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Merken   Drucken   21.01.2008, 20:04 Schriftgröße: AAA

Agenda: Gold ist knapp wie nie

Dossier Börsencrash und Immobilienkrise lassen die Anleger ins Gold fliehen. Der Preis des Edelmetalls ist so hoch wie nie. Bloß die Minenkonzerne haben wenig davon - sie sind auf den beispiellosen Run nicht vorbereitet. von Andrzej Rybak (Obuasi) und Claus Hecking (Hamburg)
Sansu-Schacht, Sohle 17, 550 Meter unter der Erde. Mit ohrenbetäubendem Lärm beißt sich der Monsterbagger in einen abgesprengten Gesteinshaufen. Krachend leert er die Schaufel über einer Grube aus, die mit massiven Eisengittern bedeckt ist. Was hängen bleibt, zerbrechen ferngesteuerte Riesenbohrer. Staub wirbelt durch die Dämmerung, die Gesichter der Arbeiter sind kaum zu erkennen. Es wirkt, als hätten die Roboter die Herrschaft über die Mine übernommen.
Auf der Suche nach Gold fressen sich Menschen und Maschinen in den Felsen von Obuasi. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Wie eine Armee von Termiten durchziehen sie die Erdkruste im Süden Ghanas mit einem Netz aus Schächten und Stollen, Rampen und Korridoren, alle miteinander präzise verbunden. Fünf Millionen Tonnen goldhaltiger Felsen werden hier jährlich abgebaut, zerstückelt, zerkleinert, zersiebt. Kilometerlange Förderbänder tragen den Schotter zu einer mächtigen Industrieanlage. Riesige Mühlen pulverisieren den Felsen, Zentrifugen schleudern das schwere Edelmetall aus dem Gestein, chemische Bäder binden das Gold, elektrischer Strom befreit es von Verunreinigungen. Jährliche Ausbeute: 400.000 Feinunzen pures Gold im Wert von 320 Mio. $.
Gold immer begehrter: Preis in Dollar je Feinunze   Gold immer begehrter: Preis in Dollar je Feinunze
Früher hat die Mine eine Million Feinunzen ausgespuckt, gut 31 Tonnen. Aber als in den 90er-Jahren die Preise einbrachen, führte der Betreiber Ashanti Gold Fields nur noch die Untertageförderung weiter, den Tagebau gab er auf: Es lohnte sich nicht mehr. Tausende Leute verloren ihre Arbeit.
Jetzt könnte die Mine jeden Mann gebrauchen. Denn mit Gold lässt sich wieder Geld machen. Subprime Crash und Dollar-Schwäche, fallende Börsen, Rezessionsängste und Terrorrisiken - zu Tausenden fliehen die Investoren ins vermeintlich krisen- und inflationssichere Edelmetall. Und dessen Preis schnellt in nie gesehene Höhen: bis auf ein vorläufiges Allzeithoch von 915,90 $ pro Unze vor zehn Tagen. Renommierte Investmenthäuser wie Goldman Sachs erwarten noch dieses Jahr 1000 $ oder mehr. "Das ist zurzeit der attraktivste Sektor der Welt", sagt David Iben, Chefstratege bei Tradewinds Global Investors.
Goldene Zeiten für die Produzenten, sollte man meinen. Doch die Minenkonzerne können den Boom kaum ausnützen. Nicht einmal Branchenriesen wie Anglogold Ashanti und Gold Fields aus Südafrika, der kanadische Weltmarktführer Barrick Gold oder Newmont Mining aus den USA sind zurzeit in der Lage, ihren Ausstoß zu steigern. Im Gegenteil: Trotz des Nachfragebooms am Goldmarkt ist die Weltproduktion im vergangenen Jahr abermals gefallen: auf 2444 Tonnen, den niedrigsten Stand seit 1998.
Schuld an der Misere hat der Preisschock der 90er-Jahre. Damals wurde eine Unze zeitweise für 253 $ verschleudert, Dutzende Minen schrieben tiefrote Zahlen. "Weil der Goldpreis jahrelang am Boden lag, haben die Betreiber große Investitionen gescheut", sagt Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Marktstratege des Hanauer Edelmetall-konzerns Heraeus. Die Konzerne versuchten lediglich, Kosten zu senken.
Jetzt ist Gold knapp wie nie. Und wird es bis auf Weiteres wohl auch bleiben. Denn von der Entdeckung einer Mine bis zur Förderung des Goldes dauert es in der Regel fünf bis zehn Jahre. Zugleich zieht die Nachfrage an: Der Absatz von Goldschmuck etwa stieg im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent. Vor allem asiatische Wachstumsregionen wie China, die Golfstaaten, die Türkei oder Russland ordern immer mehr Gold. Allein die Juweliere benötigen pro Jahr bereits 2410 Tonnen - und damit fast die ganze Weltproduktion. Hinzu kommt ein stetig wachsender Bedarf der Medizin- und Elektroindustrie, von Handyherstellern bis zu Computerfabrikanten.

Teil 2: Wo noch Reserven schlummern

  • Aus der FTD vom 22.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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