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Merken   Drucken   19.10.2007, 07:40 Schriftgröße: AAA

20 Jahre Schwarzer Montag: Moderne Crash-Fantasien

Am 19. Oktober 1987 wurde an der Wall Street an einem Nachmittag mehr Geld vernichtet als jemals zuvor. Derzeit fürchtet so mancher, dass sich ein solch heftiger Kurssturz wiederholen könnte. von Bernd Mikosch, Jennifer Lachman und Mareike Schulz
Bürger stehen Schlange vor den Bankfilialen und verlangen ihr Erspartes. Doch die Institute haben kein Geld mehr. Sie haben es an Leute verliehen, die sich den Kredit eigentlich nicht leisten können. Die Szene klingt vertraut - und spielt doch nicht 2007, auch nicht 1987, sondern 1857. Vor 150 Jahren hatten sich die Wall-Street-Banken nicht mit schlecht besicherten Hypotheken verspekuliert, sondern mit Krediten an Eisenbahnunternehmer und Getreidebauern. Damals gab es keine Zentralbank, die mit schnellem Geld helfen konnte. Viele Institute erklärten sich für zahlungsunfähig.
Der 19. Oktober 1987 ging als Schwarzer Montag in die ...   Der 19. Oktober 1987 ging als Schwarzer Montag in die Börsen-Geschichte ein
So schlimm wird es jetzt wohl kaum kommen. In den Geschäftszahlen der Banken hinterlässt die Kreditkrise zwar Spuren, bei einer Schieflage eines Instituts war aber immer gleich ein Retter zur Stelle. 150 Jahre blicken Börsianer ohnehin nicht zurück. Für sie zählt die Zukunft. In diesen Tagen sind historische Vergleiche aber gefragt: Der Schwarze Montag jährt sich zum 20. Mal. Am 19. Oktober 1987 verlor der Dow-Jones-Index mehr als 22 Prozent. So viel Geld war an der Wall Street nie zuvor an einem einzigen Tag vernichtet worden.
Experten sind uneins
Ob sich ein solcher Crash wiederholen könnte, darüber gehen die Meinungen auseinander. "Die Voraussetzungen für eine Wiederauflage sind absolut gegeben", sagt Joseph Mason, Finanzprofessor an der Drexel University. Wie schon 1987 bestehe an den Märkten ein Informationsdefizit: "Die Investoren wissen bei den strukturierten Kreditprodukten oft nicht, wie viel ihre Anlagen tatsächlich wert sind oder wo sich welche Risiken verstecken." Diese Unsicherheit könnte einen Abwärtstrend begünstigen.
20 Jahre in Zahlen
Vergleich ausgewählter Marktdaten
  1987(1) 2007(2)
Dow Jones (Punkte) 2596 13854
KGV (S&P 500)(3) 20,30 17,89
Dividendenrendite(4) 2,69% 1,77%
Bondrendite(5) 9,60% 4,52%
Öl (Barrel WTI) 18,50$ 87,26$
Gold (Feinunze) 459,50$ 762,55$
Fed-Leitzins 7,25% 4,75%
     
1) Ende Sept. 1987; 2) 18.10.07; 3) auf Basis vorgelegter Gewinne; 4) S&P 500; 5) zehnjährige US-Staatsanleihen; Quellen: S&P Equity Research, Bloomberg
 
S&P-Chefstratege Sam Stovall widerspricht: "Die Märkte von heute und damals unterscheiden sich in entscheidenden Faktoren." Er verweist darauf, dass Historiker der Zinsentscheidung vom September 1987 eine Mitschuld an dem Crash geben: Während die US-Notenbank den Leitzins damals auf 7,25 Prozent anhob, senkte Ben Bernanke ihn nach den jüngsten Turbulenzen um 0,5 Prozentpunkte.
Höher Seit 1987 hat der Dow-Jones-Index im Schnitt jährlich 8,7 Prozent zugelegt, der Ölpreis 7,7 und die Goldnotierung 2,4 Prozent.
Niedriger Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt heute deutlich unter dem Niveau von 1987, die Dividendenrendite allerdings auch.
Thomas Caldwell vom US-Wertpapierhaus Caldwell Securities hält nicht viel von solchen Vergleichen. Zwar könnten die Börsen inzwischen viel mehr Aufträge verarbeiten, sodass ein Rückstau wie 1987 kaum möglich sei. Zudem würden bei ungewöhnlich starkem Handel an der NYSE die nach dem Schwarzen Montag eingeführten Trading Curbs eingreifen, die den elektronischen Handel vorübergehend einschränken. Einen möglichen Absturz könnten diese Maßnahmen jedoch nur abfedern, nicht verhindern, sagt der 64-jährige Broker, der den Crash von 1987 miterlebte: "Vielleicht sollten wir einfach akzeptieren, dass man den Markt letztendlich weder vorhersagen noch kontrollieren kann."
USA wichtigster Kapitalmarkt
Ganz gleich, wie viel Unsicherheit herrscht: Die USA bleiben die größte Volkswirtschaft der Welt und damit der wichtigste Kapitalmarkt. Anleger, die ihre Risiken streuen möchten, kommen an US-Aktien kaum vorbei - schließlich haben sie gemessen am MSCI World ein Gewicht von fast 50 Prozent. Trotzdem raten Experten Anlegern zum Abwarten. "Weitere Wertberichtigungen können nicht ausgeschlossen werden", sagt Jeff Kautz, Manager eines US-Aktienfonds bei PWMCO, mit Blick auf den Finanzsektor. Alex Motola, Fondsmanager bei Thornburg Investments, rechnet "mit einer andauernden Krise bis zum Ende dieses Jahres".
Für die Zukunft sehen Experten gleichwohl Potenzial: Sie verweisen auf die vergleichsweise moderate Bewertung des Marktes und die immer noch robuste Weltwirtschaft. Für Commerzbank-Ökonom Gerald Müller bietet auch die Währung Chancen: "Der Dollar hat schon stark korrigiert. Insofern wäre ein billiger Einkauf in den USA möglich." Für die kommenden Monate rät aber auch er zur Vorsicht: "Wir hoffen, dass ab dem dritten Quartal 2008 das Gröbste vorbei sein wird."
John Calverley, Chefstratege der American Express Bank, kann der Kreditkrise sogar etwas Positives abgewinnen: "Die Investoren sind vorsichtiger geworden und haben wieder gelernt, mit Risiken umzugehen." Krisen bieten bekanntlich die Chance, günstig einzusteigen - das hat sich nicht nur 1987 bewahrheitet, sondern schon 1857.
  • Aus der FTD vom 19.10.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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