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Merken   Drucken   27.11.2005, 21:43 Schriftgröße: AAA

Dossier: FTD-Zinsumfrage: Experten erwarten mäßige Zinserhöhung

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Geldpolitik nach der Zinswende diese Woche nach Einschätzung von Experten nur allmählich weiter straffen. Mit 53 Prozent erwartet demnach mehr als die Hälfte der befragten Volkswirte internationaler Banken, dass der Zins nach dem angekündigten Schritt im Dezember höchstens noch einmal erhöht wird. von Mark Schieritz, Frankfurt
FTD-Zinsumfrage für den Monat Dezember   FTD-Zinsumfrage für den Monat Dezember
Dies geht aus der aktuellen Auswertung der FTD-Zinsumfrage hervor. Zwei der Institute innerhalb dieser Gruppe gehen sogar davon aus, dass es die EZB vorerst bei der Dezember-Anhebung belässt. Für die Sitzung dieser Woche wird eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent prognostiziert. Aktuell liegt der Leitzins bei 2,0 Prozent.
Damit zeichnet sich ab, dass der von Notenbankchef Jean-Claude Trichet angedeutete Kurs einer graduellen Anhebungspolitik als glaubwürdig angesehen wird. Trichet hatte am vorvergangenen Freitag signalisiert, dass er die Zinsen im Dezember erstmals seit über fünf Jahren wieder anheben will. Dies hatte an den Märkten zu Spekulationen geführt, die EZB plane wie die US-Notenbank Fed eine ganze Reihe von Erhöhungsschritten, um den Leitzins so auf ein konjunkturneutrales Niveau zu bringen.
Wenige Tage später machte Trichet jedoch deutlich, dass die EZB keine Serie von Zinsanhebungen plant. An den Finanzmärkten ist derzeit bis Ende kommenden Jahres in etwa ein Zinsniveau von 2,75 Prozent eingepreist.
"Die EZB wird es nicht schaffen, die Zinsen auf ein neutrales Niveau zu erhöhen", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der HypoVereinsbank (HVB). Die Konjunktur werde sich 2006 wieder abschwächen, was den Gegnern einer strafferen Geldpolitik Auftrieb verleihe. Als neutral bezeichnen Ökonomen einen Zins, der die Konjunktur weder stützt noch bremst. Für die Euro-Zone wird der entsprechende Wert innerhalb einer Bandbreite von drei bis vier Prozent vermutet. Die HVB prognostiziert bis Ende 2006 ein Zinsniveau von 2,5 Prozent, die BayernLB und das Bankhaus Julius Bär erwarten sogar nur einen Satz von 2,25 Prozent.
Vergleich der Befragungen   Vergleich der Befragungen
"Das Potenzial, die Leitzinsen zu straffen, ist äußerst begrenzt", sagte Carsten Klude, Volkswirt bei MM Warburg. Der EZB bleibe nur ein Zeitfenster von sechs Monaten. Dann werde die Inflationsrate deutlich sinken, was es für die Notenbank schwer mache, weitere Erhöhungen zu begründen. Es sei nicht zu erwarten, dass es den Gewerkschaften gelinge, den Kaufkraftverlust durch die höheren Ölpreise über Lohnsteigerungen wettzumachen und damit die Inflation dauerhaft zu erhöhen.
Der hohe Ölpreis hat die Teuerungsraten im Euro-Währungsraum stark steigen lassen. Bleiben weitere Energiepreiserhöhungen aus oder sinken sie sogar weiter, dürfte die Inflation nach Expertenschätzung schon bald europaweit wieder zurückgehen. In Deutschland sanken die Preise bereits im November um 0,2 Prozent, wie das Statistikamt Destatis am Freitag mitteilte.
Die EZB rechnet aber im Jahresdurchschnitt 2006 mit einer Teuerungsrate über der Marke von 2,0 Prozent, die sie selbst als Obergrenze für die Preisstabilität definiert hat. Den genauen Wert veröffentlicht die Notenbank diese Woche. Die Teilnehmer der Zinsumfrage rechnen im Schnitt mit einem Wert von 2,2 Prozent. Notenbankchef Trichet hat die bevorstehende Zinserhöhung mit den gestiegenen Inflationsrisiken begründet.
Die zehn Banken mit den bislang genauesten Prognosen   Die zehn Banken mit den bislang genauesten Prognosen
Klude geht davon aus, dass die EZB die Zinsen schon 2007 wieder senken muss. Die Weltkonjunktur schwäche sich dann ab, und in der größten Euro-Volkswirtschaft Deutschland drohe die geplante Mehrwertsteueranhebung die Wirtschaft zu bremsen. "Nicht nur die restriktive Fiskalpolitik und die restriktivere Geldpolitik, sondern vor allem die zu erwartende Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums dämpft die europäische Konjunktur", sagte Klude.
Die Volkswirte von Julius Bär erwarten diese Kehrtwende sogar noch früher: Bis Februar wird der Leitzins auf 2,5 Prozent steigen, um dann Ende 2006 wieder bei 2,25 Prozent zu liegen.
Drei der befragten Banken sagen jedoch für Ende kommenden Jahres ein höheres Zinsniveau voraus, als es derzeit an den Märkten erwartet wird. So liegt die Prognose von Credit Suisse First Boston und der Bank of America bei 3,25 Prozent. Generell werden von diesen Instituten die Konjunkturaussichten zuversichtlicher beurteilt als von der Konkurrenz.
Zur Begründung für ihre Schätzung verweisen die Ökonomen von Credit Suisse zudem darauf, dass bei einer anhaltenden Erholung der Konjunktur die volkswirtschaftlichen Kapazitäten nach ihren Berechnungen bald ausgelastet sind. Entsprechend müsse die Zentralbank handeln, weil sich sonst Inflationsdruck bilde. Solche Schätzungen zu dieser so genannten Produktionslücke sind jedoch unter Ökonomen wegen ihrer Ungenauigkeit sehr umstritten. Im Durchschnitt prognostizieren die Teilnehmer der Zinsumfrage 2006 eine Wachstumsrate von 1,8 Prozent.
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  • Aus der FTD vom 28.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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