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Merken   Drucken   22.04.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Derivate: Deutsche Börse wird abgehängt  

Premium Während Banken, Versicherer und Fonds über die neue strengere Regulierung des Derivatemarkts stöhnen, bietet sie großen Abwicklungshäusern enormes Wachstumspotenzial. Das nutzen die meisten auch - bis auf die Deutsche Börse mit ihrer Tochter Eurex, die die Entwicklung bisher verschlafen hat.

Die Deutsche Börse  droht den Verteilungskampf um die Abwicklung von Derivategeschäften zu verschlafen. Während Banken, Versicherer und Fonds über die strengere Regulierung stöhnen, bieten die geplanten Regeln am Derivatemarkt den großen Abwicklungshäusern enormes Wachstumspotenzial. Doch die Deutsche Börse, die über ihre Tochter Eurex dieses Geschäft betreibt, "hinkt im außerbörslichen Derivateclearing der Konkurrenz hinterher", sagte Johannes Thormann, Analyst bei HSBC .

Konkurrenten wie die amerikanische Intercontinental Exchange (ICE) und das Londoner Abwicklungshaus LCH-Clearnet buhlen erfolgreich mit hohen Preisrabatten um die großen Banken, die den 708.000 Mrd. Dollar großen außerbörslichen Derivatemarkt dominieren. Auch die Chicago Mercantile Exchange (CME) verlagert mehr Geschäft nach London, um von den neuen Regeln zu profitieren.

Die Deutsche Börse hat aber bislang weder in der Abwicklung von Kreditderivaten Fuß gefasst noch das Clearing von solchen Zinsprodukten im Angebot. "Um neues außerbörsliches Geschäftsvolumen zu gewinnen, bieten andere Abwicklungshäuser zum Teil hohe Rabatte. Die Eurex müsste hier stärker in die Offensive gehen", sagte Thormann. Die Deutsche-Börse-Tochter will erst im Laufe des Jahres außerbörsliche Zins-Swaps abwickeln. Details über das Preismodell sind noch nicht bekannt. Insgesamt will die Deutsche Börse in diesem Jahr 80 Mio. Euro ins Derivategeschäft investieren.

Marktanteile in der Abwicklung von Wertpapiergeschäften   Marktanteile in der Abwicklung von Wertpapiergeschäften

Die Wachstumschance für die Abwicklungshäuser, die als Vertragspartner zwischen Käufer und Verkäufer treten, liegt darin, dass Politiker und Regulierer ab 2013 alle standardisierten Derivate über solche Firmen abwickeln lassen wollen. "Clearinghäuser haben nun, befördert durch die Regulierung, bessere Voraussetzungen, organisch zu wachsen", sagte André Lattemann von der Beratungsgesellschaft KPMG. Viele standardisierte Derivate werden bereits über Clearinghäuser abgewickelt. "Das ist teilweise ein Vorgriff auf die Regulierung", so Lattemann. Das Gros wird aber noch direkt zwischen Käufer und Verkäufer gehandelt und abgewickelt.

Gleichzeitig hat die Industrie- und Schwellenländergruppe G20 vereinbart, dass Abwickler mehr Sicherheiten vorhalten müssen. Sie sollen über genügend liquide Mittel und Kapital verfügen, um den Ausfall ihrer zwei größten Kunden abzufedern. So sollen Schocks wie nach dem Kollaps des US-Versicherers AIG  2008 künftig vermieden werden. AIG hatte Ausfallderivate auf Lehman-Anleihen in dreistelliger Milliardenhöhe verkauft. Als Lehman pleiteging, konnte AIG die Vertragspartner nicht auszahlen, der Staat musste einspringen.

Laut Analyst Thormann können die Clearinganbieter die neuen Kapitalregeln stemmen: "Selbst bei der Insolvenz von Lehman Brothers haben bei LCH-Clearnet vereinfacht gesagt rund 40 Prozent der hinterlegten Sicherheiten genügt", so Thormann. Der Sicherheitenpool aller Kunden sei nicht angetastet worden. Auch Marcus Zickwolff von Eurex Clearing sagte: "Bereits heute ist Eurex Clearing derart aufgestellt, dass wir den Ausfall unserer zwei größten Clearingteilnehmer abdecken könnten."

Besonders teuer wird es künftig für die Banken und Händler. Durch die neuen Vorschriften werden laut Schätzungen 35 bis 40 Prozent weniger am Handel mit standardisierten außerbörslichen Derivaten verdienen. Denn die europäische Derivateverordnung Emir, die ab Januar 2013 gelten soll, sieht ein dreistufiges Ausfall- und Sicherheitsnetz vor. Danach müssen Banken und andere Derivatehändler Sicherheiten wie Wertpapiere beim Abwicklungshaus hinterlegen und zusätzlich in einen Ausfallfonds einzahlen. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA arbeitet gerade die Details aus.

Wenn ein Vertragspartner ausfällt, schließt das Abwicklungshaus erst alle offenen Positionen mit den hinterlegten Sicherheiten, die im Fachjargon auch Margins genannt werden. Reichen diese nicht aus, greift sie auf den Sicherheitenpool und danach künftig auf den Ausfallfonds zurück. Würde das alles nicht genügen, um alle Vertragspartner zufriedenzustellen, muss die Clearinggesellschaft ihr eigenes Kapital anzapfen. In letzter Instanz könnte nur noch die Zentralbank mit Krediten aushelfen.

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  • Aus der FTD vom 23.04.2012
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