Der deutsche Derivatemarkt steht kurz davor, eine magische Schwelle zu erreichen. Schaut man sich die Anzahl der gehandelten Produkte an, dann ist die Branche von der Million nicht mehr weit entfernt, was nach außen hin leicht den Anschein eines Höhenflugs erweckt. Knapp 953.000 Zertifikate werden derzeit an deutschen Börsen gehandelt.
Lange Zeit sah es nicht danach aus, dass die Branche jemals in diese Dimensionen vorstoßen könnte. Nach der Lehman-Pleite schien sogar der K.-o.-Schlag nahe, doch die Branche berappelte sich wieder. Die Fans hielten die Anbieter dieser strukturierten Produkte im Rennen und sorgten für ein Comeback der Zertifikate. Wurden 2008, dem Jahr des Lehman-Debakels, rund 300.000 Produkte gehandelt, so hat sich die Zahl seither mehr als verdreifacht. Vor allem in den vergangenen zweieinhalb Jahren ist das Volumen nahezu explosionsartig angestiegen: So wurde 2010 erstmals die 500.000er-Grenze überschritten, Ende 2011 waren dann über 800.000 Zertifikate am Markt. So viele börsengehandelte Emissionen gibt es in keinem anderen Marktbereich. Zum Vergleich: An der Börse Frankfurt werden derzeit rund 11.000 Aktien, 22.000 Anleihen und knapp 4000 Fonds und börsennotierte Indexfonds (Exchange-Traded Funds, ETFs) gehandelt. Geradezu gigantisch erscheint dagegen die Masse der Zertifikate.
"Wir werden die Grenze von einer Million nur knapp erreichen", sagt Christian Grabbe, der bei der Baader Bank das Geschäft mit strukturierten Produkten verantwortet. Grabbe rechnet eher mit einer Stagnation, da das Marktumfeld derzeit sehr schwierig sei. "Aus Imagegründen sehe ich die Million kritisch", sagt Florian Röbbeling, Leiter des Instituts für Zertifikateanalyse (IZA). Der Blick hinter die Kulissen zeigt, dass der Emissionsboom der vergangenen Jahre dem Wettbewerb der Anbieter geschuldet ist. Rund 80.000 Emissionen sind heute fast schon Standard, wenn ein Anbieter auf den vorderen Rängen landen will. So viele Papiere bieten unter den Derivateemittenten derzeit BNP Paribas, Citi, DZ Bank, Goldman Sachs und UBS. Über das größte Angebot verfügt die Commerzbank mit mehr als 160.000 Papieren, gefolgt von der Deutschen Bank mit rund 115.000 Emissionen.
Das hat - wie häufig zu hören oder zu lesen ist - für die Anleger nicht nur Nachteile. Denn mit dem wachsenden Produktangebot kamen immer mehr vergleichbare Papiere auf den Markt. Die Folge: Die Konditionen verbesserten sich. Das gilt vor allem für Selbstentscheider, Anleger, die keinen Finanzberater aufsuchen, sondern aus der Vielfalt allein für sie passende Produkte auswählen. Für den klassischen Vertrieb in den Bankfilialen werden dagegen nur wenig Papiere aufgelegt (siehe Grafik). Das ist der Grund dafür, dass rund zwei Drittel aller in Zertifikate investierten Mittel in nur knapp 500 strukturierten Anleihen und 3700 Kapitalschutzzertifikaten stecken.
Das große Angebot richtet sich an die aktiven Anleger, die entweder für mehrere Monate in Anlageprodukte wie Bonus- oder Discountzertifikate investieren oder sich nur ganz kurzfristig in riskanteren Hebelprodukten wie Optionsscheinen und Knock-out-Papieren engagieren. Letztere werden oft nur wenige Stunden oder Tage gehalten. Daher sind die Umsätze in diesen Papieren hoch, das tatsächlich ausstehende Volumen ist aber gering. Um möglichst eine breite Palette zu offerieren, erweiterten die Anbieter ihr Produktprogramm ständig.
"Das Zertifikategeschäft ist ein hochgradig industrielles Geschäft, die Kosten für die Emittenten sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken", sagt Grabbe. Doch derzeit leidet die Branche unter der allgemeinen Zurückhaltung der Anleger. Und möglicherweise auch ein wenig unter dem überbordenden Angebot. Denn viele Anleger finden sich mit der Masse der Papiere immer weniger zurecht. Wollen sie mithilfe von Suchmaschinen auf Internetseiten geeignete Produkte finden und die Konditionen vergleichen, müssen sie die Suchkriterien oft mehrmals eingrenzen.
Große Gefahren birgt das breite Angebot, sollte es an den Märkten hektisch werden. "Alle Kursdienstleister ächzen unter der Datenflut", berichtet Röbbeling. Er verweist darauf, dass die Anbieter permanent Kursaktualisierungen, sogenannte Quotes, in die Handelssysteme schicken. "Wir haben kein Problem, solange sich der DAX in einer Spanne von zwei Prozent bewegt. Doch wenn die Volatilität deutlich zunimmt, wie in einem Crash, reicht die Technik der Börsen nicht mehr aus. Können die Anleger dann nicht mehr handeln, ist der Imageschaden groß", fürchtet Zertifikateexperte Röbbeling.
Daher werden die Emittenten verstärkt in der Kritik stehen, wenn die Million erreicht wird.