"Durchgefallen: Scoring-Verfahren im Praxistest" - so lautet der Titel einer Studie, die der Verbraucherzentrale Bundesverband kürzlich vorstellte. Die Verfahren würden nicht halten, was sie versprechen und seien intransparent. Oft werde die Zahlungsfähigkeit der Verbraucher falsch eingeschätzt. "Ein Blick in die Glaskugel würde vermutlich ein ähnliches Ergebnis liefern", sagte Vorstand Gerd Billen.
Das 158 Seiten starke Gutachten der GP Forschungsgruppe kommt zu dem Schluss, dass Verbraucher in knapp 50 Prozent der getesteten Fälle nicht über den Einsatz von Scoring-Verfahren informiert worden seien. Neun von zehn Testpersonen sei der Score nicht mitgeteilt worden. "Bei der Studie ist ungenau recherchiert worden", sagt dagegen Siebo Woydt, Geschäftsführer CEG Creditreform Consumer. CEG sei für die Erhebung gar nicht befragt worden.
In Deutschland gibt es mehrere Auskunfteien, darunter Creditreform, Bürgel und Schufa. Sie erheben Daten längst nicht mehr nur für Banken, sondern auch beispielsweise für Telekommunikationsunternehmen, Energieversorger und Versandhändler. Bürgel etwa speichert nur Negativmerkmale wie eidesstattliche Versicherungen, Insolvenz- und Inkassoverfahren. Als Quellen dienen dem Unternehmen Schuldnerregister und eigene Inkassoverfahren, die die Kunden der Auskunftei übertragen haben. "Die von uns erhobenen Daten eignen sich am besten zur Risikoeinschätzung", sagt eine Sprecherin. Werde etwa ein Inkassoverfahren eingestellt, würden auch die entsprechenden Datensätze gelöscht. Wer von Bürgel seine Daten anfordert, bekommt zwar sämtliche Einträge aufgeschlüsselt, nicht aber die entsprechende Risikoeinstufung.
CEG erhebt eine breitere Datenbasis: Geschäftsführer Woydt sieht neben den auch von Bürgel erhobenen Negativmerkmalen vor allem im Alter ein entscheidendes Kriterium: "Es macht schon einen Unterschied, ob sich ein 18-Jähriger oder ein 40-Jähriger ein Auto least." Bei einem gerade Volljährigen sei die Finanzierung möglicherweise nicht gesichert.
Die Wohnadresse fließt auch ins Scoring ein: Grundlage dafür ist der Schuldenatlas von Creditreform, der die Anzahl der bekannten Schuldner ins Verhältnis mit den Einwohnern setzt. "Das darf allerdings nicht ausschlaggebend, sondern maximal ein anreicherndes Kriterium sein", sagt Woydt. Schließlich gebe es auch in ärmeren Städten und Stadtteilen genug Menschen, die stets ihren laufenden Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Die Gefahr einer Diskriminierung sei entsprechend groß. Angaben wie Staatsangehörigkeit, Beruf und Familienstand seien noch weniger aussagekräftig. Auch die Umzugshäufigkeit sage wenig aus: Jemand könne näher an seinen Arbeitsplatz gezogen sein, sich verkleinert oder vergrößert haben.
Genau nach solchen Daten werde von Banken aber häufig gefragt, moniert die Verbraucherzentrale in ihrer Studie. Den Verbraucherschützern zufolge sollten nur für die Bonität relevante Merkmale ins Scoring einfließen. Für die Kreditvergabe wären das beispielsweise neben Identität und Adresse auch Monatseinkommen, Warmmiete, Anzahl vorhandener Kredite und Höhe der Belastungen sowie die allgemeinen Lebenshaltungskosten. "Die Banken scoren auch selbst - sie vermengen das mit den Scores der Auskunfteien, so dass ein riesiger Misch-Masch entsteht", sagt Christian Thorun, Referent Handel und Wettbewerb der Verbraucherzentrale.
Der Score selbst sei für den Verbraucher nicht nachvollziehbar: Bürgel misst in Schulnoten, die Schufa vergibt Punkte von 0 bis 100, CEG von 0 bis 1000. Ein hoher Basisscore führe noch lange nicht zu einem Vertragsabschluss. "Der Wert soll dem Verbraucher nur branchenübergreifend ein Gefühl dafür geben, wo er steht", sagt eine Schufa-Sprecherin. Entscheidender sei der sogenannte Branchenscore, den es der Schufa zufolge für sechs oder sieben Branchen gibt. Allerdings kann der Verbraucher selbst nicht nachvollziehen, wie dieser erhoben wird. Und auch die Schufa kann das nicht mal eben so erklären: "Das ist zu komplex - voller Mathematik und Statistik." Die Schufa lässt in den Score Bankverbindungen, Kreditgeschäfte sowie gegebenenfalls Negativmerkmale einfließen. Letztere lägen nur bei sieben Prozent aller gespeicherten Personen vor. Einkommen und Vermögen sind der Schufa unbekannt. Es werde zwar immer mal wieder diskutiert, diese zur Score-Verbesserung zu erheben, doch sei es bislang bei Diskussionen geblieben.
Den Verbraucherschützern zufolge sollte jeder potenzielle Kreditnehmer gleich im Bankgespräch gesagt bekommen, welche Scoring-Daten erhoben und wie diese gewichtet werden. Auf eine Zahl allein dürfe sich kein Sachbearbeiter stützen. Deshalb spricht Bürgel auch nur von einer Handlungsempfehlung, die Schufa von einer Entscheidungshilfe, und CEG-Geschäftsführer Woydt sieht im Score lediglich eine gute Möglichkeit zur Segmentierung.