins ist klar: Die Notenbank darf und kann nicht zulassen, dass es zu einem Zusammenbruch unserer Staaten kommt.

Welches Szenario ist denn aus Ihrer Sicht das wahrscheinlichste?

Niemand weiß, was passiert, wenn Griechenland nicht im Euro gehalten werden kann, niemand weiß, wie es mit Spanien und Portugal weitergeht. Letztlich geht es um die Werthaltigkeit des Euro. Die Frage ist nicht, ob er gerettet werden kann, sondern ob er als starke Währung gerettet werden kann. Gegen das damit verbundene Risiko bin ich mit einem Sechs-Prozent-Kupon italienischer Anleihen besser abgesichert als mit 1,5 Prozent für deutsche.

Wie kommen wir aus der Krise heraus?

Wie verfahren die Lage ist, erkennt man daran, dass es heißt: Wir brauchen unbedingt Schuldenabbau, aber auch unbedingt Wachstum. Es ist absurd, Italien wurde von den Ratingagenturen herabgestuft, weil es hieß, sie betrieben keinen ernsthaften Schuldenabbau. Nun sparen sie ernsthaft und werden mit der Begründung zurückgestuft, bei dem Sparkurs sei kein Wirtschaftswachstum möglich. Das zeigt das Dilemma. Ich denke, wir kommen auf der einen Seite nicht umhin, Schulden drastisch zu senken, was bedeutet, dass einige Länder radikal sparen müssen, auch bei wahlrelevanten Bevölkerungsschichten wie den Rentnern.

Und auf der anderen Seite?

Müssen die Staatseinnahmen signifikant erhöht werden, was den anderen wahlrelevanten Teil des Volkes, die Arbeitenden, trifft. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir um eine Vermögensteuer nicht herumkommen. Die Dinge müssen ins Gleichgewicht gebracht werden, was an sich kein Problem ist. Wie gesagt, Europa ist ja vor allem bei sich selbst verschuldet. Deutschland hat 2000 Mrd. Euro Schulden, aber 8000 Mrd. Euro Privatvermögen.

Hat sich aufgrund der Krise Ihre persönliche Anlagestrategie geändert?

Ja, schon. Klassischerweise geht man davon aus, dass es einen risikolosen Zins gibt und entwirft basierend darauf Risikobudgets. In Euroland kann es jedoch keinen risikolosen Zins mehr geben. Denn risikoloser Zins heißt, dass der Zins höher ist als die Inflationsrate. Er ist für die Staaten nicht mehr tragbar. Das macht es interessant, sich umzusehen, wo in diesem Sinne noch risikolose Zinsen vereinnahmt werden können. Das ist in Ländern möglich, die ihre Verschuldung im Griff und eine unabhängige Zentralbank haben.

Das dürften immer weniger werden.

Richtig, es gibt interessante Studien, zum Beispiel von Standard & Poor's, über die Eskalation der Staatsverschuldung. Demnach wird die Bewertung "AAA" aussterben. Die Verschuldungs- und Demografieeffekte kommen ja nicht über Nacht, sondern sind längst absehbar. Länder mit vernünftiger Währung und vernünftigem Geldsystem werden zu den Gewinnern zählen.

Welche Länder werden das konkret sein?

Darunter fallen drei Arten von Ländern. Erstens solche mit großen Rohstoffreserven wie Norwegen oder Australien, zweitens Länder mit einer extremen Haushalts­disziplin wie Schweden oder die Schweiz. Und drittens welche mit starkem Wachstum wie Indonesien oder die Türkei.

Für die globale Wirtschaft sagen allerdings viele Ökonomen auf Jahre hinaus niedriges Wachstum voraus. Bedeutet das für Investoren, dass sie künftig mit sehr bescheidenen Renditen rechnen müssen?

Für die Gesamtheit der Anleger gilt das sicherlich; wo nichts erwirtschaftet wird, kann nichts verteilt werden. Andererseits werden die Märkte immer volatiler, und es gibt auf bestimmten Märkten immer ­extremere Über- und Untertreibungen. Das heißt, wenn ich ein freier, also nicht regulierter Investor bin, eröffnen sich in einem solchen Umfeld auch gute Chancen.

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Verbunden mit höheren Risiken!

Höheren Schwankungsrisiken, ja. Aber der deutsche Aktienmarkt bietet Anlegern heute vermutlich deutlich bessere Chancen als vor 15 Jahren.

Ist nicht eine Konsequenz der turbulenten, volatilen Märkte, dass Anlageberatung zunehmend wichtiger wird?

Die wird schon allein deswegen immer wichtiger, weil die private Altersvorsorge immer bedeutsamer wird, aber beispielsweise auch, weil es viele Erben gibt, die das Vermögen gut verwaltet haben wollen. Beratung ist heute wichtiger denn je.

Warum beraten Sie mit Ihrem Institut eigentlich keine Privatanleger?

Wir machen es nicht, weil wir denken, wir würden dann unsere Neutralität verlieren. Wir wollen keine Interessenkonflikte, begrüßen und unterstützen aber jeden, der eine unabhängige Honorarberatung aufbauen will. Wir sehen da tatsächlich eine große Lücke. Im institutionellen Bereich beraten wir schon, zum Beispiel Pensionskassen und Stiftungen.

Wovor sollten Anleger sich heute am meisten fürchten? Vor einer Hyperinflation?

Ich glaube nicht, dass eine Hyperinflation kommt. Die Anleger sollten vor gar nichts Angst haben. Es ist doch unerträglich, dauernd versucht man uns einzureden, dass die Welt untergeht - Waldsterben, Klimakatastrophe, Ozonloch. Wir haben doch jetzt letzten Endes 60 existenziell krisenfreie Jahre hinter uns und wahrscheinlich 60 existenziell krisenfreie Jahre vor uns.


Andreas Beck ist Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau, das auf die Entwicklung von Risikomodellen und Ratingverfahren spezialisiert ist. Der 46-Jährige ist als Dozent und Autor vieler Veröffent­lichungen in der Fachpresse dafür bekannt, über die Horizonte der Branche hinauszudenken. Sein Interesse gilt dem Wechselspiel von Politik, Gesellschaft und Kapitalmarkt. Der studierte Mathematiker und Philosoph ist verheiratet und hat vier Kinder.


Erschienen am 23.8. in Börse Online

Gefunden bei: boerse-online.de

  • boerse-online.de, 12.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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