Knapp vier Jahre ist es her, dass die US-Investmentbank Lehman Brothers in die Pleite schlitterte. Zertifikate der Bank hatten infolge der Insolvenz vielen deutschen Anlegern Verluste beschert. Und außerdem ein Trauma, das offenbar bis heute anhält. "Die meisten Anleger scheuen die Papiere immer noch", sagt Michael Boehm, Manager zweier Zertifikatefonds bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS. Auch Fonds, die in Zertifikate investieren, haben sich vom Lehman-Debakel nie richtig erholt.
Einige Jahre vor der Krise kamen die ersten Produkte auf den Markt, die die konkurrierenden Anlageinstrumente in sich vereinten. Doch der Imageverlust, unter dem die Zertifikatebranche infolge des Lehman-Debakels zu leiden hatte, traf auch sie mit voller Wucht. Zertifikatefonds schnitten überwiegend schlecht ab, denn sie konnten das Risiko in den Depots nicht in dem Maße begrenzen, wie Anleger es erwartet hatten. Investoren zogen massiv Geld aus den Produkten ab, viele Fonds wurden liquidiert oder mit anderen verschmolzen. Zertifikatefonds sind heute eine aussterbende Gattung.
Die wenigen verbliebenen Produkte werden von den Anbietern nicht beworben, sondern im Gegenteil regelrecht versteckt. Dahinter steckt die berechtigte Annahme, dass Anleger sie derzeit ohnehin nicht kaufen würden. "Momentan ist eigentlich eine gute Zeit, um mit Zertifikaten zu arbeiten", sagt DWS-Fondsmanager Boehm. "Aber es läuft ab wie so oft: Die Anleger trauen sich nicht, und wenn sie sich dann doch trauen, sind die Zeiten guter Gewinne vorbei." Für die Fonds spreche jetzt ihre vergleichsweise niedrige Schwankungsbreite gepaart mit der Chance auf Rendite, so Boehm.
DWS hat noch drei Zertifikatefonds im Angebot. Der Fonds Bonus Aktiv setzt auf Bonuszertifikate verschiedener Emittenten, Laufzeiten und Basiswerte. Der Fonds Diskont Aktiv investiert in Diskontzertifikate auf Aktien oder Aktienindizes. Und der Fonds Diskont Basket (ISIN LU0224319862) setzt hauptsächlich auf Diskontzertifikate auf europäische Aktien. Mit 50 Mio., 57 Mio. und 27 Mio. Euro Volumen sind die Produkte überwiegend rentabel, sie wurden deshalb nicht, wie andere Zertifikatefonds der DWS vor einigen Jahren, mit anderen Produkten verschmolzen. "Das Geld stammt fast ausschließlich von Privatanlegern", sagt Boehm.
Bei Allianz Global Investors (AGI) ist nur ein einziger Zertifikatefonds übrig geblieben, obwohl der Anbieter zu Hochzeiten mehr Geld in dieser Anlageklasse verwaltete als andere Gesellschaften. Die restlichen Fonds wurden verschmolzen, hauptsächlich mit Multi-Asset-Produkten. "Im Zuge der Lehman-Pleite waren Zertifikate einfach nicht mehr gefragt", sagt ein Sprecher. "Die Fonds hatten zwar ein besseres Rendite-Risiko-Profil als einzelne Zertifikate der jeweiligen Strategie, haben aber aufgrund der massiven Marktverwerfungen die Erwartungen der Anleger nicht getroffen."
Übrig geblieben ist der Fonds Allianz High Dividend Discount, aufgelegt im Jahr 2004. Und selbst diesen bezeichnet AGI ungern als Zertifikatefonds, auch wenn er auf der Homepage des Anbieters offiziell als solcher ausgewiesen wird. "Vom Charakter her ist das Produkt ein Aktienfonds", sagt der Sprecher. Der Fonds investiert in europäische Aktien mit hoher Dividendenrendite und in Zertifikate auf solche Aktien oder Aktienindizes.
So sehr die Anbieter den schleppenden Verkauf ihrer Fonds auf die Reserviertheit der Investoren gegenüber Zertifikaten schieben mögen: Diese Argumentation ist nur zum Teil richtig. Anleger sind aus gutem Grund skeptisch. Die Fonds haben nicht nur in der Finanzkrise bei der Verlustbegrenzung schlechter abgeschnitten als gedacht, sie brachten auch in der darauf folgenden Erholung niedrigere Renditen als erhofft. "Die Fonds waren insgesamt gesehen deutlich schlechter als der Markt", bestätigt Simon Nöth, Analyst der Fondsratingagentur Morningstar.
Auch die hohen Kosten der Produkte dürften viele Investoren abschrecken. "Sie haben, ähnlich wie Dachfonds, mit einer doppelten Gebührenstruktur zu kämpfen", sagt Nöth. Der Kauf von Zertifikaten ist deutlich teurer als der von Aktien oder Anleihen, und diese Kosten kommen zur Verwaltungsgebühr hinzu. "Wie sich die Kosten zusammensetzen, ist für Anleger schwer nachvollziehbar", sagt Nöth. "Manager von Zertifikatefonds müssen jedenfalls sehr gut sein, um diese Belastung auszugleichen." Was sie bislang aber meist nicht waren - ein Grund dafür, weshalb Zertifikatefonds es vielleicht sogar verdient haben, ganz von der Bildfläche zu verschwinden.