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Merken   Drucken   02.12.2007, 20:14 Schriftgröße: AAA

FTD-Zinsumfrage: EZB hält weiter still

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach weit mehrheitlicher Einschätzung führender Volkswirte ihren Leitzins auf absehbare Zeit nicht anheben - trotz des Anstiegs der Inflation auf den höchsten Stand seit Mai 2001 und des eingetrübten Ausblicks für die Teuerung. von Mark Schrörs (Frankfurt)
Bei der FTD-Zinsumfrage unter internationalen Banken gaben 52 Prozent an, dass sie den Zins binnen Jahresfrist - dem üblichen Prognosehorizont - konstant bei 4,0 Prozent sehen. 31 Prozent erwarten gar eine Senkung.
Die FTD-Zinsumfrage im Dezember   Die FTD-Zinsumfrage im Dezember
Laut der Umfrage glauben nur 17 Prozent der Befragten an eine Erhöhung bis Ende 2008. Erstmals seit Beginn des aktuellen Straffungszyklus im Dezember 2005 überwiegt damit sogar die Zahl der Beobachter, die kurz- oder mittelfristig sinkende Zinsen erwarten, die Zahl jener Experten, die auf steigende Zinsen setzen. Für diesen Donnerstag erwartet niemand eine Änderung.
Die Prognosen deuten an, dass die Beobachter jüngste mahnende Kommentare der EZB zur Inflation primär als Versuch sehen, die Inflationserwartungen zu kontrollieren - und weniger als Signal für bevorstehende Zinserhöhungen. Sollte sich die Einschätzung verfestigen, dass der nächste Schritt der EZB eine Zinssenkung ist, könnte das die Rekordrally des Euro dämpfen. Sinkende Leitzinsen machen Anlagen in einer Währung unattraktiver.
Die zehn Banken mit den bislang genauesten Prognosen   Die zehn Banken mit den bislang genauesten Prognosen
Seit der Zinssitzung Anfang November hat sich das Dilemma der EZB erneut verschärft. Einerseits steigt die Inflation massiv an. Am Freitag wurde bekannt, dass die Teuerung im November unerwartet deutlich auf 3,0 Prozent hochgeschnellt ist. Anfang 2008 könnte der Wert nach Ansicht einiger Ökonomen gar auf 3,3 Prozent steigen. Die EZB strebt knapp 2,0 Prozent an.
Andererseits haben sich die Turbulenzen an den Finanzmärkten, vor allem die Spannungen an den Geldmärkten, wieder verstärkt. Die EZB hat sich bereits genötigt gesehen, wieder mehr Liquidität in den Markt zu pumpen. Am Freitag kündigte sie zudem an, ihren regulären Hauptrefinanzierungstender am 19. Dezember von einer auf zwei Wochen zu verlängern, um Liquiditätsengpässe zum Jahresende zu vermeiden. Daraufhin sanken die Zinsen am Geldmarkt. Zuvor wurden für Dreimonatsgeld zeitweise mehr als 4,8 Prozent verlangt.
Vergleich der Befragungen   Vergleich der Befragungen
Zu den Finanzturbulenzen kommen der starke Euro und der hohe Ölpreis als Risiken. "Angesichts der hohen Inflation wird die EZB weiter ihre Neigung zu steigenden Zinsen betonen, aber das wegen der Konjunkturrisiken nicht umsetzen", sagte Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
Mit besonderer Spannung sehen die Beobachter den neuen Projektionen der EZB entgegen. Erwartet wird, dass sie für das Wachstum 2008 im Mittel nur rund 2,0 Prozent vorhersagt - statt bislang 2,3 Prozent. Das Potenzialwachstum sieht die EZB derzeit bei 2,25 Prozent.
Zugleich dürfte sie die Projektion für die Teuerung 2008 nach oben nehmen. Bislang war sie im Mittel von 2,0 Prozent ausgegangen. Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt bei Barclays Capital, hält es für möglich, dass die EZB 2,3 Prozent prognostiziert. Die von der FTD befragten Volkswirte haben ihre Inflationsprognose bereits deutlich von 2,1 auf 2,3 Prozent angehoben.
Erstmals äußert sich die EZB zu ihren Erwartungen für 2009. Was sie zur Inflation sagt, ist für José Alzola, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup, das "Schlüsselsignal". Eine Projektion von 2,0 Prozent würde Alzola so interpretieren, dass die EZB eine Zinserhöhung weiter für möglich hält. "Ein Wert unter 2,0 Prozent würde dagegen eine nahezu neutrale Haltung andeuten."
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat klargemacht, dass die Notenbank den aktuellen Anstieg der Inflation als "Buckel" sieht, der sich 2008 wieder abflachen sollte. Zudem hat er wiederholt betont, dass die EZB bei der Preisstabilität auf den mittelfristigen Ausblick blickt. Im Mai 2001 hatte die EZB trotz hoher Teuerung die Zinsen gesenkt.
  • Aus der FTD vom 03.12.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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