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Merken   Drucken   01.10.2007, 19:21 Schriftgröße: AAA

Agenda: Spanischer Bauboom am Ende

Wohnungen stehen leer, Bauaktien stürzen ab, Makler schließen Büros. Die Euphorie am spanischen Immobilienmarkt ist dahin. Jetzt bangen viele Bürger um ihr Wirtschaftswunder. von Karin Finkenzeller (Madrid)
Fernando García kam gerade aus dem Sommerurlaub zurück, da erwartete ihn im Briefkasten eine unangenehme Überraschung. "Die Summe der Rechnungen war um einiges höher als mein Kontostand", erzählt der 45-jährige Verwaltungsangestellte zerknirscht. Da er bei seiner Bank bereits einen Kredit für das 2001 gekaufte Haus, einen weiteren für das neue Auto und dazu ein Verbraucherdarlehen über 10.000 Euro laufen hat, hofft der zweifache Vater nun auf Credit Services. Das ist eine auf Umschuldung von Krediten spezialisierte Finanzagentur, wie sie überall in Spanien aus dem Boden sprießen - und die nun noch mehr Zulauf bekommen dürften. Denn nach dem Schock des Subprime-Debakels in den USA verschärfen Spaniens Banken die Konditionen für die Kreditvergabe.
Besonders auf dem Immobilienmarkt in Spanien ist die Lage brisant   Besonders auf dem Immobilienmarkt in Spanien ist die Lage brisant
Die Vereinigten Staaten sind mit ihrer Immobilienkrise nicht allein. Einigen europäischen Staaten geht es ebenso. Besonders brisant ist die Lage in Spanien. Jahrelang kannten die Preise für Gebäude oder Grundstücke nur eine Richtung: nach oben. In ihrem Kaufrausch verschuldeten sich viele Verbraucher - im festen Vertrauen, dass der Preis ihres neuen Eigenheims sowieso automatisch weitersteigen würde. "Viele fühlten sich wie Millionäre", sagt Pedro Javaloyes, Sprecher der Finanzagentur Agencia Negociadora de Productos Bancarios. Tatsächlich aber haben sich die Spanier überhoben. Heute stehen sie durchschnittlich mit sagenhaften 117 Prozent ihres Jahreseinkommens in der Kreide. Nun wächst im Land die Angst vor einem Wirtschaftseinbruch.
Fast ein Jahrzehnt lang lief alles prächtig für Spaniens Bauherrn. Jahr für Jahr wuchs der Wert ihrer Eigenheime im zweistelligen Prozentbereich, dazu fielen die Kreditzinsen auf einen historischen Tiefststand - und so waren Zweit- oder gar Drittwohnungen an der Küste oder in den Bergen alltäglich. Nun aber droht der Boom abrupt zu enden. Die Großbank BBVA  prognostiziert für dieses Jahr zwar noch einen Häuserpreisanstieg von 5,5 Prozent, für 2008 aber nur noch ein Plus von 1,4 Prozent. Anders als früher können viele Spekulanten ihre Immobilie nicht mehr automatisch mit sattem Zugewinn weiterverkaufen.
Laut einer Untersuchung der Investmentbank Morgan Stanley sind in Belgien, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Schweden und Spanien die Eigenheimpreise seit 1997 viel stärker gestiegen, als es Lohnzuwächse, Bevölkerungs- und Zinsentwicklung nahelegen würden. Stattliche 47 Prozent betrage diese durchschnittliche Übertreibung. In Spanien sei die Lage besonders kritisch, sagt Thomas Beyerle, Chefresearcher der Allianz-Immobilientochter Degi. "Hier hat die Spekulationsblase dramatische Ausmaße angenommen."
Zugleich müssen sie immer höhere Tilgungsraten stemmen: Acht Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank in den vergangenen 18 Monaten haben die meist zu variablen Zinssätzen abgeschlossenen Kreditverträge empfindlich verteuert. So manche Rechnung geht da nicht mehr auf.
Fernando García etwa bezahlt zurzeit monatlich 600 Euro für seine Hypothek, dazu 280 Euro für das Auto und 150 Euro für den Verbraucherkredit. Sein Nettoverdienst von 1700 Euro reicht da kaum noch zum Leben. "Wenn ich nicht zusätzlich noch eine Kreditkarte hätte, würde es gar nicht funktionieren", sagt García. Wie ihm geht es vielen seiner Landsleute: Nach Umfragen von Verbraucherinstituten sind drei von fünf Haushalten am Ende des Monats in den roten Zahlen.
Für Spaniens Volkswirtschaft könnte dies schwerwiegende Folgen haben. Sie basiert vor allem auf dem Privatkonsum und dem Bausektor - und nun wackeln beide Säulen. Zwar stieg der private Verbrauch im zweiten Quartal noch immer um 3,3 Prozent. Doch vor allem die Ausgaben für langlebige Güter wie Autos nehmen ab. Mittlerweile verkneifen sich viele Spanier sogar den üblichen Restaurantbesuch zu Mittag oder die abendliche Tapas-Tour durch die Kneipen.

Teil 2: Über Bedarf gebaut

  • Aus der FTD vom 02.10.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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